Am 16. Juli 1973 begann ein »wilder Streik« beim Autozulieferer Hella in Lippstadt: »Wir hatten diese Ungerechtigkeiten satt« (Irina Vavitsa)

[Fernseh-Doku] Wilde Streiks – Der heiße Herbst 1969„Beim »wilden Streik« bei Hella in 1973 waren Sie nicht nur dabei, sondern waren als sogenannte Gastarbeiterin eine der aktiven Initiatorinnen. Wie war Ihr Leben vor der Zeit bei Hella?“ fragt Sidar Carman im Interview in der jungen Welt vom 23. November 2021 externer Link die damalige Mitinitiatorin Irina Vavitsa: „… Wir wohnten in Lippstadt in den Wohnheimen der Hella-Werke. Sobald der Arbeitsvertrag unbefristet wurde, mussten wir dort ausziehen. Ich erinnere mich, wie ich bei der unbefristeten Übernahme zusätzlich ein Papier unterschreiben musste, worin ich versicherte, nicht schwanger zu sein. Heute machen das die Arbeitgeber raffinierter. (…) Etwa 60 bis 70 Prozent der Gastarbeiter waren Frauen. Wir kamen aus unterschiedlichen Ländern, arbeiteten zusammen, aber kannten die Sprache nicht…“ Siehe mehr daraus und dazu:

  • Dreimal Migrantin: Sowjetunion, Griechenland, Deutschland – die Lebensgeschichte der Gewerkschafterin Irina Vavitsa, Streik-Mitinitiatorin bei Hella in Lippstadt New
    „Ist von »wilden Streiks« die Rede, wird meistens an den Arbeitskampf im August 1973 bei Ford in Köln gedacht. Doch bereits einige Wochen zuvor hatten Tausende migrantische Arbeiter*innen im westfälischen Lippstadt gestreikt – beim Automobilzulieferer Hella. Zentrale Akteurin dieser Auseinandersetzungen war die damals 23-jährige Griechin Irina Vavitsa. Die nicht besonders große, aber immer noch vor Energie sprühende Rentnerin lacht, wenn sie nach der Geschichte des Streiks gefragt wird. »Das könnte etwas länger dauern.« Und tatsächlich: Was Irina Vavitsa zu erzählen hat, ist ein filmreifer Stoff. Vavitsa wird 1950 als Kind griechischer Widerstandskämpfer im sowjetischen Exil in Taschkent geboren. »Meine Eltern waren nach der Niederlage im Bürgerkrieg über die albanische Grenze geflohen«, berichtet sie. Dass sie schließlich in der usbekischen Hauptstadt gelandet seien, habe am Klima gelegen. Die sowjetische Regierung war der Ansicht, dass es den Griech*innen in Zentralasien leichter fallen werde, Fuß zu fassen. Dreimal wurden die Mitglieder der Familie Vavitsa auf diese Weise zu Migrant*innen: 1950 in der Sowjetunion, 1966 in Griechenland und 1970 in Deutschland. Bemerkenswerterweise schneidet der untergegangene sozialistische Staat in Irina Vavitsas Erinnerung mit Abstand am besten ab: »Wir Griechen sind super aufgenommen worden – obwohl die Sowjetunion so zerstört war.« Alle hätten sofort eine Wohnung, Jobs und Schulplätze bekommen. Selbst als der Vater nach einem Arbeitsunfall behindert gewesen sei, habe sich die Familie materiell keine Sorgen machen müssen. (…)
    Dass die Vavitsas 1966 dennoch nach Griechenland zurückgekehrt seien, habe politische Gründe gehabt. »1964 gab es in Griechenland eine Amnestie, und meine Eltern wollten als Linke für ein sozialistisches System in ihrem Heimatland kämpfen.« Doch das Angebot der griechischen Regierung habe sich als Bluff erwiesen. (…)
    Erst als Irina Vavitsa Ende der 60er Jahre heiratete, erhielt sie griechische Papiere. »Weil es damals das Anwerbeabkommen gab, haben wir uns für Deutschland gemeldet. Das Absurdeste für mich war, dass ich von meinem Mann die Erlaubnis einholen musste, um in Deutschland arbeiten zu dürfen. Walentina Tereschkowa war als Frau im Weltall, und in Deutschland musste ich meinen Mann um Erlaubnis fragen, um arbeiten zu gehen. Mein Mann war auch ein Genosse, wir konnten das gar nicht glauben.