Bildung oder Abrichtung für „den Markt“? Worüber der Bildungsbericht Aufschluss gibt

Bildungsstreiks weltweit“Wer in der Schule am besten zuhört und mitschreibt, kann seine Arbeitskraft später am besten verkaufen – so muss man die Bilanz derer deuten, die am Freitag in Berlin über Bildung in der Bundesrepublik gesprochen haben. (…) Der Schwerpunkt des mittlerweile siebten Reports lag auf »Wirkungen und Erträgen von Bildung«. Die wirtschaftsnahen Vokabeln sind nicht als Ausdruck rhetorischer Unzulänglichkeit zu verstehen, vielmehr sind sie Ausdruck des Geistes der Ökonomisierung. »Mit steigendem Bildungsstand sind Frauen und Männer auf dem Arbeitsmarkt besser integriert und verdienen mehr«, hieß es etwa am Freitag. Auch wurden die positiven Auswirkungen auf »individuelle Bildungsrenditen« hervorgehoben. »Investitionen in Bildung sind gut angelegtes Geld und lohnen sich – für jeden Einzelnen und für die Gesellschaft«, fassten es Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) und Helmut Holter (Die Linke), KMK-Präsident und Bildungsminister in Thüringen, zusammen. (…) Das Thema Personalmangel wurde von den Beteiligten nur angeschnitten. In Ostdeutschland sei jede zweite Lehrkraft älter als 50, sagte Holter. Der Bedarf an jungen Fachkräften in Schulen, Kitas und anderen Einrichtungen sei offenkundig. Udo Beckmann, Bundesvorsitzender des »Verbands Bildung und Erziehung«, fand am Freitag deutlichere Worte: »Wir befinden uns unbestritten in Zeiten eines massiven Lehrermangels«, sagte er. Die Antwort auf die Frage, »wie wir endlich ausreichend originär ausgebildete Lehrkräfte ins System bekommen«, bleibe die Politik bisher schuldig. Die Vorsitzende der »Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft«, Marlis Tepe, mahnte am Freitag »dringend zusätzliche Investitionen in den Bildungsbereich« an. Der »gravierende Personalmangel« könne nur bekämpft werden, »wenn die Arbeitsbedingungen verbessert werden und die Bezahlung deutlich angehoben wird«, betonte sie.” Aus dem Beitrag „Lernen, um zu arbeiten“ von Jan Greve bei der jungen Welt vom 23. Juni 2018 externer Link – unter anderem eine gute Motivation, mal wieder “Erziehung zur Mündigkeit” zu lesen… Siehe dazu zwei weitere aktuelle Beiträge und den Link zum Bericht:

  • „Kluft im Bildungssystem wächst“ von Jürgen Amendt am 23. Juni 2018 in neues deutschland externer Link hebt unter anderem zur grundsätzlichen Entwicklung einleitend hervor: „Rund 17,1 Millionen Menschen besuchten 2016 eine Bildungseinrichtung – eine Rekordzahl; zehn Jahre zuvor waren es knapp ein Drittel weniger. Der Anstieg geht im Wesentlichen auf den Bereich der Frühen Bildung sowie auf den universitären Sektor zurück. Nutzten 2006 lediglich 11,6 Prozent der Eltern ein öffentliches Betreuungsangebot für ihre Kinder, waren es 2017 bereits 36,6 Prozent. Im gleichen Zeitraum stieg die Studienanfängerquote von 44 auf 56 Prozent.  Dieser Zuwachs stelle die Bildungseinrichtungen vor große Herausforderungen, betonten die Verfasser des Berichts bereits am Mittwoch vor Journalisten. Die Investitionen in Bildung hätten mit dem Zuwachs an Bildungsbeteiligung nicht Schritt gehalten. Der Bericht »Bildung in Deutschland 2018« prognostiziert allein für den Kita-Bereich bis 2025 eine Personallücke von bis zu 309 000 Stellen. Die Entwicklung in der frühkindlichen Bildung habe eine »ungeheure Dynamik«, betont der Leiter des Deutschen Jugendinstituts (DJI) in München, der Erziehungswissenschaftler Thomas Rauschenbach. »In sieben Jahren wird es mehr Kita-Erzieherinnen geben müssen als Lehrerinnen und Lehrer an Grundschulen.«  Wie wichtig Kitas sind, zeigt folgende Statistik: Die Lese- und Mathematikkompetenzen von Grundschülern, die weniger als zwei Jahre eine öffentliche Einrichtung besuchten, liegen etwa zwei Punkte unter denen von Kindern, die länger als zwei Jahre in eine Kita gingen; das entspricht etwa einem halbem Schuljahr. Insgesamt hält der Trend zur höheren Bildung an. So ist der Anteil von Absolventinnen und Absolventen mit Abitur von 34 Prozent im Jahr 2006 auf 43 Prozent im Jahr 2016 gestiegen. Auch der Anteil von Auszubildenden mit Hochschulreife ist gewachsen. Erfreulich sei auch, so die Verfasserinnen der Studie, dass immer mehr Kinder aus Migrantenfamilien eine Kita besuchen“.
  • „Mehr Gebildete, mehr Abgehängte“ von Judith Luig am 22. Juni 2018 bei Zeit Online externer Link verweist zumindest ansatzweise auf die fortgesetzte Differenzierung (in den „üblichen“, zumindest seltsamen Kategorien: „Eine Regel bleibt trotz aller Veränderungen bestehen: Wenn Eltern einen Hochschulabschluss haben, studieren in der Regel (79 Prozent der Fälle) auch ihre Kinder. Haben die Eltern eine berufliche Ausbildung und kein Abitur, studieren nur 24 Prozent der Kinder. Der Trend zu mehr Bildung hat leider keine positiven Auswirkungen auf Kinder aus bildungsfernen Schichten. Die Zahl der Familien mit arbeitslosen Eltern geht zwar zurück, aber gleichzeitig sind mehr Kinder von Armut bedroht. Drei Faktoren gelten als entscheidend für die Entwicklung der Kinder: Die finanziellen und sozialen Verhältnisse, in denen sie aufwachsen und die Frage, wie stark ihre Eltern beruflich qualifiziert sind. Bei jedem dritten Kind ist mindestens eines dieser Verhältnisse laut der Forscher unzureichend und gilt somit als Risikofaktor. Der Abstand zwischen den leistungsstarken und den leistungsschwachen Grundschülern hat sich in Deutschland – anders als in fast allen Vergleichsstaaten – vergrö­ßert“.