[Buch] Thomas Kuczynski zu Karl Marx: Lohn Preis Profit

[Buch] Thomas Kuczynski zu Karl Marx: Lohn Preis ProfitLohn, Preis und Profit, 1865 als Vortrag von Marx gehalten, ist eines der in der deutschen Arbeiterbewegung meistgelesenen Werke von Marx gewesen. Die Fragestellung zu Löhnen und Preisen, zum Wert der Ware Arbeitskraft u.a. war für die damalige Arbeiterbewegung von unmittelbarem Interesse. Fragen wie: Führt die Erhöhung von Löhnen zu einer Erhöhung der Preise? Kann überhaupt die Lage der Arbeiterklasse über höhere Löhne verbessert werden? beantwortet Marx grundsätzlich und befürwortet Gewerkschaften als Sammelpunkte des Widerstands gegen die Gewalttaten des Kapitals, die allerdings dann ihre historische Aufgabe verfehlen, wenn sie nicht konkret die endgültige Abschaff ung des Lohnsystems zum Ziel haben. Mit einer Aktualisierung von Thomas Kurczynski.” Klappentext zum Buch von Thomas Kuczynski (Erschienen Juni 2015, ISBN: 978-3-944233-30-7, ca. 140 Seiten, 9,90 €) – siehe dazu Infos und Leseprobe sowie nun eine Besprechung von Sebastian Gerhardt: Was bringen Streiks? Antworten in und Fragen zu Thomas Kuczynskis Neuausgabe von Karl Marx „Lohn Preis Profit“

  • Marx popularisiert Marx. Die Einführung (26 Seiten) als exklusive Leseprobe im LabourNet Germany – wir danken!

Was bringen Streiks?

Antworten in und Fragen zu Thomas Kuczynskis Neuausgabe von Karl Marx „Lohn Preis Profit“

Über Möglichkeiten und Grenzen von Arbeitskämpfen ist seit Beginn der modernen Arbeiter- und Arbeiterinnenbewegung immer wieder gestritten worden: zu Hause und auf Arbeit, in Kneipen und auf geheimen oder öffentlichen Versammlungen. Arbeitskämpfe sind auch in der Bundesrepublik heute alles andere als einfach, die Beteiligten und ihre Familien riskieren viel. An anderen Orten sind Streiks noch heute lebensgefährlich. Eine Garantie auf Erfolg gibt es nicht. Da steht immer wieder die Frage, ob der Aufwand gerechtfertigt ist.

Eine der vielen Diskussionen zu diesem Thema hat eine besondere Wirkung entfaltet. Es war die Debatte, die am Ende der Sitzung des Zentralrates der Internationalen Arbeiterassoziation (IAA) am 14. März 1865 von John Weston, Mitglied des Zentralrates, mit der Formulierung zweier Fragen eröffnet wurde:

1. Würde nicht eine Lohnerhöhung in einem bestimmten Teil der Industrie auf Kosten der anderen erfolgen?
2. Würden nicht die erwarteten Vorteile einer allgemeinen Lohnerhöhung durch die entsprechende Erhöhung des Preisniveaus aufgehoben?
(https://www.marxists.org/history/international/iwma/documents/1865/march.htm#d14 externer Link)

Drei Wochen später kam Weston auf sein Anliegen zurück und formulierte neu:
1. Kann der gesellschaftliche und materielle Wohlstand der arbeitenden Klassen durch höhere Löhne verbessert werden?
2. Wirken sich die Bemühungen der Gewerkschaften um höhere Löhne nicht nachteilig auf die anderen Teile der Industrie aus?

