Leiharbeit in der Autoindustrie. Grafik von Findus - wir danken!Die Arbeitswelt hat sich in den vergangenen 25 Jahren extrem verändert, durch die Aufweichungen des AÜG (Arbeitnehmerüberlassungsgesetz) hatten die Unternehmen die Möglichkeit, immer mehr feste Arbeitsplätze in prekäre zu verwandeln. (…) Ich habe in den letzten 6 Jahren in 6 verschiedenen Unternehmen gearbeitet und habe mich mit den Gegebenheiten in den Unternehmen auseinander gesetzt. In allen Unternehmen habe ich die gleichen Erfahrungen gemacht. Die Belegschaft setzte sich immer aus der Stammbelegschaft und Leiharbeitern zusammen und alle Kollegen, ob Stammbelegschaft oder Leiharbeiter, stehen irgendwie in Konkurrenz zueinander. (…) Die immer schlechter und prekärer werdenden Arbeitsbedingungen sind zum gesellschaftlichen Problem geworden und können nur gemeinsam verbessert werden. Die Belegschaften einzelner Unternehmen sind, gerade in den Global agierenden Unternehmen, nicht mehr in der Lage, wirkliche Verbesserungen für sich zu erreichen, weil es die Strukturen nicht mehr zulassen. Wir wissen, dass die DGB-Gewerkschaften den Unternehmen nicht wirklich mehr was entgegen zu stellen haben und nur noch die Privilegierten, zumeist gut verdienenden Kollegen vertreten und alle anderen Mitglieder als wichtige Beitragszahler sehen. Die Zeit der Räte ist vorbei und auch das System der Gewerkschaft muss neu gedacht werden. Wir müssen jetzt damit anfangen, kollektive Strukturen zu schaffen und neue Wege zu gehen…” Diskussionsbeitrag von Stephan Heins vom 04.12.2016 – und nun die angekündigte Fortsetzung:

  • Ein schweres Stück Arbeit New
    Irgend wie wird es jeden Tag etwas klarer und schwieriger. Auch ich muss sehr aufpassen, das ich mich nicht selbst verliere und die Geschehnisse um mich herum unkommentiert laufen lasse. Ich arbeite zur Zeit in einem Logistik Unternehmen mit etwas mehr als 450 Arbeiter/innen. Der Anteil an Leiharbeiter/innen liegt dort bei etwas über 20%. Weiter sind ca. 20% befristet beschäftigt. Es gibt einen Betriebsrat, der in großen Teilen, lieber einen guten Eindruck bei der Geschäftsführung machen möchte, statt sich für die Belange der Kollegen/innen einzusetzen. Auf der letzten Betriebsversammlung hat man der Geschäftsführung sehr großen Raum eingeräumt. Was mich total entsetzte war, zu einem die direkte respektlose Art, wie man dort den Kollegen/innen erzählte, dass gewisse Teile der Belegschaft es nicht wert sei, genauso wie die der andere Teil bezahlt zu werden. Es wäre nicht lukrativ und daher wird man sich von denen am Jahresende trennen. Der Hintergrund dazu ist, die Novellierung der Arbeitnehmerüberlassung. Equal Pay kommt für den Unternehmer nicht in Frage. Zum zweiten, die Reaktion der Kollegen/innen. Keine. Keine, der betroffenen Leiharbeiter/innen, keine der befristeten Stammbelegschaft und keine der Festangestellten. Und das schlimmste war die Aussage der Betriebsräte. Schuld das die Kollegen/innen zum Jahresende gehen müssen, sei ja nun mal die Gesetzesänderung…” Diskussionsbeitrag von Stephan Heins vom 05.11.2017 , auch über Organisierungsbestrebungen in Bremen Gröpelingen. In der nächsten Fortführung will er sich mit der Auswirkung der Novellierung des AÜG und dem großen Anteil an befristet Beschäftigten an seinem Arbeitsplatz beschäftigen

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Es bedarf neuer Wege

Die Arbeitswelt hat sich in den vergangenen 25 Jahren extrem verändert, durch die Aufweichungen des AÜG (Arbeitnehmerüberlassungsgesetz) hatten die Unternehmen die Möglichkeit, immer mehr feste Arbeitsplätze in prekäre zu verwandeln. Das Ergebnis ist, dass die Zahl der Leiharbeiter von Jahr zu Jahr steigt, für die Betroffenen gibt es keinen wirklichen Kündigungsschutz und sie werden schlechter bezahlt als die Stammbelegschaft.