« Das junge Ehepaar landete in Lippstadt, wo bei Hella am Band fast nur ausländische Kollegen arbeiteten: »Spanier, Italiener, Jugoslawen und Griechen. Der Gesundheitsdienst hat uns untersucht: Herz, Lunge, Zähne … Wir sollten olympiareif sein.« Die Rentnerin lacht. »Aber vor allem durften wir Frauen nicht schwanger sein.« Überhaupt hat sie über die erste Zeit in Deutschland wenig Positives zu berichten. »Wir haben keine Wohnung gefunden. Und das Einzige, was die Dolmetscher uns erklärten, war, dass wir pünktlich sein und die Stückzahl schaffen sollten.« Über ihre Rechte hingegen habe man ihnen nichts gesagt – was auch an den Gewerkschaften gelegen habe. »Wir sollten so lange bleiben, wie die Arbeitgeber uns brauchen und danach wieder abhauen. Und der DGB hat sich diese Arbeitgeberperspektive zu eigen gemacht.« (…) Mit der IG Metall seien die Beziehungen etwas besser gewesen als mit dem DGB oder dem Betriebsrat. Über die Griechenland-Solidarität habe es politische Kontakte und dadurch mehr Verständnis gegeben. Doch im Großen und Ganzen hätten die Gewerkschaften die Migrant*innen als Problem betrachtet. »Heute sagen viele Gewerkschafter, dass man damals einen Fehler begangen habe. Für mich war der Ausländerhass, den ich gespürt habe, auf jeden Fall völlig neu. Taschkent war eine extrem internationale Stadt gewesen – mit vielen Studierenden aus afrikanischen und lateinamerikanischen Ländern.« (…) Der Streik bei Hella brach schließlich aus, weil der Betriebsrat während der Ölkrise 1973 für die deutschen Facharbeiter eine Zulage in Höhe von 60 Pfennig pro Stunde ausgehandelt hatte. (…) Trotz massiven Drucks von Medien, Kolleg*innen und Firmenleitung war der Streik am Ende erfolgreich. (…)
    Mit den Kämpfen sei auch ihr Selbstbewusstsein gewachsen. Und in der IG Metall dann habe sie persönlich viel gelernt. Vavitsa ist immer noch politisch aktiv – vor allem gegen die Spaltung der Beschäftigten. »Deutsche gegen Ausländer, Wessis gegen Ossis, Festangestellte gegen Leiharbeiter. Es ist immer wieder das gleiche Spiel.«“
    Artikel von Raul Zelik vom 26. März 2026 in Neues Deutschland online externer Link und auch:

    • Die »andere« Arbeiterklasse: 1973 wurden migrantische Arbeiterinnen und Arbeiter zu zentralen Akteuren in Streiks
      „Wenn Irina Vavitsa über ihr Leben, über Arbeit und betriebliche Kämpfe in Lippstadt berichtet, kommt die Sprache immer wieder auf ihren Vater. Er war Widerstandskämpfer in Griechenland und mahnte: »Als Mensch musst du dein ganzes Leben für Frieden und Gerechtigkeit kämpfen, egal, wie alt du bist.« Eine Überzeugung, die Irina Vavitsa trug, als sie 1973 hochschwanger beim Autozulieferer Hella einen spontanen Streik mitorganisierte und die sie bis heute begleitet. Vavitsa war eine von über 12 000 Frauen, die 1971 aus Griechenland in die BRD migrierten und Teil einer Personengruppe, die in besonderer Weise unsichtbar blieb, bis sie es nicht mehr zuließ. Der instrumentelle Umgang mit ausländischen Arbeiter*innen, der mit einer mehr oder weniger abgeschotteten Unterbringung, harten Arbeitsbedingungen und zunächst auch mit ihrer rotationsmäßigen Rückkehr kalkulierte, war arbeits- wie lebensweltlich auf die Trennung von der deutschen Bevölkerung ausgerichtet. Die Lebensbedingungen der Arbeitsmigrant*innen blieben im öffentlichen Bewusstsein lange unsichtbar oder wurden durch letztlich rassistische Haltungen legitimiert. Symptomatisch dafür stehen etwa die überraschten Reaktionen auf die Reportagen Günter Wallraffs zu Beginn der 80er Jahre und die Unbekanntheit erfolgreicher türkischsprachiger Künstler*innen: Von der Kölnerin Yüksel Özkasap etwa, die aufgrund immenser Plattenverkäufe mit mehreren goldenen Schallplatten ausgezeichnet wurde, hatten die meisten Deutschen mindestens bis zum Erscheinen des Kinofilms »Aşk, Mark ve Ölüm – Liebe, D-Mark und Tod« noch nie etwas gehört. Mehreren Generationen an Aktivist*innen ist es zu verdanken, dass die Streiks von 1973 stärker im gesellschaftlichen Bewusstsein verankert sind. Seit den Morden von Hanau sind migrantische Selbstorganisationen erstarkt. Die sogenannte zweite und dritte Generation durchforstet die eigene Geschichte – auch für die eigene Traditionsbildung. (…)
