Marokkanische Landarbeiterinnen in Andalusien: Wer gegen Arbeitsbedingungen auf den Erdbeerfeldern protestiert, wird abgeschoben

Dossier

SAT: Eine ganze Reihe von Landbesetzungen in Andalusien400 marokkanische Frauen, Landarbeiterinnen bei der Erdbeer-Ernte des Unternehmens Doñana 1998, hatten sich über die extrem üblen Arbeitsbedingungen auf den Erdbeerfeldern beklagt. Mehr noch: Sie hatten Schritte unternommen, dies zu verändern, sich zu organisieren. Woraufhin das Unternehmen reagierte: Mit der Bestellung von Omnibussen, um sie abzuschieben. In dem Artikel „Patronal andaluza intenta deportar a 400 temporeras por denunciar abusos“ von Roberto Jara am 04. Juni 2018 bei La Izquierda Diario externer Link wird nicht nur ausführlich über die Lebensbedingungen und die Klagen der Landarbeiterinnen berichtet – unter anderem über sexuelle Erpressung und Vergewaltigung durch Vorarbeiter – sondern auch darüber, dass die Massenabschiebung verhindert wurde durch eine Aktion der andalusischen Arbeitergewerkschaft SAT, die unter andere eine Eilanzeige bei den Behörden einreichte. Das Unternehmen versucht nun, sich damit heraus zu reden, die Saison sei eben vorbei und alles gehe seinen normalen Gang – was sowohl die Frauen, als auch die SAT energisch bestreiten. Siehe zur Aktion gegen die Abschiebung Aktuelles sowie einen Hintergrundbeiträge über das Leben der Landarbeiterinnen auf Europas Feldern, darunter auch in Andalusien:

  • Missbrauch auf Obstplantagen: Die Erntesklavinnen Europas New
    Sexuell belästigt, beleidigt und vergewaltigt: Erntehelferinnen in Europa werden für ihre harte Arbeit auf Obst- und Gemüse-Plantagen nicht nur schlecht bezahlt. Die für die Übergriffe und Taten Verantwortlichen kommen meist ungestraft davon. (…) Um Frauen wie Kalima zu finden, sind wir wochenlang durch die Erdbeerplantagen gefahren. Sind immer wieder ausgestiegen, durch kleine Feldwege gelaufen auf der Suche nach Unterkünften für die Arbeiterinnen. Keine der lokalen Hilfs- und Wohlfahrtsorganisationen wollte uns helfen oder uns Informationen geben. Sexuelle Gewalt sei kein Problem auf den Feldern, heißt es immer wieder. Tagelang haben wir das Gefühl, einem Gespenst hinterherzujagen. (…) Keine der Frauen wagt es, in der Nähe des Hauses mit Journalistinnen zu sprechen. Damit sie nicht mit Fremden gesehen werden, kommen zwei marokkanische Arbeiterinnen zu einer Farm in der Nähe, auf der sie Freundinnen haben. Sie schließen die Küchentür und schauen vorsichtig auf das kleine Fenster. Sabiha arbeitet seit Anfang März 2017 hier. Der Chef der Firma sei grausam und herzlos, sagt sie. Sie fürchtet Konsequenzen, deshalb ist auch ihr Name geändert. (…) Von örtlichen Institutionen, Gewerkschaften und Frauenrechtsorganisationen werden die Frauen allein gelassen, sagen sie. In persönlichen Gesprächen mit Vertretern der Caritas und des Roten Kreuzes wird uns immer wieder versprochen, dass ein Interview über die Situation der Erntehelferinnen oder sogar ein Besuch auf den Farmen möglich sei. Diese Termine werden dann immer wieder verschoben. Oft gibt es auch nach vielen Anrufen keine Ansprechpartner.  Die einzige Gewerkschaft, die sich zu dem Thema äußert, ist das Sindicato Andaluz de Trabajadores – kurz SAT. In Huelva hat die Gewerkschaft nur zwei Vertreter, Jose Antonio Brazo Regalado und seine Frau. Während Regalado durch die Reihen von Gewächshäusern fährt, erklärt er, warum sexueller Missbrauch seiner Meinung nach so ein Tabu in Huelva ist. „Als kleine Gewerkschaft können auch wir den betroffenen Frauen nicht helfen, weil wir darauf angewiesen sind, dass Frauen die Übergriffe den Behörden melden. In Huelva findet die schlimmste Ausbeutung der landwirtschaftlichen Arbeit in ganz Andalusien statt, das ist Sklaverei. Behörden, die Polizei, die Arbeitsaufsicht, alle schauen in die andere Richtung.“…” Text und Audio der Reportage von Pascale Mueller und Stefania Prandi am 28.10.2018 beim Deutschlandfunk externer Link Audio Datei
  • Erntehelferinnen in Südspanien: Nach „großer Empörung“ – keine Taten. Außer: Ab mit ihnen nach Marokko… 
    Die Empörung war groß, als die Lebensbedingungen marokkanischer Erntehelferinnen aus Andalusiens Erdbeerfeldern bekannt gemacht wurden, ein Sturm im (nicht nur) spanischen Blätterwald. Was danach passiert ist: Nichts. Außer, dass eben ihre befristete Arbeitserlaubnis abläuft und sie (für nicht Wenige beteiligte Akteure: Erfreulicherweise) nach Marokko zurück kehren müssen. In dem Artikel „Temporeras denunciantes de abusos laborales y sexuales: nadie quiere ver las pruebas. Para el Neoliberalismo la Esclavitud es cuestión de estado“ am 15. August 2018 bei kaosenlared externer Link dokumentiert (ursprünglich bei Punto Critico) wird sehr ausführlich und konkret darüber berichtet, welches Schicksal lange Zeit der – nun endlich gelungene, aber nach wie vor gefährdete (siehe den nächsten Beitrag) – Versuch von 10 der Landarbeiterinnen aus Marokko erlitten hat, auf juristischem Weg die Fortsetzung der rassistischen und sexistischen, Sklaverei-ähnlichen Lebensbedingungen zu verhindern. Unter anderem ein Gericht in Huelva, das sich weigert, irgendetwas auch nur entgegen zu nehmen. Beweismaterial, dessen Annahme von Polizeidienststellen verweigert wird und andere „Nettigkeiten“ mehr, mit denen diese Initiative verhindert werden sollte… Siehe dazu einen weiteren aktuellen Beitrag zu Fristen vor Gericht – und Fristen der Aufenthaltserlaubnis:

