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Deutsche Unternehmen im Nationalsozialismus und wie sie bis heute profitieren: »Ohne die Nazis gäbe es Porsche heute wahrscheinlich nicht«
„Berühmte deutsche Unternehmer finanzierten das Naziregime. Der Historiker David de Jong untersucht, wie die reichsten Familien dieses Landes bis heute davon profitieren. David de Jongs Großvater war ein jüdischer Unternehmer, dem mehrere Strumpffabriken gehörten. Nach der Besetzung der Niederlande durch die Nationalsozialisten verlor er zwischenzeitlich alles: seine Betriebe, sein Eigentum und seine Familie. Während er sich in Amsterdam verstecken musste, übernahmen andere sein Vermögen. Jahrzehnte später begann sein Enkel zu recherchieren, wer von diesem Unrecht profitierte. Im Interview erklärt der Historiker de Jong, wie Deutschlands reichste Menschen ihr Vermögen durch Verbrechen in der NS-Zeit aufbauten – und es bis heute behalten und vermehren konnten. (…) Mitunter wurde später eine Abfindung gezahlt, doch das änderte nichts daran, dass die geraubten Unternehmen und Vermögen meist in den Händen der Täter blieben. Männer wie Herbert Quandt oder August von Finck kämpften mit allen verfügbaren Mitteln um diesen Besitz. Und waren damit allzu oft erfolgreich…“ Interview von Marilena Piesker vom 12. Mai 2026 in der Zeit online
und mehr daraus:
- Weiter aus dem Interview von Marilena Piesker vom 12. Mai 2026 in der Zeit online
: „… Ein Beispiel ist Adolf Rosenberger, der jüdische Mitgründer von Porsche. Er hatte 1935 einen Anteil von zehn Prozent an der Porsche GmbH und wurde von seinen Mitgesellschaftern aus dem Unternehmen gedrängt. Für diesen Anteil erhielt er nur 3.000 Reichsmark. Heute liegt der Marktwert von Porsche bei fast 20 Milliarden Euro. Die zehn Prozent wären heute Milliarden wert.
ZEIT: Arisierung war aber nicht die einzige Möglichkeit, ökonomisch zu profitieren?
De Jong: Genau. Wer konnte, beteiligte sich an der Rüstungsproduktion und der Versorgung der Wehrmacht. Dr. Oetker etwa wuchs erheblich durch Backpulverlieferungen an die deutschen Streitkräfte. Und viele Unternehmer beuteten Männer, Frauen und Jugendliche als Zwangs- und Sklavenarbeiter aus, in Fabriken, Bergwerken und Arbeitslagern. (…)
Menschen wie Günther und Herbert Quandt oder Friedrich Flick glaubten nur an Profit. Aber so jemand ist sicher keineswegs harmloser als ein überzeugter Nazi. (…)
Es ist nahezu unmöglich, den exakten Anteil des heutigen Vermögens zu beziffern, der direkt auf NS-Profite zurückgeht. Zum einen, weil diese Gewinne mit bereits vor 1933 vorhandenem Vermögen verschmolzen; zum anderen wegen des Chaos der Nachkriegszeit und des Verlusts vieler Dokumente. Aber eines lässt sich klar sagen: Zwischen 1933 und 1945 wuchsen die Vermögen der Familien Quandt, Flick, Porsche-Piëch, Oetker, Kühne und von Finck enorm. Das im Dritten Reich angehäufte Kapital bildete die Grundlage für ihren Wiederaufstieg nach 1945. Ohne die Nazis gäbe es Porsche heute wahrscheinlich nicht. (…) Porsche war 1933 fast pleite. Ohne Hitlers Auftrag zur Entwicklung des Volkswagens hätte das Unternehmen wohl nicht überlebt. Das Vermögen der Familie Porsche-Piëch entstand erst im Dritten Reich. (…)
Wenn es Entschädigungen gab, war das immer zu wenig. Ende der 1990er-Jahre wurde unter massivem Druck durch Sammelklagen aus den USA die Stiftung EVZ gegründet, um ehemalige Zwangs- und Sklavenarbeiter finanziell zu entschädigen. Es flossen insgesamt etwa fünf Milliarden Euro, damals zehn Milliarden Mark, in die Stiftung. Ein überlebender KZ-Häftling erhielt daraus also etwa 7.640 Euro. Es ist peinlich und abstrus, wie wenig Geld das ist. (…) Für viele Überlebende war das besonders bitter: Die Entschädigungen kamen Jahrzehnte zu spät, blieben in ihrer Höhe oft symbolisch und erfolgten ohne jedes Schuldeingeständnis. (…)
ZEIT: Was müsste geschehen, damit diese Familien mehr Verantwortung übernehmen?
De Jong: Radikale Transparenz. Davon sind wir allerdings noch weit entfernt. Im Family Office von Stefan Quandt und Susanne Klatten, dem Günther-Quandt-Haus, steht bis heute eine Büste des NS-Patriarchen Günther Quandt, geschaffen von Arno Breker, Hitlers Lieblingsbildhauer. Und es bleibt verstörend, dass ein Preis für ein so demokratisches Gut wie den Journalismus ausgerechnet den Namen Herbert Quandts trägt – eines Mannes, der Sklavenarbeiter ausbeutete, versuchte, ein KZ-Lager errichten zu lassen, und jüdische Betriebe raubte.
ZEIT: Reicht der Einfluss der früheren NS-Profiteure also bis in die Gegenwart?
De Jong: Die neuen Generationen dieser Dynastien sind immer noch extrem einflussreich. Allein das Porsche-Piëch-Imperium umfasst heute Weltmarken wie Porsche, Volkswagen, Audi, Bentley. Fast alle Nachkommen der ehemaligen NS-Profiteure stehen in den Reichenlisten von Deutschland und Österreich ganz weit oben. Diese Familien verwalten Milliardenvermögen über Family Offices und schützen ihre Reputation mit großem Aufwand. Und was sie fast alle eint: der entschiedene Wille, die eigene Geschichte zu kontrollieren…“
Siehe z.B. auch unser Dossier: Hitlers Massenauto: Am 26. Mai 1938 legte Adolf Hitler den Grundstein für das Stammwerk des Volkswagen-Konzerns