Nachunternehmerregime. Ausgebeutet, verschlissen, verschwiegen: Das Handwerk als Kostenfaktor im deutschen Akkumulationsmodell

Y-Kollektiv: Ausbeutung auf Baustellen – So prekär leben Wanderarbeiter in Deutschland„Das Handwerk gilt in Politik und Medien als Teil der gesellschaftlichen Mitte. Besonders die Bau- und Ausbaubranche wird als Wachstumsmotor der deutschen Volkswirtschaft gefeiert: volle Auftragsbücher, steigende Investitionen, milliardenschwere Förderprogramme. Diese Erzählung ist keine Fehleinschätzung, sondern ideologische Verschleierung. Sie verdeckt, dass der wirtschaftliche Erfolg des Handwerks auf einem Produktionsmodell beruht, das systematisch Lohnkosten senkt, Risiken externalisiert und Arbeitskraft auf Verschleiß nutzt. Längst ist das Handwerk kein kleinbürgerlicher Sektor mehr. Rund drei Viertel der Beschäftigten arbeiten lohnabhängig…“ Artikel von Tom Biebl in der jungen Welt vom 5. Februar 2026 externer Link („Von wegen gesellschaftliche Mitte“) und mehr daraus:

  • Weiter aus dem Artikel von Tom Biebl in der jungen Welt vom 5. Februar 2026 externer Link („Von wegen gesellschaftliche Mitte“): „… Das Handwerk ist proletarisiert – nicht als Selbstbeschreibung, sondern als materielle Tatsache. Zentral für dieses Akkumulationsmodell ist das Nachunternehmerregime. Generalunternehmer sichern sich Aufträge, Finanzierung und öffentliche Sichtbarkeit. Die eigentliche Wertschöpfung – die körperliche handwerkliche Arbeit – wird über mehrere Stufen nach unten vergeben. Jeder Nachunternehmer steht unter dem Zwang, billiger und schneller zu liefern. Der ökonomische Druck wird weitergereicht, während Profite am oberen Ende konzentriert bleiben. Haftung, Verantwortung und Risiken werden fragmentiert. Dieses System ist kein Missbrauch, sondern funktionale Voraussetzung der Profitabilität. Viele deutsche Unternehmen sind in diesem Modell kaum noch produktiv tätig. (…) Der Wert wird unten erzeugt, oben realisiert. Die Last trägt, wer arbeitet. Arbeitsunfälle sind in diesem System kein Ausnahmefall, sondern einkalkuliertes Risiko. Hoher Zeitdruck, mangelhafter Arbeitsschutz und fehlende Pausen führen zu überdurchschnittlichen Verletzungsraten. Viele Unfälle werden nicht gemeldet, weil sie Termine, Vertragsstrafen und Folgeaufträge gefährden.  (…) Gewerkschaften wie die IG BAU oder die IG Metall können dort Verbesserungen durchsetzen, wo tarifliche Bindung existiert. Doch das Nachunternehmerregime unterläuft Tarifstandards systematisch. Ein wachsender Teil der Beschäftigten bleibt außerhalb gewerkschaftlicher Reichweite. Die Rede vom Handwerk als gesellschaftliche Mitte dient der politischen Entlastung dieses Systems. Tatsächlich handelt es sich um einen zentralen Sektor kapitalistischer Akkumulation, dessen Erfolg auf der systematischen Abwertung menschlicher Arbeitskraft beruht. Wer dieses Modell angreift, greift nicht Fehlentwicklungen an, sondern die ökonomische Grundlage der Branche. Genau deshalb wird es verteidigt – politisch, juristisch und ideologisch.“

Siehe z.B. auch unser Dossier: IG BAU zum Zentralverband des Deutschen Handwerks, dem das Bürgergeld zu hoch ist: „Rauf mit den Löhnen, dann klappt’s auch mit dem Abstand“

Kurzlink: https://www.labournet.de/?p=233962
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