ver.di-Umstrukturierung: Ist die Auflösung der Matrix die Lösung aller Probleme?

Dossier

ver.diDer Bundesvostand von ver.di eröffnet mit seiner Position zur Zukunft der Fachbereiche in Verdi vom Juni 2017 die Debatte um die künftige Struktur der Gewerkschaft im Rahmen des Projekts „Perspektive: ver.di wächst!“. Wir dokumentieren dieses und weitere Papiere und eröffnen die Debatte ebenfalls: Geht es wirklich um die (adäquate?) Antwort auf “Umwälzungen vieler Branchen insbesondere durch die Digitalisierung” oder vorrangig um Sparmaßnahmen? Wird alles wirklich gut, wenn nur die ungeliebte Matrix verschwindet? Ist die “Stärkung von ver.di-Aktiven” die lange geforderte Basis-Orientierung und Demokratisierung oder nur Rückzug aus der Betreuung mitgliederschwacher Betriebe? Auch andere Fragestellungen sind denkbar und wir haben sie denen überlassen, die wir angefragt haben (bzw. noch anfragen wollen), weil sie bereits im Gründungsprozess als kritisch aufgefallen waren – siehe dazu im LabourNet-Archiv die Rubrik “Der Gründungsprozeß – Kommentare für und wider ver.di”. Bis die erbetenen Kommentare eintreffen dokumentieren wir im neuen Dossier zur Debatte die wichtigsten Unterlagen zur ver.di-Umstrukturierung und eröffnen die Debatte auch für unsere Leserschaft, wir freuen uns auf die Zuschriften! Siehe nun erste Kommentare:

  • Positionierung des ver.di Landesfachbereichsvorstandes Handel in Bayern zum aktuellen Fusionsvorhaben des ver.di Bundesvorstandes New
    Das geplante Vorgehen bringt uns den beschlossenen Zielen nicht näher, sondern gefährdet diese (…) Da es unsere ehrenamtliche Basis schwächt, die Einbindung wichtiger Schwerpunktbetriebe und ihre Aktiven in unsere Gremien reduziert und die Wege länger macht, wird es uns in der Mitgliedergewinnung und Stärkung der Aktionsfähigkeit schwächen. (…) Eine Top-Down-Entscheidung, welche das Ergebnis einer breit angelegten Analyse der Branchenentwicklungen, der technischen Entwicklungen, der Herausforderungen zukünftiger Entwicklungen, vorwegnimmt und sich lediglich auf das Zusammenlegen von seit 16 Jahren existierenden Fachbereichen konzentriert, ist dem Vorhaben nicht angemessen. (…) Nach 16 Jahren nun zwei Mammutprojekte wie die Trennung der kollektiven und individuellen Gewerkschaftsarbeit im Projekt „ver.di wächst“ und das Auflösen von 9 Fachbereichen und fusionieren auf 4 Fachbereiche parallel anzugehen, ohne dass Prozesse abgestimmt sind, eine Folgenabschätzung stattgefunden hat, gefährdet alle Fortschritte die es bisher bei ver.di wächst gegeben hat. Vor allem aber den Fusionsprozess überhastet zu starten, ohne dass mit dem Roll-Out des voraus gegangenen Projekts überhaupt begonnen wurde, ist falsch. (…) Die satzungsrechtlichen und rechtlichen Voraussetzungen sind aus unserer Sicht nicht ausreichend geprüft  (…) Unser ehrenamtliches Rückgrat wird massiv negativ getroffen  (…) Angebliche Effizienzgewinne die ausnahmslos auf vermeintlichen Kosteneinsparungen beruhen, bewirken das Gegenteil (…) Alternative Szenarien werden nicht überprüft. Die Entscheidung auf vier Fachbereiche ist willkürlich und nicht alternativlos. (…) Ein breit angelegter Beteiligungsprozess ist somit nicht Kür einer solchen Organisationsveränderung, sondern zwingende Voraussetzung. (…) Die Anzahl der Fachbereiche und deren Rahmen für innere Arbeitsstrukturen sollen daraus abgeleitet werden und nicht dem Prozess vorweg gestellt werden…” Positionierung, bei einer Enthaltung beschlossen, am 11.07.2017

