Altersarmut

Artikel von Ursula Mathern vom 24.2.2017 – wir danken der Autorin!

Zuschussrente gegen Altersarmut?Mein Bekanntheitsgrad ist in letzter Zeit enorm gestiegen! In vielen Medien mache ich nun Schlagzeilen! Kein Wunder! Habe ich doch in den letzten Jahren zahlenmäßig bereits ganz gut zugelegt. Heute wissen hierzulande bereits 3 ½ Millionen Menschen, wie ich mich anfühle! Und unter den jetzigen Verhältnissen ist mir ein regelrechter Boom sicher! Altersarmut ist mein Name!

Bis vor etlichen Jahren galt vermutlich noch: Mein Gesicht war vor allem weiblich!  Wen interessierten schon die alten Frauen, die nie erwerbstätig waren, ja ohne die Erlaubnis ihrer Ehemänner nicht einmal sein durften! „Die Frau führt den Haushalt in eigener Verantwortung. (1958 bis 1977 lautete § 1356 BGB Absatz 1) Sie ist berechtigt, erwerbstätig zu sein, soweit dies mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar ist“. Bis 1957 durften sie ohne Erlaubnis des Ehemannes auch kein eigenes Konto eröffnen. Im Klartext: Frauen waren zuständig für Haushalt und Familie, ohne eigenes Einkommen und so auch ohne selbst erworbene Rentenansprüche!

Veränderungen der Gesetzesgrundlage gingen nicht unbedingt einher mit einem veränderten Rollenverständnis: 2014(?) waren 68 % der Frauen zwischen 15 u. 64 Jahren erwerbstätig,  allerdings knapp die Hälfte davon in Teilzeit! Zum überwiegenden Teil aus familiären Gründen! D. h. meist sind es weiterhin Frauen, die v. a. die Verantwortung für Kinder oder Pflege der Eltern übernehmen!
Außerdem ist der durchschnittliche Bruttolohnverdienst  von Frauen 23 % geringer als der von Männern! (Quelle: Europ. Kommission, Statist. Bundesamt) D.h.: Im Schnitt sind Frauen auch trotz Erwerbsarbeit eher von Armut bedroht als Männer!

Viele alte Menschen schämen sich, Sozialhilfeansprüche geltend zu machen. Sie schämen sich für ihre Situation. Und sie wollen vermeiden, dass ihre Kinder zu Unterhaltszahlungen heran gezogen werden. (Verschämte Altersarmut)

Dass Frauen stärker von Altersarmut, betroffen sind, ignorieren die meisten Medien und Statistiken.

Auch den Ursachen für Altersarmut wird selten tiefer auf den Grund gegangen! Dabei waren die Alten bis vor ein paar Jahren noch eine gut umworbene Gruppe. Als KonsumentINNen versteht sich! Best Agers nannte man sie, Silver surfers. – Natürlich gab’s nebenbei auch die Mahnungen an die, die das Rentendasein noch nicht erreicht hatten: Ihr müsst privat vorsorgen. Eure Rente wird mal nicht reichen.

Dabei war Arbeitslosigkeit bereits seit den 80-er Jahren ein Massenphänomen. Keine Regierung kam dem bei, bis Rot-Grün mit der Agenda 2010 scheinbar zum großen Befreiungsschlag ausholte!

Die Arbeitslosenzahlen sanken. Dank der Liberalisierung des Arbeitsmarktes, dank Hartz-IV und vieler Täuschungen und Tricks zur Schönung der Statistik. Das Renteneintrittsalter wurde erhöht. Das Rentenniveau war bereits vorher abgesenkt worden. Lag es 1990 noch bei 55,1 %, gegenwärtig 47,8% mit fallender Tendenz. Private Vorsorge wurde lauter propagiert. Mittels Riester z. B. Zur Freude der Versicherungskonzerne!

Der große Schönheitsfehler dabei: Viele Menschen sind selbst beim besten Willen nicht in der Lage zur privaten Vorsorge. Das Lohnniveau war unter Druck geraten. Und für Langzeitarbeitslose hat sich das Thema gleich ganz erledigt!

Eine arme Sau bleibt eine arme Sau“ schließt Zeit-online 26.10.2016 messerscharf. „Arbeitnehmer, die es in ihrem Erwerbsleben nie geschafft haben, einen halbwegs gut bezahlten Job zu ergattern, enden in der Regel als arme Rentner. Und arme Rentner sterben laut einer Studie externer Link des Robert-Koch-Instituts zehn Jahre früher als ihre wohlhabenden Altersgenossen“.

Ich glaube, an Anschauungsunterricht fehlt es keiner/m von uns:

  • Alte Leute, die Abfallcontainer nach Pfandflaschen durchsuchen.
  • Alte, die sich wie ALG-II-BezieherINNEN vor den Tafeln sammeln.
  • Alte, die versuchen, mittels mehrerer Jobs ihre Rente soweit aufzubessern, dass es zum Leben reicht. Gerade in Städten mit hohen Mieten.

Inzwischen sind es zu viele geworden als dass man sie einfach übergehen könnte: die Altersarmen!

Beschönigend wird jetzt von Erwerbstätigkeit 65 Plus geredet! Zwischen 2002 und 2014 stieg die Zahl der Erwerbstätigen mit mehr als 65 Jahren um mehr als 80 %. Auf insgesamt 964.000! (http://doku.iab.de/aktuell/2016/aktueller_bericht_1625.pdf externer Link )

Und weiter wird private Vorsorge gepredigt.

Während die Wirtschaft (s. RT Deutsch 09.02.2017) seit 1990 um 30 % wuchs, hielten die Reallöhne kaum mit. In manchen Bereichen stagnierten sie sogar. D. h.: Das zusätzlich erwirtschaftete Geld wurde nach oben um verteilt.

Besaßen die  reichsten 10 % im Jahr 1970 noch 40 % des Gesamtvermögens, besitzen sie inzwischen knapp 70 %! Allein dem reichsten 1 % gehört heute ein Drittel von allem, und das reichste Promille besitzt ganze 17 Prozent!

Fazit: Altersarmut ist seit letztem Jahr ein ständiges Thema in den Medien. Es wird meist von der Bedrohung durch Altersarmut geredet. Und es wird so getan, als sei das ein unabwendbares Schicksal!

Sieht man genauer hin, dann waren es u. a. auch ganz bewusste politische Entscheidungen, die mit dazu bei getragen haben: Erhöhung des Renteneintrittsalters, Absenkung des Rentenniveaus, Druck auf das gesamte Lohngefüge infolge der Agenda 2010!

Wie kann es eigentlich sein, dass sich ausgerechnet im prosperierenden Zentrum Europas ein Altersarmuts-Problem aufbaut?“ fragt Zeit-Online vom 23.01.2017. Für meine Begriffe scheinheilig! Denn eine befriedigende Antwort wird nicht gegeben.

M.E. wird die Krise der Arbeit (besonders durch Automatisierung) genutzt und durch politische Entscheidungen verstärkt, um ganz gezielt die Reichen noch reicher und die Armen noch ärmer zu machen.

Ein ganz besonders dicker Klops, über den die Medien überhaupt nicht berichten, wohl aber die Aktion demokratische Gemeinschaft e. V (AdG): (Quelle: http://www.rentenreform-alternative.de/index2.htm externer Link):  Seit Jahrzehnten haben alle Regierungen die gesetzliche Rentenversicherung systematisch für versicherungsfremde Leistungen ausgeplündert!!! D. h. das Geld für Ausgaben, die über Steuern finanziert werden müssten, wurde skrupellos aus der gesetzlichen Rentenversicherung genommen! Und zwar ohne, dass darüber korrekt Buch geführt wurde.

Zwischen 1957 und 2013 kommt da lt. AdG ein Betrag von mehr als 700 Milliarden € zusammen, die der gesetzl. Rentenversicherung entnommen und nicht zurück gezahlt wurden. D. h. Die Finanzminister führten und führen Schattenhaushalte auf Kosten der Rentenversicherungsbeiträge – ein Milliardendiebstahl! (Zu Details s. : http://www.rentenreform-alternative.de/index2.htm externer Link)

Vielen dürfte es noch nicht bekannt sein. Aber inzwischen beginnt sich breiterer Widerstand dagegen zu formieren: s. http://www.seniorenaufstand.de/die-internetseite-www-rentenpolitikwatch-de-wurde-gestartet externer Link. Und zwar gerade, weil die Politik versucht, das Thema aus dem Wahlkampf herauszuhalten.

Eine Petition macht deutlich: Politiker die nichts gegen systematische Altersverarmung unternehmen, sind für uns nicht wählbar! Wer Rentner quält, wird nicht gewählt!

Insgesamt ist also zu sagen: Altersarmut ist kein Schicksal! Und: Es gibt Gegenkonzepte:

  • Die Fehlentscheidungen müssen korrigiert werden mit dem ausschließlichen Ziel der Alterssicherung!
  • Belastungen der GRV durch versicherungsfremde Leistungen müssen künftig ausgeschlossen werden.
  • Alle Einnahmen und Ausgaben der GRV müssen öffentlich, transparent, nachvollziehbar und vollständig erfasst und ausgewiesen werden!
  • Sämtliche Kürzungsfaktoren sind zu streichen.
  • Die Rente mit 67 ist abzuschaffen.
  • Die Riesterrente ist rück abzuwickeln
  • Die GRV ist auf alle Erwerbstätigen zu erweitern! D. h. auch alle PolitikerINNEN, Beamte, Selbstständige sowie berufsständisch Rentenversicherte sind einzubeziehen!
  • Ebenfalls Beiträge zu erheben sind auf sämtliche Kapitaleinkünfte: Für Miet-, Pacht und Kapitalerträge, für Vermögenseinkommen und Unternehmensgewinne bzw. Unternehmens-Wertschöpfung!
  • Für Frauen und LeiharbeiterINNEN ist endlich equal pay durchzusetzen.

Sicher bedarf es noch anderer Maßnahmen! Aber: Mit genügend Druck, und gerade das Wahljahr bietet dazu die beste Gelegenheit, könnte die Altersarmut sich verabschieden.  Ich, die Altersarmut, nehme gerne meinen Hut und sage: Auf nimmer Wiedersehen!