Zementproduktion: Kosten, Schäden und Alternativen. Zu den globalen Auswirkungen einer nicht umweltfreundlichen Industrie

Kritik am Greenwashing: Proteste vor der Hauptversammlung 2021 des Baustoffkonzerns HeidelbergCement„Kein Baustoff prägt unsere Welt so sehr wie Beton – und kein Baustoff richtet so viel Schaden an. 40 Prozent der gesamten anthropogenen Masse auf diesem Planeten beruhen auf Zement – flüssigem Stein, gegossen in Brücken, Dämme, Wohnblöcke, Datenzentren. Selbst der KI-Boom steht wortwörtlich auf Betonfundamenten. Die Bilanz ist verheerend: Beton ist für acht bis neun Prozent der globalen CO-Emissionen verantwortlich, für zerstörte Ökosysteme, vergiftete Luft, absinkende Städte, Berge von Abfall. Und dennoch wachsen Produktion und Verbrauch: 25 Milliarden Tonnen jährlich, Tendenz steigend. Die Studie von Tom Ackers, Conrad Kunze, Paulina Orozco, Matthias Schmelzer und Nils Urbanus  (…) zeigt, dass Zement der offensichtliche Schmierstoff der „imperialen Bauweise“ ist. Die Nebenwirkungen werden mit viel Aufwand unsichtbar gemacht. Nicht zufällig, denn mächtige Industrien haben ein Interesse daran, dass das so bleibt…“ Aus dem Vorwort von Ulrich Brand und Stefan Thimmel vom Mai 2026 externer Link bei der Rosa Luxemburg Stiftung – siehe mehr daraus und zu der Studie:

  • Weiter aus dem Vorwort von Ulrich Brand und Stefan Thimmel vom Mai 2026 externer Link bei der Rosa Luxemburg Stiftung : „… Zement ermöglicht relativ günstiges, schnelles, skalierbares Bauen – und damit die Ausweitung einer Bautätigkeit, die laut dem Architekturprofessor Werner Sobek für über 50 Prozent der klimaschädlichen CO-Emissionen verantwortlich ist, rechnet man Transport, Abriss und Recycling mit ein. Beton ist nicht neutral. Er ist der Stoff, aus dem die imperiale Lebensweise gemacht ist – einerseits auf Kosten der Natur und andererseits auf dem Rücken der Arbeitskräfte – zum Beispiel auf den Baustellen weltweit und vor allem im globalen Süden. Das zeigt sich konkret bei einem der großen Player: Heidelberg Materials. Als einer der weltgrößten Zementkonzerne betreibt er über seine israelische Tochtergesellschaft Werke und Steinbruch in den besetzten palästinensischen Gebieten (Westjordanland), aber auch in der Westsahara. Pakistanische Bäuer*innen klagen das Unternehmen an, weil die Emissionen ihre Lebensgrundlagen zerstören, was unter anderem bei den verheerenden Flutkatastrophen im Sommer 2022 sichtbar wurde. Die zerfallenden Brücken in aller Welt erzählen die Schattenseite des billigen Massenbauens – Beton hat eine relativ kurze Lebensdauer und ist gebaut auf Verschleiß. Zehn Milliarden Tonnen Betonschrott jährlich, downgecycelt oder einfach weggeworfen. Das ist kein Versagen. Das ist System. Die ökologische Krise ist kein Zukunftsszenario. Sie ist gelebter Alltag. Ein Weiter-so ist keine Option – und erst recht kein auf reine Zahlen ausgerichtetes „Bauen, Bauen, Bauen“. Beton zementiert nicht nur Gebäude und Straßenverkehr. Er zementiert Machtverhältnisse, Ausbeutungsstrukturen, kurz: eine imperiale Lebens- und Bauweise, die die planetaren Grenzen längst überschritten hat. Diese Studie legt die Kosten offen. Es ist Zeit, am Fundament zu rütteln.“
  • Mehr in der  41-seitigen deutschen Kurzfassung externer Link von „Zementproduktion: Kosten, Schäden und Alternativen“ Stiftung vom Mai 2026 bei der Rosa Luxemburg der AutorInnen Tom Ackers, Conrad Kunze, Paulina Orozco, Matthias Schmelzer und Nils Urbanus (die englische Originalstudie ist auch bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung erschienen)
  • Studie der Rosa-Luxemburg-Stiftung: Planet aus Beton
    „… Beton ist überall – von den Straßen, auf denen wir gehen, bis zu den Häusern, in denen wir leben. Der Baustoff ist so weit verbreitet, dass es uns fast nicht mehr auffällt. Noch weniger sind uns im Alltag die Schäden bewusst. »Wenn wir die Klimakrise bewältigen wollen, müssen wir auch die Zement- und Betonproduktion angehen«, sagt Nils Urbanus, Gründungsmitglied der Gruppe End Cement und Mitautor der Studie »Zementproduktion: Kosten, Schäden und Alternativen«, am Montag bei deren Vorstellung. (…) Bei der Ressourcengewinnung werden Landschaften vor allem im globalen Süden verändert. Tausende Tier- und Pflanzenarten sind bedroht, indigene Gemeinschaften gefährdet. (…) Dabei hat die Zementindustrie eine riesige Lobby. Laut der Studie war sie so einflussreich, dass sie bei der Ausgestaltung des EU-Emissionshandelssystems nicht nur keine starke Regulierung zu befürchten hatte, sondern Milliardengewinne durch überschüssige CO₂-Zertifikate erzielen konnte. Die Autor*innen fordern: Wo sich die Verwendung von Zement nicht vermeiden lasse, sollten weniger schädliche Sorten als der klassische Portlandzement verwendet werden. Zudem könnte mit ganz anderen Materialien wie Holz, Bambus, Stein oder Hanf gebaut werden, mit denen Menschen bereits jahrtausendelang gebaut hätten. Zugleich könnten rein technologische Ansätze das Problem nicht lösen. Der Umfang, in dem Beton verwendet werde, sei einfach zu groß, heißt es in der Studie. Darum sei auch eine soziale Lösung notwendig: weg von einem »profitorientierten System aus Beton« hin zu einem demokratisierten Bauen, das sich nach Bedürfnissen ausrichte. Vorhandene Gebäude sollten gerechter verteilt und Luxusprojekte eingeschränkt werden. Vor allem im globalen Norden könnten Neubauten vermieden werden. »Als wir mit End Cement angefangen haben, hatten wir das Gefühl, dass die Zementindustrie in der Klimakrise komplett übersehen wird«, sagt Urbanus. »Doch während der Studie haben wir gesehen: Es gibt schon so viele Kämpfe.« Durch Vernetzung solle mehr Widerstand aufgebaut werden. So kämpften Kleinbäuer*innen im indonesischen Zentraljava seit 2006 gegen eine geplante Zementfabrik und einen Steinbruch. Doch solche Kämpfe seien dezentralisiert, während die Unternehmen monopolisiert seien. Um dagegen anzukämpfen, hat End Cement dieses Jahr bereits zum zweiten Mal ein Protestcamp in Heidelberg organisiert. Der dort ansässige Konzern Heidelberg Materials stehe beispielhaft für die Zementindustrie. Sein CO₂-Fußabdruck übersteige den von Ländern wie Österreich oder Rumänien. Urbanus sagt: »Es ist ganz ähnlich wie früher bei Kohle und Atomkraft: Wir müssen einfach erst einmal das Gespräch darüber beginnen.«“ Rezension von Ruta Deyer vom 19. Mai 2026 in Neues Deutschland online externer Link
Kurzlink: https://www.labournet.de/?p=235692
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