      Um die Logik der 73er-Streiks zu begreifen, genügt der Blick auf die Bedingungen der Anwerbung und auf Tarifauseinandersetzungen nicht. Die Arbeitskämpfe damals waren Teil internationaler protestreicher Entwicklungen: Fabrikkämpfe in Italien und Betriebsbesetzungen in Frankreich demonstrierten die Kampfkraft von Arbeitenden, viele linke Gruppen fokussierten auf betriebliche Arbeit, und Studierende »gingen ins Proletariat«. Es war eine Atmosphäre, in der das Bewusstsein über die eigene Handlungsmacht und die Relevanz der betrieblichen Kämpfe wuchs. Zudem waren die Auseinandersetzungen von der internationalen Erfahrung der Beschäftigten geprägt. Teilweise waren sie aus ihren faschistischen oder diktatorischen Herkunftsländern ein größeres Risiko politischer Arbeit gewohnt oder kannten andere, militantere Streikpraktiken. Irina Vavitsa ist hierfür ein Beispiel. Baha Targün, dem es als Streikführer bei Ford gelang, seine Kolleg*innen über weite weltanschauliche Differenzen hinweg im Streik zu einen, oder der Spanier Andres Lara, der 1972 bei Opel in Bochum kämpfte, sind weitere. Mit dem von unten durchgesetzten Erinnern droht heute nun allerdings von oben die ideologische Eingemeindung: die BRD als diverses und erfolgreiches Einwanderungsland, das seine Lektionen gelernt hat und auch Migrant*innen sozialen Aufstieg ermöglicht. Das ist offensichtlich falsch. Zum einen werden heute andere migrantische Gruppen in ähnlicher oder schlimmerer Form ausgebeutet als die Angeworbenen der 50er bis 70er Jahre. Zum anderen mussten die Errungenschaften migrantischen Widerstands weiterhin verteidigt werden. Der Anwerbestopp im November 1973 war nicht zuletzt eine Antwort der Regierung auf das neu gewonnene Selbstbewusstsein der Angeworbenen – unter der Regierung Willy Brandts und im Einverständnis der Gewerkschaften. Um die Streikenden von 1973 also realistisch zu würdigen und um aus ihren Kämpfen zu lernen, ist es also nötig, sie ganz im Sinne Irina Vavitsas und ihres Vaters zu begreifen – als Teil von Klassenauseinandersetzungen, die auch heute weitergeführt werden.“
      Artikel von Nuria Cafaro vom 26. März 2026 in Neues Deutschland online externer Link
  • »Wir hatten diese Ungerechtigkeiten satt«
    „… In der Pause saßen wir zusammen, Spanier, Jugoslawen, Italiener, Griechen. Frauen und Männer. Wir haben mit Händen und Füßen versucht, uns zu verständigen, und es hat geklappt. Weil jeder von uns wichtig war. Wenn was war, galt eine für alle, alle für einen. (…) Irgendwann saßen wir zusammen in der Pause und hielten unsere Lohnabrechnungen in den Händen: Wir verstanden nicht, was netto und was brutto ist. Wir konnten die Abrechnung nicht lesen, verstanden nicht, was Lohngruppe, was Lohnsteuer bedeutet. Wir wussten nur, was ganz unten als Summe stand und haben die Unterschiede gesehen. (…) Als wir erfuhren, dass die deutschen Facharbeiter eine freiwillige Zulage erhalten, hat uns das auf die Palme gebracht. (…)  Wir forderten 50 Pfennig mehr, gleichen Lohn bei gleicher Arbeit und die Abschaffung der sogenannten Leichtlohngruppe. Wir hatten diese Ungerechtigkeiten satt. Wir wollten Anerkennung…“ Noch aus dem Interview von Sidar Carmanin der jungen Welt vom 23. November 2021 externer Link
Kurzlink: https://www.labournet.de/?p=195436
nach oben