Weston erklärte zugleich, er beantworte die erste Frage negativ, die zweite positiv: Die Lage der arbeitenden Klasse könne durch Lohnerhöhungen nicht verbessert werden und Lohnerhöhungen in Teilen der Wirtschaft wirkten sich negativ auf die anderen Branchen aus. (https://www.marxists.org/history/international/iwma/documents/1865/april.htm#d04 externer Link)

Jedem gewerkschaftlich Aktiven kommen die Fragen wie die Antworten John Westons bekannt vor: Einerseits wird konfliktbereiten Teilen der arbeitenden Klasse vorgeworfen, dass sie nur Eigeninteressen auf Kosten anderer verfolgten. Andererseits wird eine allgemeine Lohnerhöhung für sinnlos erklärt, weil dadurch allein das „Preisniveau“ oder gleich die „Inflation“ nach oben getrieben werde – was die Beschäftigten an Einkommen gewinnen, verlieren sie als Konsumenten, die „Lohn-Preis-Spirale“. Arbeitskämpfe wären demnach entweder unsolidarisch oder unsinnig. Wie gesagt, das kommt uns bekannt vor. So sehr hat sich der Kapitalismus seit 1865 doch nicht geändert. Und am Beispiel John Westons ist auch zu erkennen, dass derartige Theorien nicht immer das Ergebnis bürgerlicher Wissenschaft sind. Weston war Geländerbauer, ein qualifizierter Arbeiter und Sozialist, kein Feind.

Deshalb wurde er von seinen Kollegen im Zentralrat der IAA auch ernst genommen: Auf zwei Sitzungen (am 2. und 23. Mai) trug Weston seine Überlegungen vor. Die Debatte im Zentralrat zog sich bis Mitte Juli. Eines der Mitglieder nahm besonders ausführlich Stellung: Karl Marx, am 20. und 27. Juni. Er stellte sich dabei einer doppelten Aufgabe. Einerseits wollte er die Irrtümer des Kollegen nicht pauschal denunzieren – etwa nach dem Motto: „Wem nützt es, wenn hier Streiks kritisiert werden?“ Andererseits wollte er die Debatte für die Darstellung der ökonomischen Zusammenhänge zwischen Lohnarbeit und Profit nutzen. Zu einer diskutierten Veröffentlichung kam es am Ende nicht. Das Manuskript wurde erst über dreißig Jahren später gedruckt, dann jedoch rasch zu einer der populärsten Schriften des nicht immer leicht lesbaren Kritikers der politischen Ökonomie. In verschiedenen Übersetzungen wurde die Arbeit in hohen Auflagen gedruckt. Einzelausgaben sind hierzulande antiquarisch für 2 bis 3 Euro zu haben, lokal auch billiger. Digital gibt es verschiedene zuverlässige Angebote, etwa hier: http://www.dearchiv.de/php/dok.php?archiv=mew&brett=MEW016&fn=101-152.16&menu=mewinh externer Link

Für viele Marxisten war der Text die lange erwartete Gewerkschaftstheorie, die ihnen in den Konflikten um das Verhältnis von politischen und gewerkschaftlichen Kämpfen die richtige Orientierung geben sollte. Gern zitiert wurde vor allem der Schluss: „Gewerkschaften tun gute Dienste als Sammelpunkte des Widerstands gegen die Gewalttaten des Kapitals. Sie verfehlen ihren Zweck zum Teil, sobald sie von ihrer Macht einen unsachgemäßen Gebrauch machen. Sie verfehlen ihren Zweck gänzlich, sobald sie sich darauf beschränken, einen Kleinkrieg gegen die Wirkungen des bestehenden Systems zu führen, statt gleichzeitig zu versuchen, es zu ändern, statt ihre organisierten Kräfte zu gebrauchen als einen Hebel zur schließlichen Befreiung der Arbeiterklasse, d.h. zur endgültigen Abschaffung des Lohnsystems.“ Wer heutige Gewerkschaften an diesem Maßstab misst, macht sich bei seinen Kolleginnen und Kollegen nicht unbedingt beliebt.