    • Hierzu ein (erster) Kommentar der LabourNet-Redaktion: Mag Wompel war vor und während der Anfänge ihrer Arbeit für das LabourNet Germany als Industriesoziologin für Unternehmensstrategien zuständig. Vor diesem Hintergrund findet sie die meisten Kritikpunkte der bayrischen KollegInnen richtig – und ist doch, bei allem Verlust früherer Illusionen, etwas erschüttert, wie stark – bei aller Kritik – die Ideologie der Organisationsentwicklung und des Qualitätsmanagements verankert ist, und hier vor allem die Frage der angeblichen Führungsnotwendigkeit. Sollten wir die Debatte nicht um die Frage erweitern, ob es nicht der ursprüngliche (und auch aktuelle) Fehler ist, Gewerkschaften wie “normale” kapitalistische Unernehmen zu organisieren? Diese Kritik am Vorrang der Ökonomie auch bei gewerkschaftlichen Entscheidungen kommt nicht nur bei Schliessungen von Bildungsstätten immer wieder auf.
      Hinzu kommt der in der Tat mit der Strukturreform drohende Angriff auf die Position der Ehrenamtlichen in der Gewerkschaft. Wenn allerdings die bayerischen KollegInnen befürchten, “Unser ehrenamtliches Rückgrat wird massiv negativ getroffen”, so stellt sich die Frage, ob es nun real das Rückgrat bisher gewesen ist, oder ob nicht vielmehr der ver.di-Vorstand formell nachvollzieht, was bereits den gewerkschaftlichen Alltag beschreibt. Letztere These würde zumindest das bisher sehr schwache Interesse (vom Widerstand kann ja bisher keine Rede sein) an der Strukturreform erklären…
  • Verdi wird umgekrempelt: Der Bundesvorstand schlägt vor, die Struktur der Gewerkschaft drastisch zu ändern. Die Reaktionen darauf fallen unterschiedlich aus 
    “An Diskussionen mangelt es in Verdi derzeit nicht. Wohl die spannendste unter ihnen: Wie geht es mit der Organisation weiter? Seitdem der Bundesvorstand des Verbands Ende Juni ein Positionspapier zur »Zukunft der Fachbereiche in Verdi« vorlegte, wird darüber in etlichen ehrenamtlichen Gremien gesprochen. Denn der Vorschlag der Verdi-Leitung ist weitreichend (…). »Verdi wird zu einem stinknormalen Versicherungskonzern umgebaut«, meint Hans Dölzer. Das Vorstandsmitglied des Bezirksfachbereichs Medien Rhein-Neckar (…). Hinter dem Vorschlag des Bundesvorstands vermutet er die Absicht, »die kämpferischen Teile der Gewerkschaft durch Zentralisation zu eliminieren«. Die Betreuung der Belegschaften würde durch die Fusionen überdies weiter ausgedünnt, so Dölzer. So eindeutig sind die Haltungen zum Vorschlag in den meisten ehrenamtlichen Gremien noch nicht. In ihnen hat die Diskussion erst begonnen. Viele Organe fühlen sich noch zu schlecht informiert, um für oder gegen die Vorlage Stellung zu beziehen. Andere sehen in dem Zusammenschluss die Möglichkeit, Skurrilitäten im bisherigen Verdi-Aufbau zu beseitigen: Derzeit kann es vorkommen, dass dieselbe Berufsgruppe über verschiedene Fachbereiche verstreut ist.” Artikel von Johannes Supe und Andrea Walter in der jungen Welt vom 15. Juli 2017 externer Link
  • Raus aus der Matrix und wegen Umbau geschlossen? In der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di soll die Struktur der Organisation radikal umgebaut werden
    “Sie haben es ja auch nicht leicht, die Dienstleistungsgewerkschafter von ver.di. An gefühlt tausend Fronten gleichzeitig sind sie gefordert und im Einsatz. (…) Auch das ist – neben den sinkenden Mitgliederzahlen – sicherlich ein Grund dafür, dass ver.di nach Wegen sucht, sich organisatorisch neu aufzustellen, so die Annahme von Richard Färber in seinem Artikel Ver.di-Matrix Reloaded. (…) Man kann angesichts der Notwendigkeit gewerkschaftlichen Handelns gerade in den von ver.di betreuten Branchen, die sich im Zentrum einer erkennbaren Verschlechterung von Arbeitsbedingungen befinden (z.B. Einzelhandel, Paketdienste, Pflege), nur hoffen, dass der große Umbau der Organisation mit vielen Konsequenzen für einzelne Personen nicht zu den Effekten führt, die man oft in Konzernen beobachten kann, wenn ein Stoßtrupp von angeheuerten Unternehmensberatern alles und alle auf den Kopf gestellt hat und man den Powerpoint-Folien schöner neuer Organisationsstrukturen folgt und dann Jahre der Aufräumarbeiten braucht, wenn sich herausstellt, dass das innerhalb der Organisation zu zahlreichen Lähmungs- und Verweigerungseffekten geführt hat.” Beitrag von Stefan Sell vom 13. Juli 2017 bei Aktuelle Sozialpolitik externer Link

