Ist Arbeit Glück?Nachdem die Möglichkeit einer anderen Welt lange Jahre fast nur noch in Botschaften aus dem lakandonischen Urwald oder von Leuten behauptet wurde, die darunter kaum mehr verstehen als die Einführung einer Finanzmarktsteuer, hat sich das Bild angesichts der schweren Weltmarktgewitter seit 2008 verändert. Entwürfe einer postkapitalistischen Gesellschaft entstehen seither zuhauf und schaffen es mit etwas Glück sogar auf die Bestsellerlisten. Auch Radikale denken wieder vermehrt darüber nach, wie es anders sein könnte. Allerdings gilt für alle derzeit diskutierten Alternativen, dass sie eher am Schreibtisch ausgebrütet als auf der Straße erfunden wurden. Von den Kämpfen der vergangenen Jahre – sei es der arabische Frühling, die Occupy-Bewegung oder das Aufbegehren gegen das neue Massenelend in Südeuropa – sind sie vor allem negativ geprägt. Weniger deshalb, weil diese Kämpfe auf ganzer Linie gescheitert sind. Weitgehend außerhalb der Produktion angesiedelt und auf die Realisierung »echter Demokratie« gepolt, haben sie die Frage nach einer anderen Gesellschaft nicht wirklich aufgeworfen. (…) Das Verschwinden des Staates würde also nicht in einen amorphen Zustand münden, sondern im Gegenteil eine hochentwickelte gesellschaftliche Selbstorganisation erfordern…” Diskussionsbeitrag von Freundinnen und Freunde der klassenlosen Gesellschaft vom 21. März 2018 bei Kosmoprolet externer Link und dazu:

  • „Eine Verständigung über die Grundzüge einer klassenlosen Gesellschaft [ist] allemal sinnvoll…“ New
    “„Genau wie ein linker Realismus, der Momente der schlechten Realität fortschreibt, ist ein Scheinradikalismus zurückzuweisen, der sich in der Feier von isolierten Revolten ergeht, maximale Zerstörung predigt und zur Frage nach einer anderen Gesellschaft nur Phrasen über die totale Freiheit des Einzelnen auf Lager hat“ Ich kann es nur immer wieder erfreulich nennen: Linksradikale die über Utopie nachdenken. Die Freundinnen und Freunde der klassenlosen Gesellschaft haben in ihrem Text Umrisse der Weltcommune einiges zu Utopietheorie und Utopieinhalt geschrieben. Dieser Artikel möchte sich kritisch-solidarisch damit auseinandersetzen. Spannend ist der Text der Freund*innen insofern, als er wohl wieder ein gutes Beispiel dafür gibt was geschieht, wenn Linksradikale beginnen über Utopie nachzudenken: Viel Spannendes, und – wie könnte es anders sein – etwas Seltsames. (…) Die Freund*innen schreiben, dass in Städten einfach Tramschienen statt Tunnels und Autos zur Fortbewegung dienen sollten (31) oder dass Arbeit rotiert werden soll (en passant z.B. 32). Warum? Weil es plausibel ist? Nahegelegt? Hier würde ich fragen: Wie begründet ihr diese Aussagen? Und ich glaube hierfür gibt es keine Begründung. Klar, die Menschen im Commonismus könnten v.a. Tramschienen nutzen, Arbeit rotieren oder nur noch in Städten mit maximal 5 Mio. Menschen wohnen, aber dies ist ein Bereich der Konkretion den wir nicht bestimmen können. Dies sind bloße Möglichkeiten, wir können diese aufzählen, um die Utopie zu plausibilisieren, aber wir bewegen uns dann auf der Ebene der Auspinselei, der Fantasie – das sollten wir kenntlich machen. Hier findet sich die plausibilisierende Tendenz in der Utopiediskussion der Freund*innen (…), häufig scheint es darum zu gehen, die Utopie plausibel zu machen, hierfür ist auch Auspinselei und Fantasie okay. Wollen wir jedoch die Utopie als menschliche Möglichkeit bestimmen, um somit etwas über die Transformation dorthin sagen zu können, sollten wir weniger Auspinseln und Träumen, sondern eine theoretisch-kategorial fundierte Utopie entwickeln…” Diskussionsbeitrag von Simon Sutterlütti vom 5. September 2018 bei keimform.de externer Link
  • Weiter im Diskussionsbeitrag von Freundinnen und Freunde der klassenlosen Gesellschaft vom 21. März 2018 bei Kosmoprolet externer Link: “… Die Crux besteht darin, dass der heutige weltumspannende Produktionsapparat, welche Potenziale auch in ihm liegen mögen, in seiner zunächst gegebenen Gestalt ein furchtbar ungünstiger Ausgangspunkt für die Umwälzung ist. Zwischen dem Ist-Zustand und der möglichen Commune tut sich ein riesiger Abgrund auf und der hier skizzierte Sprung über diesen Abgrund hat unbestreitbar gewisse abenteuerliche Züge. Politisch schlägt sich diese Situation einerseits in der erwähnten Hinwendung zu lokalen Commons und in einem Neoanarchismus nieder, der in »der Infrastruktur« den Feind ausmacht und ziellos Bahnstrecken sabotiert, andererseits im Postulat einer Unverzichtbarkeit des Staates: Die Welt sei so komplex geworden, dass man auf ihn als großen Steuermann beim Übergang in die postkapitalistische Gesellschaft nicht verzichten könne. Das Falsche der beiden Extrempositionen zu zeigen fällt nicht schwer – die erste kapituliert kurzerhand vor der großen Aufgabe der Wiederaneignung, die zweite täuscht sich über die Steuerbarkeit der kapitalistischen Ökonomie –, die Ausarbeitung eines Gegenentwurfs, der nicht spinnert-weltfremd erscheint, umso schwerer. Gerade weil die Commune im objektiven Gang der Geschichte nicht vorgezeichnet ist, muss über ihre Umrisse schon heute gesprochen werden. Je mehr sich die Lohnabhängigen darüber international verständigen, je klarer sich das ganz Andere vor ihren Augen abzeichnet, desto besser die Chancen, dass doch noch eine umwälzende Bewegung zustande kommt.”