Keine Denkmalpflege

Bei der Neuausgabe durch den Laika-Verlag in der Reihe Marxist Pocket Books ging es nicht um die bloße Verfügbarkeit des Textes. Vielmehr versucht der Verlag, historische Werke des Marxismus in die heutige Debatte einzubringen. Herausgeberschaft und Einleitung übernahm in diesem Fall der Wirtschaftshistoriker und Marx-Spezialist Thomas Kuczynski, wie er betont, nicht in „denkmalpflegerischer Absicht“.

Die Einleitung berichtet die wichtigsten Fakten zur Geschichte des Textes. Dazu gehören die konkreten Umstände der damaligen Debatte im Zentralrat der IAA, die – wenigen – Angaben zum Leben John Westons, von dem weder Geburts- noch Todesdatum bekannt sind. Dazu gehört ebenso die Geschichte der Veröffentlichungen ab 1898. Textgrundlage der Ausgabe ist die Übersetzung aus dem Englischen von Pavel Lazarevic Veller (Павел Лазаревич Веллер), dem wohl unbekanntesten unter den großen Marxforschern. Veller war der Bearbeiter und Herausgeber der Marxschen ökonomischen Manuskripte der Jahre 1857/58, der sogenannten „Grundrisse zur Kritik der politischen Ökonomie“, die in zwei Bänden erstmals in Moskau 1939 und 1941 erschienen. (http://www.marxforschung.de/docs/010213hecker.pdf externer Link ) Er meldete sich nach dem deutschen Überfall am 22. Juni 1941 freiwillig zur Volkswehr. Die Divisionen der Moskauer Volkswehr wurden Anfang Oktober in der Kesselschlacht von Wjasma (http://militera.lib.ru/h/lopuhovsky_ln01/index.html externer Link) zerschlagen oder völlig vernichtet.(Ich bin bei Wjasma gefallen. Die Volkswehr. Video (ru): https://russia.tv/brand/show/brand_id/10321/ externer Link ) Im September 1944 wurde Veller offiziell als seit 1941 „vermisst“ erfasst. (http://www.obd-memorial.ru/html/info.htm?id=34035747 externer Link). Die weiter verbreitete deutsche Ausgabe der „Grundrisse“ in einem Band, 1953 im Dietz Verlag Berlin, nennt seinen Namen nicht mehr. Neben den „Ökonomisch-philosophischen Manuskripten“ von 1844 waren die Grundrisse eines der Lieblingswerke des „westlichen Marxismus“. Die meisten Interpreten wussten nie, wem sie diese Veröffentlichung zu verdanken hatten.

In der Einleitung skizziert Thomas Kuczynski die historische Besonderheit des Textes von „Lohn Preis Profit“: Vor der Veröffentlichung auch nur des ersten Bandes seines Hauptwerks, des „Kapital“, sah sich Marx aus politischen Gründen genötigt, wesentliche Teile seiner neuen Erkenntnisse knapp und nachvollziehbar darzustellen. Dabei ging es um den Unterschied zwischen Werten und Preisen, die gesellschaftliche Arbeit als Substanz des Wertes, die Ware Arbeitskraft, den Mehrwert als Grundlage des Profits und die Bedeutung von Arbeitskämpfen im Verteilungskampf zwischen Lohnarbeit und Kapital im Kapitalismus. In seinen Arbeiten zum Kapital hatte Marx auf jedes dieser Themen hunderte Seiten verwendet. Aber er redete sich in der Debatte nicht auf methodische Schwierigkeiten hinaus, sondern traf Feststellungen in der Sache, die in der wirklichen Welt nachgeprüft werden konnten.