Die wichtigsten Unterlagen zur ver.di-Umstrukturierung:

  • Position des Bundesvorstands zur Zukunft der Fachbereiche in Verdi
    Zielbild: Wir wollen uns für die bereits begonnenen und zukünftig noch bevorstehenden Branchenentwicklungen und Umwälzungen vieler Branchen insbesondere durch die Digitalisierung zukunftsgerecht aufstellen. Dies erfordert eine neue Betrachtung der ver.di internen Abbildung der bisherigen Branchenzuschnitte innerhalb oftmals enger Fachbereichsgrenzen. Dabei sollen auch Unschlüssigkeiten  in der bisherigen Struktur, die teils aus dem Gründungsprozess herrühren, teils durch unterschiedliche Branchenentwicklungen entstanden sind, auf den Prüfstand. Dafür schlagen wir – 16 Jahre nach der ver.di-Gründung – eine Neuaufstellung der  Fachbereiche vor. Geeignete Bezeichnungen für die Fachbereiche sollen im weiteren Prozess gefunden werden. (…) Ziel des Projekts „Perspektive: ver.di wächst!“ ist eine Stärkung der kollektiven Tarifarbeit (KBTA) mit den fünf Kernaufgaben: betriebliche und branchenpolitische Schwerpunktsetzung; Erschließung; Aktivierung und Bindung gewerkschaftlicher Strukturen im Betrieb; Mitgliederorientierte tarifliche und betriebliche Auseinandersetzungen; Nachwuchsförderung. (…) Der Bundesvorstand hat seinen Vorschlag zur Zukunft der Fachbereiche intern beraten und abgestimmt. Dieser Vorschlag wurde am 18. Juni gemeinsam dem Beirat (Landesbezirksleiter/-innen) und dem Präsidium des Gewerkschaftsrates vorgestellt. In der 25. Kalenderwoche 2017 haben die Bundesfachbereichsleiter/-innen die Präsidien ihrer Bundesfachbereiche sowie die Landesbezirksfachbereichsleiter/-innen ebenfalls informiert. Mit diesem Papier soll der Vorschlag den ehren- und hauptamtlichen Führungskräften in ver.di vorgestellt  und erläutert werden und damit die Basis für den notwendigen Diskussionsprozess vor allem in den Fachbereichsgremien, aber darüber hinaus auch in der Gesamtorganisation bilden. Der Vorschlag wird – unter Berücksichtigung der Rückmeldungen und Bewertungen aus den Fachbereichen – auch in der Sitzung des Gewerkschaftsrates am 28./29. September 2017 diskutiert werden. Auf Basis der Diskussionen werden dann rechtzeitig mögliche Beschlussfassungen in den jeweils zuständigen Vorständen und Gremien vorbereitet.” Vorschlag des Bundesvorstands zur Zukunft der Fachbereiche vom 23. Juni 2017 
  • Projekt „Perspektive: ver.di wächst!“ am Beispiel Handel
    Teil 1  und Teil 2 
  • Verdi baut um: Vorstand legt Plan für Umstrukturierung der Gewerkschaft vor. Einschnitte bei der Qualität der Mitgliederbetreuung soll es nicht geben
    Die “Gewerkschaft steht vor der größten Umstrukturierung seit ihrem Entstehen durch den Zusammenschluss verschiedener Organisationen im Jahr 2001. »Wir wollen uns für die bereits begonnenen und zukünftig noch bevorstehenden Branchenentwicklungen und Umwälzungen vieler Branchen insbesondere durch die Digitalisierung zukunftsgerecht aufstellen«, heißt es in einem Papier, das aktuell in der Gewerkschaft diskutiert wird und jW vorliegt. Titel des Dokuments: »Position des Bundesvorstands zur Zukunft der Fachbereiche in Verdi«. In der fünfseitigen Schrift schlägt die Leitung vor, die innere Gliederung der Gewerkschaft umfassend zu ändern. Mit der Neuaufstellung sollen, wie es im Papier heißt, Wachstumspotentiale besser genutzt werden. In dem Text regt der Bundesvorstand an, die Zahl der Fachbereiche deutlich zu reduzieren. (…) Zum Hintergrund des Vorschlags dürfte mutmaßlich auch die Mitgliederentwicklung von Verdi gehören. Im Papier wird dieser Aspekt nicht erwähnt. Bei der Gründung vor 16 Jahren zählte der Verband noch rund 2,8 Millionen Gewerkschafter. Bis 2016 sank die Zahl auf etwa zwei Millionen. Eine Folge des Rückgangs sind auch abnehmende Mitgliederbeiträge, was den Erhalt des Gewerkschaftsapparats immer schwieriger macht. Möglich also, dass man sich von den Änderungen Einsparungen erhofft. Jedenfalls soll es nun schnell gehen: »Die Umsetzung soll schrittweise zwischen 2018 und 2023 (erste Bundesfachbereichskonferenz in neuen Strukturen) erfolgen.«…” Beitrag von Johannes Supe bei der jungen Welt vom 3. Juli 2017 externer Link