Ich habe in den letzten 6 Jahren in 6 verschiedenen Unternehmen gearbeitet und habe mich mit den Gegebenheiten in den Unternehmen auseinander gesetzt. In allen Unternehmen habe ich die gleichen Erfahrungen gemacht. Die Belegschaft setzte sich immer aus der Stammbelegschaft und Leiharbeitern zusammen und alle Kollegen, ob Stammbelegschaft oder Leiharbeiter, stehen irgendwie in Konkurrenz zueinander. Jeder hat die Hoffnung mit seinem “richtigen Verhalten“ etwas besser gestellt zu werden. Wer sich beschwert wird sofort zur Ordnung gerufen. In jeden Betrieb habe ich die selbe Unzufriedenheit der Kollegen erlebt. Zu wenig Lohn, ständige Mehrarbeit, hohe Arbeitsbelastung und keine Anerkennung für geleistete Arbeiten. In jeden Betrieb werden die Bedingungen für die Kollegen schlechter und keiner hat die Hoffnung, dass es besser wird.

Jetzt steht die Frage in Raum, warum wehren sich die Kollegen nicht. Welche Rolle spielen der Betriebsrat und die Gewerkschaft und welchen Weg muss man heute gehen, um die beschriebenen Bedingungen wieder zu verbessern und eine neue Einheit der Kollegen/innen auf den Weg zu bringen. Die Betriebsräte sind in den Betrieben mehr und mehr zum Geheimrat geworden und sehen sich heute als gesonderte Personengruppe und werden oft vom Unternehmer für deren Belange instrumentalisiert. Die Gewerkschaft kümmert sich, wenn überhaupt, noch nur noch um ihre Mitglieder und steht dem Unternehmen als Sozialpartner zur Seite. Wenn es Forderungen gibt, sind es Forderungen, um die man sich nicht streiten muss, alles andere wird von der Gewerkschaft als überzogen abgestempelt.

Ich habe zahlreiche Gespräche mit Kollegen geführt, über die täglichen Ungerechtigkeiten und den Bedürfnisse und das Bedürfnis, sich dagegen zu wehren. Eine Antwort war immer “Wir brauchen einen guten Betriebsrat” oder “hätten wir nur bessere Vorgesetzte”. Auf den Vorschlag, es selbst zu machen, kam immer die gleiche Reaktion: Es sein eine gute Idee, doch wenn man sich nicht ordentlich verhalte, kann es passieren, dass man keine Chance hat weiter zukommen und eventuell sogar raus geekelt werde. Das Vertrauen unter den Kollegen fehlt und wie schon gesagt, die Konkurrenz untereinander und der Druck seinen Stammplatz zu verlieren ist einfach zu groß.

Ich habe in den letzten 8 Jahren immer wieder versucht, Kollegen zu motivieren, sich zusammen zu schließen und sich geschlossen gegen die immer zunehmende Belastung zu wehren, es ist immer wieder am Konkurrenzkampf untereinander gescheitert.

Gerade im Bereich Logistik habe ich immer wieder Kollegen getroffen, die in vielen unterschiedlichen Logistikunternehmen in der Bremer Region gearbeitet haben, ob als Leiharbeiter oder Zeitarbeiter. Wenn du früher zur Stammbelegschaft eines Unternehmen gehörtest, wusstet du, du bleibst bis zur Rente dort, hast deine Position und gehörst zur “Familie“, was das “Wir” im Unternehmen stärkte. Heute sind die Kollegen eher Wanderarbeiter, die von vornherein wissen, dass der nächste Job wieder nur ein Temponäher sein wird, immer spielt die Hoffnung auf einem dauerhaft sicheren Arbeitsplatz  eine Rolle, aber viele stellen sich darauf ein, dass es nicht so kommen wird.