Dabei zeigt sich, dass kein Wissenschaftler überall recht haben kann. Marx hatte behauptet: „Die allgemeine Tendenz der kapitalistischen Produktion geht dahin, den durchschnittlichen Lohnstandard nicht zu heben, sondern zu senken.“ Darauf Kuczynski: „Genau diese Voraussage hat das Proletariat in jahrzehntelangen schweren Klassenkämpfen ad absurdum geführt: Die ArbeiterInnen haben sich … zu Mitgliedern dieser Gesellschaft >herangearbeitet<, weil sie der Bourgeoisie und dem bürgerlichen Staat Lohnerhöhungen, Arbeitszeitverkürzungen, Sozial-, Renten- sowie Arbeitslosenversicherung und noch vieles andere mehr abzwingen konnten.“ In solchen Errungenschaften der Arbeiterbewegung macht Thomas Kuczynski die reale Grundlage der Ideologie einer „Sozialpartnerschaft“ aus, die die Politik der deutschen Gewerkschaften nachhaltig prägt, auch wenn sie schon lange keine Erfolge mehr eingebracht hat. Seine Kritik an sozialpartnerschaftlichen Luftschlössern und ihren sehr irdischen Konsequenzen ist ungetrübt von parteipolitischen Rücksichten, scharf und präzise.

Mit anderen Ideologien geht Thomas Kuczynski sehr viel nachsichtiger um. Die Vorstellung vom Lohn als „Preis der Arbeit“ etwa ist von Marx ausführlich widerlegt worden. Aber sie ist dennoch die Grundlage einer der erfolgreichsten Losungen der ArbeiterInnen- und Frauenbewegung: „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit!“ Kuczynski bemerkt dazu trocken: „Die im Marxschen Sinne korrekte Losung ‘Gleicher Lohn für gleiche Arbeitskraft!’ hätte wohl kaum jemanden auf die Straße gebracht. … Im Alltagsleben genügt es zumeist, das Richtige zu tun, ohne sich um irgendwelche wissenschaftlichen Grundlagen zu kümmern, ob nun der Fernsehapparat benutzt wird, ein Auto oder ein Computer.“ Allerdings bleibt er dabei nicht stehen. Denn auch wenn für den Alltag „zumeist“ keine Theorie gebraucht wird, für eine menschenfreundliche Veränderung des Alltags, der Gesellschaft und der Technik braucht es sicher viele wissenschaftliche begründete Einsichten.

Überzeugende Fragen

Thomas Kuczynski bringt viele gute Argumente, warum wir heute einen alten und ziemlich verbreiteten Marxtext neu lesen sollten. Aber ein Argument fehlt, leider. Es ist jene Idee, die Bertolt Brecht angesichts marxistischer Schulungsbemühungen überkam, und die er höflich einem anderen in den Mund legte: „Ich habe bemerkt, sagte Herr Keuner, daß wir viele abschrecken von unserer Lehre dadurch, daß wir auf alles eine Antwort wissen. Könnten wir nicht im Interesse der Propaganda eine Liste der Fragen aufstellen, die uns ganz ungelöst erscheinen?“ [Brecht, Versuche, Heft 5, S. 101]

Es geht dabei nicht nur um Propaganda. Wie neue Menschen kommen auch neue wissenschaftliche und soziale Ideen nicht fertig ausgewachsen und gerüstet auf die Welt, um sich von Anfang an unmissverständlich darzustellen. Im Gegenteil, gerade da, wo sie so systematisch geschlossen erscheinen wie Pallas Athene, die um zu überleben in voller Rüstung und Bewaffnung ans Licht treten musste, gerade da sind die Brüche und Widersprüche des notwendigerweise unvollständigen Neuen systematisiert. Und es ist ja doch nicht ernsthaft zu erwarten, dass wir die Antworten auf die aktuellen gesellschaftlichen Konflikte in einem Text finden, den vor uns schon Generationen von Aktiven gelesen haben: Wenn die Lösungen alle da wären, hätte sie wohl schon jemand gefunden.

Wenn es also doch wieder Schulungen mit diesem sehr klaren und fasslichen Text geben sollte: Ein  Ziel sollte die Formulierung der offenen Fragen sein. Richtig gestellte Probleme sind der Boden jeder wissenschaftlichen Arbeit. Die Suche nach den Antworten können wir nicht an Marx weg delegieren.

Sebastian Gerhardt, Redaktion lunapark21 – wir danken!