[Buch] Unsichtbares Komitee: JETZT“»Jetzt« ist ein Interventionstext. Er hat sich aufgedrängt, da die wesentlichen Vorhersagen des Unsichtbaren Komitees nun eingetreten sind – deutlicher Abscheu vor der Polizei, Ernüchterung angesichts ermüdender Parlamentsdebatten, Blockade als zentrales Mittel, Wiederkehr der Idee der Commune, Widerstand, der von Radikalen auf das Bürgertum überspringt, die Weigerung, sich regieren zu lassen. »Jetzt« ist am Anfang eines Jahres erschienen, in dem es für die Macht darum ging, unter dem Vorwand eines Präsidentschaftswahlkampfes all das wieder in das marode Gerüst der klassischen Politik zurückzupressen, was diese bereits jetzt übersteigt, sich ihr entzieht, ihrer überdrüssig ist. Die massiven Protestbewegungen in Frankreich des Jahres 2016 sind Zeugnis eines politischen Konflikts, der in seiner Bedeutung dem Mai ’68 in nichts nachsteht. »Jetzt« entwirft einen alternativen Weg zur verordneten stickigen Atmosphäre, plädiert für ein anderes Modell als die Wahlen: für die Absetzung der Macht. Für neue Lebensformen und nicht für neue Verfassungen; für Verweigerung und Stille statt lärmender Proklamationen. Es wird keinen Umsturz der bestehenden Ordnung geben ohne das Bekenntnis zu einem wünschenswerten Leben. Die zerstörerische Kraft des revolutionären Prozesses kann nichts ausrichten ohne jene Ladung stiller Positivität, die jeder glücklichen Existenz innewohnt.” Der Kommentar des Unsichtbaren Komitees zu den aktuellen Protestbewegungen in Frankreich auf der Verlagsseite zum im Oktober 2017 erschienenenen Buch bei Edition Nautilus (Aus dem Französischen von Birgit Althaler, Deutsche Erstausgabe, Broschur / mit S-W-Fotos illustriert, 128 Seiten, ISBN 978-3-96054-061-8, € (D) 14,–). Siehe weitere Informationen, das Kapitel “Ende der Arbeit, wunderbares Leben” als Leseprobe im LabourNet Germany sowie einige Rezensionen:

Siehe auch einige Rezensionen:

  • Verlass den Gesellschaftskadaver. Mit »Jetzt!« meldet sich das Unsichtbare Komitee zurück und predigt die Unregierbarkeit
    “… Nach dem »Hamburger Aufstand«, wie die Krawalle zum G20-Gipfel mittlerweile oft genannt werden, dürfte sich die Begeisterung der konservativen Presse über das neue Buch des Unsichtbaren Komitees mit dem programmatischen Titel »Jetzt« in Grenzen halten. In dem gut hundertseitigen Manifest geht es vor allem um die Proteste des »langen französischen Frühlings 2016«, wie es in dem Text heißt, als in Frankreich im vergangenen Jahr Tausende Menschen monatelang gegen die Arbeitsrechtsreform protestierten. Die Regierung Macron hat die unpopulären Reformen inzwischen durchgedrückt und gerade nehmen die Proteste gegen den Präsidenten Fahrt auf. Auch insofern ist das Buch von aktuellem Interesse. (…) Auch wenn dieses situationistische Manifest die »Entschlossenheit zu desertieren, aus der Reihe zu treten, sich zu organisieren« einfordert, bleiben die Autoren ihrer bisherigen Kritik an jeglicher weitergehenden Organisierung treu. Diese hatten sie auch schon vor zwei Jahren in einer Publikation, die sich kritisch mit den Krisenprotesten auseinandersetzte, vorgebracht. Dementsprechend stehen sie auch der Bewegung Nuit debout, die im Frühling 2016 Plätze in Frankreich besetzte und ein basisdemokratisches Konzept verfolgte, recht kritisch gegenüber…” Rezension von Florian Schmid vom 4.10.2017 beim ND online externer Link
  • Zu den Thesen des neuen Buches des »Unsichtbaren Komitees«: Sich unregierbar machen