Daher fühlen sich die Kollegen auch nicht mehr mit den Unternehmen verbunden, nicht wirklich dazugehörig und es ist der Grund dafür, warum es nkeine kollektive Gegenwehr aus dem Betrieb gibt. Die Gegenwehr muss da entstehen, wo die Kollegen sich auf Augenhöhe begegnen und sich sicher fühlen. In den Wohnvierteln, in denen sie Leben. Es ist nicht wichtig, dass die Kollegen alle im selben Betrieb arbeiten – eher im Gegenteil. Wichtig ist, dass sie sich untereinander austauschen und kollektive Strukturen untereinander aufbauen. Nur so können die Kollegen gleichzeitig in unterschiedlichen Unternehmen Veränderungen herbeiführen. Ein Mittel wäre das gemeinschaftliche Krankschreiben.

Es könnte in vielen Bereichen helfen. Jeder Leiharbeiter/inn weiß, in welchen Unternehmen man respektvoll behandelt wird und in welchen man nur eine Nummer ist, die wenn sie nicht funktioniert, ausgetauscht wird. Wenn man im Vorfeld weiß, welchen Führungstill die jeweiligen Unternehmen an den Tag legen, kann man sich dann dementsprechend verhalten, wenn man dort eingesetzt werden soll.

Die immer schlechter und prekärer werdenden Arbeitsbedingungen sind zum gesellschaftlichen Problem geworden und können nur gemeinsam verbessert werden. Die Belegschaften einzelner Unternehmen sind, gerade in den Global agierenden Unternehmen, nicht mehr in der Lage, wirkliche Verbesserungen für sich zu erreichen, weil es die Strukturen nicht mehr zulassen. Wir wissen, dass die DGB-Gewerkschaften den Unternehmen nicht wirklich mehr was entgegen zu stellen haben und nur noch die Privilegierten, zumeist gut verdienenden Kollegen vertreten und alle anderen Mitglieder als wichtige Beitragszahler sehen.

Die Zeit der Räte ist vorbei und auch das System der Gewerkschaft muss neu gedacht werden. Wir müssen jetzt damit anfangen, kollektive Strukturen zu schaffen und neue Wege zu gehen. Gerade jetzt, wo erste Unternehmen lukrative neue Technologien implementieren und eine neue industrieelle Revolution unter dem Namen Industrie 4.0 prophezeien.

Erste Ansätze kollektiver Strukturen gibt es bereits in Bremen und es ist zu hoffen, dass daraus eine große Bewegung wird.

Dieser kurze Text ist die Einleitung zu dem Resultat, das ich aus den Erfahrungen, die ich in den letzten 8 Jahren, seit dem ich aktiv versuchte betrieblichen Strukturen im Sinne der Arbeiter zu verbessern, ziehe. Ich habe leider wenig Zeit zu schreiben, aber ich werde die Erfahrungen der vergangenen Jahre versuchen Stück für Stück aufzuarbeiten und zu veröffentlichen. Ein ganz wichtiger Blick soll dabei auch immer die Einschätzung zu aktuellen Aktivitäten sein, und wie ich mir in Zukunft die weitere Entwicklung der betrieblichen und gesellschaftlichen Bewegung vorstelle. Ich werde auf die Rhetorik und das Verhalten der Unternehmen eingehen, auf die Gewerkschaften, auf selbst organisierte Gruppen wie z.B. das Komitee „Wir sind der GHB“ usw. Und ich werde über aktuelle Projekte berichten.

Ich habe bewusst auf Begriffe wie Arbeiterbewegung, Arbeitskampf usw. verzichtet. Auch das hat einen speziellen Grund.

Sth. Bremen, den 04.12.2016