Gewerkschaften in Tschechien gegen Niedriglohn-Status

Niedriglohn: Habe Arbeit, brauche GeldDie slowakischen VW-Arbeiter haben es vorgemacht, auch weitere Belegschaften von Rumänien bis Polen haben Aktionen organisiert: Um den Status der Niedriglohn-Belegschaften (und Länder) zu überwinden, das soziale Gefälle in Europa zu beseitigen. Mit der jeweils zu erwartenden Reaktion von Seiten der Unternehmen und ihrer Verbände, frei nach dem Motto, die Beschäftigten seien undankbar, jetzt dürften sie schon arbeiten und wollten auch noch Einkommen, von denen sie leben können. In der Tschechischen Republik hat sich jetzt der größte Gewerkschaftsverband CKMOS dem Verlangen nach vernünftigem Einkommen angeschlossen und angenommen. Wofür es sogar (wenigstens verbale) Solidarität aus der BRD gibt, ganz im Unterschied etwa zum eingangs erwähnten „Fall“ Slowakei. Zu Arbeitsbedingungen und Einkommen in Tschechien zwei aktuelle Beiträge und zwei Hintergrundartikel:

  • „DGB unterstützt tschechische Kampagne für höhere Löhne“ am 14. September 2017 beim DGB externer Link ist ein kurzer Bericht über die Teilnahme des DGB-Vorsitzenden an der „End of Cheap Labour“ Versammlung des CMKOS am selben Tag in Prag, an der rund 1.500 Aktive teilnahmen. Darin heißt es unter anderem:2015 startete ČMKOS mit der „End of cheap labour“-Kampagne den Kampf gegen das niedrige Lohnniveau in der Tschechischen Republik. Mit der Kampagne unterstützt der Gewerkschaftsbund die tschechischen Gewerkschaften in ihren Forderungen nach tariflichen Lohnerhöhungen. Die Kampagne will zudem die Öffentlichkeit für die Ursache der tschechischen Wirtschaftschwäche sensiblisieren – diese sei eine direkte Folge des niedrigen Lohnniveaus.(…) Inzwischen trägt die Kampagne erste Früchte. “Eure Löhne sind letztes Jahr so stark gestiegen wie in den letzten zehn Jahren nicht”, beglückwünschte Reiner Hoffmann die tschechischen Kollegen in Prag und bekräftigte “Wir unterstützen eure Kampagne aus vollem Herzen und stehen solidarisch an eurer Seite!” Nicht zuletzt sei wegen der Kampagne der Mitgliederschwund in den tschechischen Gewerkschaften gestoppt worden, so der DGB-Vorsitzende“.
  • „Employers angered by unions demand for 10 percent wage hike in private sector“ von Daniela Lazarová am 15. September 2017 bei Radio Praha externer Link ist ein Beitrag über die Reaktion der Unternehmerverbände Tschechiens auf die Forderung des CMKOS, in den jetzigen Tarifrunden bis zu 10% Steigerung der Einkommen zu erreichen. Wenig überraschend und international verbreitet: Ablehnung. Mit speziellen Ausführungen etwa eines Sprechers der Handelskammer, der unterstrich, die Gewerkschaften sollten ihren Platz in der Gesellschaft kennen (heißt: und nicht frech werden, der Plebs), während von Unternehmerseite allgemein darauf verwiesen wurde, dass es dieses Jahr bereits Erhöhungen gegeben habe. Worauf wiederum die Gewerkschaften betonten, wo es Erhöhungen gegeben habe, sei dies gewerkschaftlicher Aktivität zuzuschreiben – und ohnehin seien die Beschäftigten der Privatwirtschaft deutlich hinter jenen im öffentlichen Dienst zurück geblieben.
  • „The Heroes of Capitalist Labor“ von Saša Uhlová am 05. September 2017 bei Political Critique externer Link ist die englische Übersetzung einer Pressemitteilung zu Reportage über prekäre Arbeitsbedingungen in der Tschechischen Republik. Die Autorin hat mehrfach einige Zeit lang in Unternehmen gejobbt, um heraus zu finden, wie die Arbeitsbedingungen und damit Lebensbedingungen der Niedriglohn-Bezieherinnen und Bezieher in Tschechien sind. Aus der Wäscherei eines Krankenhauses, von der Kasse eines Supermarktes, in einer Geflügel-Fabrik, der Herstellung von Rasierapparaten und in Unternehmen der Mülltrennung berichtet sie in dieser ersten Reportage, die Teil einer ganzen Reihe werden soll – vor allem aber wird es ein Dokumentarfilm werden, der dieses Jahr noch im tschechischen Fernsehen ausgestrahlt werden wird – eine Thematik, die dort nicht sehr oft vorkommt.
  • „Reinventing the role of the Czech trade unions: halfway through the journey“ von Monika Martišková und Mária Sedláková externer Link ist ein Beitrag einer Sammlung über osteuropäische Gewerkschaften, die im Sommer 2017 beim Europäischen Gewerkschaftsbund erschienen ist. Das Thema Entwicklung der Gewerkschaften in Tschechien wird dabei behandelt, ausgehend von der extremen Krise der Gewerkschaften, die in 20 Jahren auf rund 500.000 Mitglieder gesunken sind, ein Organisationsgrad von eben noch etwas über 12% – und zwei Drittel dieser Mitgliedschaft gehören den Organisationen des CMKOS an. Deren Versuche, mit „gewerkschaftlichen Innovationen“ aus dieser Krise zu kommen sind Hauptgegenstand des Beitrags – in dem unter den wichtigsten Themen auch eben die bis heute fortgeführte Kampagne gegen den Niedriglohnstatus behandelt wird, die als Erfolg bewertet wird. Wie auch die Entscheidung, sich endlich um die ZeitarbeiterInnen zu bemühen, die etwa 10% aller Beschäftigten des Landes ausmachen, die meisten davon in der Metallindustrie, weswegen die Metallgewerkschaft OS Kovo in dieser Frage besonders aktiv geworden sei. Die größte Protestbewegung der jüngeren Zeit schließlich ist ebenfalls ein Thema – im Gesundheitswesen wurden nicht nur bedeutende mobilisierungserfolge erreicht, sondern auch Verbesserungen.