    “Das neue Buch des französischen Autorenkollektivs »Unsichtbares Komitee« plädiert für die Zerstörung des Bestehenden durch Organisation, Aufstand und Verweigerung. Welcher Kommunismus dabei herauskommen soll, bleibt unklar. »Alle Gründe für eine Revolution sind da.« So beginnt das neue Manifest des Unsichtbaren Komitees, das im April unter dem Titel »Maintenant« in Frankreich erschienen ist und demnächst auf Deutsch herauskommt. Doch »es sind nicht die Gründe, die eine Revolution machen, sondern die Körper. Und die Körper sitzen vor den Bildschirmen.« In einer bildreichen und polemischen Sprache skizzieren die anonymen Autoren, wie die Körper durch Organisation, Aufstand und Verweigerung befreit werden können. (…) Die Diagnose, die sich in diesen Kapiteln entfaltet, lautet: Die kapitalistische Herrschaft hat die Welt derart verheert, dass ihr Weiterbestehen jede Zukunft mit Sicherheit zerstört. Die Welt hat sich fragmentiert, ist von Brüchen durchzogen. Es gibt keine Einheit mehr – keine nationale, keine der Arbeit, des Rechts, der Ökonomie oder des Ichs  – und alle Versuche, eine solche gewaltsam wiederherzustellen, wie es Donald Trump, der Front National oder die AfD mit ihrem Programm der nationalen Identität versprechen, sind dazu verurteilt, das Gegenteil hervorzubringen: eine umso tiefere, irreparable Spaltung der Gesellschaft. Ein Symptom dieser verlorenen Einheit ist der Wahnsinn der Sicherheitspolitik, der Frankreich (und auch Deutschland) inzwischen an den Rand eines Polizeistaats geführt hat…” Buchrezeption von Sophie DeBris vom 28. September 2017 aus jungle world 2017/39 externer Link
  • Unsichtbares Komitee: Eine Revolution mit Bequemen?
    Das Unsichtbare Komitee ist zurück mit einem neuen Manifest. Doch die flotte revolutionäre Rhetorik gerät wie schon beim «kommenden Aufstand» in dubioses rechtes Fahrwasser. (…) Das ist aufschlussreich, weil es Einblicke in die Debatten der französischen Linken verschafft, und es liest sich munter, da die AutorInnen viel Freude an der Polemik haben. So werden Promis wie Jean-Luc Mélenchon rüde abgekanzelt, und auch für die basisdemokratischen Exzesse der PlatzbesetzerInnen von Nuit debout hat das Komitee nur Spott übrig: Sobald heute auf einer Versammlung jemand ziellos zu monologisieren beginne, würden die anderen stöhnen: «O nein, bitte kein Nuit debout!». Jenseits solcher Anekdoten folgen die AutorInnen der Einschätzung, dass die Welt sich zunehmend zerstückelt. Interessant ist dabei die Deutung, dass dieser Zerfall traditioneller Milieus und die damit einhergehende Individualisierung überhaupt erst den Boden bereitet hätten für den Siegeszug der Technologiekonzerne: Facebook oder Apple lebten demnach davon, UserInnen das Gefühl zu vermitteln, sie hätten Zugang zur Welt, während sie faktisch immer «autistischer» würden, etwa wenn sie mit starrem Blick auf das Smartphone nichts mehr um sich herum wahrzunehmen vermöchten. (…) Unter «Kommunismus» versteht das Komitee nicht einen Zustand, sondern einen Prozess, in dem die Einzelnen sich immer wieder neu in Beziehung zueinander setzen – und so die Bruchstücke der alten Ordnungen produktiv rearrangieren. Daraus ergibt sich das Postulat, den Zerfall altehrwürdiger Institutionen – etwa der Familie oder staatlicher Einrichtungen – zu befördern, sich also an der «Destituierung» einst stabiler Gefüge zu beteiligen. Politisch bugsiert diese Position die AutorInnen an den äussersten linken Rand, Pragmatismus ist unter ihren Prämissen ein Verrat an der Realität, da diese für das Komitee wesentlich «chaotischer» Natur ist. Kein Wunder also, dass «Maintenant» zur Apologie politischer Gewalt wird, wenn die AutorInnen etwa meinen, dass demolierte Bankfilialen nicht als Vandalismus, sondern als Infragestellung der Eigentumsverhältnisse zu begreifen seien. Nun ist zwar die fortwährende Abpressung von Mehrwert unter sich stets verschärfenden Bedingungen keine Petitesse; beim Unsichtbaren Komitee verkommt Militanz allerdings zum Selbstzweck: «Es geht nicht darum, für den Kommunismus zu kämpfen. Entscheidend ist vielmehr der Kommunismus, der im Kampf selbst gelebt wird.» Diese Sätze würde wohl auch ein Hooligan unterschreiben…” Rezension von Daniel Hackbarth vom 06.07.2017 in der WoZ externer Link