Sowohl die Umstrukturierung der Fachbereiche als auch das Projekt „Perspektive: ver.di wächst!“ haben natürlich Konsequenzen für das ver.di-“Personal” – siehe dazu:

  • „Perspektive – ver.di wächst!“ Gespräche mit dem GBR über den Rollout fortgesetzt. Kaum Annäherung in Sicht
    Der GBR ist bereit, über eine einheitliche bundesweite Regelung zum „Ausgleich und Milderung wirtschaftlicher Nachteile“ (Sozialplan) aus Maßnahmen aus dem Rollout zu verhandeln. Diese erfreuliche Mitteilung nach den Irritationen zum Auftaktgespräch am 16. Mai 2017 wurde jedoch mit einem wenig erfreulichen Hinweis versehen. Der tatsächliche Abschluss steht unter dem Vorbehalt, ob die einzelnen Betriebsräte aus den Landesbezirken mit dem Ergebnis auch zufrieden sind. (…) Nach Auffassung des GBR müsste nun auch die politisch angestoßene Diskussion über Veränderungen der Fachbereiche mit in diesen Interessenausgleich aufgenommen werden. (…) Die Frage der Fachbereichsorganisation ist eine nicht der Mitbestimmung unterliegende politische Initiative des Bundesvorstandes…” verdi personal info 9 vom 27.06.17 . Siehe dazu:

    • ver.di-Bundesvorstand verkündet: „Die Frage der Fachbereichsorganisation ist eine nicht der Mitbestimmung unterliegende politische Initiative des Bundesvorstandes.“
      Wer sich als Gewerkschaftsbeschäftigte(r) schon mal mit dem in § 111 BetrVG geregelten Thema Betriebsänderungen befasst hat, kann sich nur noch an den Kopf fassen (…) Wenn diese merkwürdige Interpretation, nachlesbar im ver.di-Personalinfo vom 27.6.2017, einzelnen Arbeitgebern, Arbeitgeberverbänden oder jenen Politikern bekannt wird, die schon immer die die Mitwirkung der Betriebsräte in diesem Bereich noch mehr beschränken wollen, leistet der ver.di Bundesvorstand (BuVo) allen Mitbestimmungsgegnern in dieser Republik eine höchst willkommene Zuarbeit. (…) Natürlich muss diese (weitere) Betriebsänderung auch Einfluss auf die Verhandlungen über eine Gesamtbetriebsvereinbarung (GBV) Sozialplan und Interessenausgleich zur Trennung und Neuausrichtung von individueller und kollektiver Gewerkschaftsarbeit haben. Im kürzlich bekanntgewordenen BuVo-Positionspapier zur Zukunft der ver.di-Fachbereiche wird ja eingeräumt: „Auch die Verzahnung mit dem Prozess „Perspektive: ver.di wächst!“ muss – mit Blick auf Stellenpläne, Qualifizierungen, Teamentwicklung – gewährleistet werden. (…) Deshalb ist es nicht nur sinnvoll, sondern notwendig, diese weitere betriebsändernde Umstrukturierung in die anstehenden Verhandlungen über einen Sozialplan und Interessenausgleich einzubeziehen. Dass dies dem BuVo wegen der möglicherweise eintretenden geringfügigen Verzögerung nicht schmecken dürfte, sollte den GBR aber nicht dazu verleiten, hier vorschnell die Flinte ins Korn zu werfen…” Gewerkschaft der Gewerkschaftsbeschäftigten – Informationen für ver.di-Beschäftigte vom 30. Juni 2016 

Und als Appetitanregung für die Rubrik “Der Gründungsprozeß – Kommentare für und wider ver.di” im LabourNet-Archiv siehe: