Prekäre Spaltung. Gewerkschaften haben die Aufgabe, zwischen atypisch und regulär Beschäftigten Brücken zu bauen. Exklusive Vertretung von Stammbelegschaften keine Alternative

Klaus Dörre sieht die Bundesrepublik auf dem Weg zu einer »prekären Vollerwerbsgesellschaft«. Diese These vertritt der Jenaer Soziologe in der jüngsten Ausgabe des Buchs »Gute Arbeit«, das alljährlich von Lothar Schröder und Hans-Jürgen Urban, Vorstandsmitglieder bei ver.di bzw. der IG Metall, herausgegeben wird. Eine Rückkehr zur »fordistischen Vollerwerbsgesellschaft« hält Dörre hingegen für ausgeschlossen. Das habe weitreichende Implikationen für das Handeln der Gewerkschaften…” Artikel von Daniel Behruzi in junge Welt vom 10.06.2014 externer Link

  • Aus dem Text: “…  Wie bereits in früheren Texten warnt Dörre die Beschäftigtenorganisationen vor einer Tendenz zu »exklusiver Solidarität«: »Die von Interessenvertretungen fast ausnahmslos praktizierte Strategie, zunächst die – im Inland häufig schrumpfenden – Stammbelegschaften zu sichern, bedeutet in der Konsequenz, daß Marktrisiken überwiegend den prekär Beschäftigten aufgebürdet werden.« Die Folge sei eine Vertiefung bestehender Spaltungslinien auf dem Arbeitsmarkt und innerhalb der Betriebe. (…) Der Wissenschaftler hält es daher für eine zentrale Aufgabe der Gewerkschaften, eine »kognitive Brücke zwischen fragmentierten gruppenspezifischen Erfahrungen« herzustellen und zu nutzen. Ein solches verbindendes Element im Denken prekärer und formal gesicherter Beschäftigtengruppen erkennt Dörre in der »Kritik an einem verselbständigten Wettbewerbsprinzip, an einer Steigerungslogik des ›immer mehr und nie genug‹«. (…) Das gelte nicht nur für die Betriebe, wo eine Rationalisierungswelle die nächste jagt. Der Mechanismus durchdringt nach Wahrnehmung vieler Befragter nach und nach »alle Poren der Gesellschaft und dringt selbst in die Lebenswelt von Kindern und Heranwachsenden ein«. Die Empörung hierüber könne »eine Brücke zwischen individuellen Erfahrungen und subjektivem Gesellschaftsbild« herstellen, so Dörre. »Und diese Brücke verbindet auch die kleine Welt des Betriebs und die kleine Welt der Familie mit der großen Gesellschaftswelt.«”
  • Siehe: Lothar Schröder/Hans-Jürgen Urban (Hrsg.): Gute Arbeit 2014, Profile prekärer Arbeit – Arbeitspolitik von unten. Frankfurt am Main: Bund-Verlag, 384 Seiten, 39,90 Euro