    • „Temporeras contra la esclavitud de Huelva necesitan nuestra ayuda“ am 16. August 2018 bei kaosenlared externer Link dokumentiert ist ein Solidaritätsaufruf für eine Kampagne zur Verlängerung der Aufenthaltserlaubnis der 10 Klägerinnen: Denn, wenn diese abgelaufen ist, gibt es für ein Verfahren, dessen Beginn auf nach dem Datum der Beendigung gelegt wurde, keine Klägerinnen mehr…
    • Skandal um vergewaltigte Erdbeerpflückerinnen erreicht Gericht in Madrid
      “… Der nationale Gerichtshof in Madrid hat ein Ermittlungsverfahren gegen einen Erdbeerproduzenten in der Region Huelva eingeleitet. Das stellt einen wichtigen Meilenstein in der juristischen Aufarbeitung der sexuellen Ausbeutung von Erntehelferinnen dar. Die Ermittlungen gehen nun über die südspanische Anbauregion Huelva hinaus, in der die Opfer bei der Justiz bisher kaum Gehör gefunden haben. Der Vorwurf: die Mitarbeiter des Produzenten sollen marokkanische Erntehelferinnen sexuell belästigt, vergewaltigt und verschleppt haben. (…) Mit dem nationalen Gerichtshof ermittelt die zweithöchste juristische Instanz in Spanien. Anders als in Deutschland, können in Spanien Strafanzeigen direkt an ein Gericht addressiert werden. Ein Ermittlungsrichter entscheidet dann über ihre Zulässigkeit und beauftragt die Staatsanwaltschaft. Das hat Bundesrichter Santiago Pedras Gómez nun getan. (…) Fast alle deutschen Supermärkte kaufen in der Region ein, damit die Regale vor dem Beginn der deutschen Erdbeersaison bereits mit Früchten gefüllt sind. Und zwar mit möglichst billigen. „Ich möchte, dass deutsche Käufer wissen: Der Grund, warum das alles passiert, ist der hohe Preisdruck,“ sagt Formoso. Der Anwalt macht sich jetzt Sorgen, dass sich trotz der vielen Medienberichte und der juristischen Verfahren auch außerhalb der Region wieder ein Mantel des Schweigens über die Erdbeerfelder in Huelva breitet. Denn die zehn marokkanischen Frauen, auf die sich die Anklage stützt, haben nur ein dreimonatiges Visum für Spanien. Daher ist es laut Formoso wahrscheinlich, dass sie vor Beginn der Verhandlung nach Marokko zurückkehren müssen. Da ihr Arbeitgeber ihnen kein Gehalt gezahlt habe, befänden sie sich in einer äußerst prekären Situation. Die Anwälte sammeln derzeit Geld für sie…” Bericht von Pascale Müller und Frederik Richter vom 22. August 2018 bei Correctiv externer Link
  • Zahlreiche Erntehelferinnen werden in Spanien missbraucht – und die EU zahlte Millionen-Subventionen. Das ist kein Zufall: Für die Feldarbeit werden bewusst Frauen ausgewählt, die sich kaum zur Wehr setzen können. 
    Die EU hat über mehr als 15 Jahre Projekte für marokkanische Erntehelferinnen in Südspanien gefördert, obwohl die Region seit Jahren für Ausbeutung von Erntehelferinnen bekannt ist. Für die Arbeit auf spanischen Feldern haben die Projektmitarbeiter bewusst Frauen ausgesucht, die sich kaum zur Wehr setzen können – und sich dann nicht darum gekümmert, dass es diesen Frauen in Spanien gut geht. Recherchen von BuzzFeed News Deutschland zufolge haben sowohl spanische Lokalbehörden, als auch Wohlfahrtsorganisationen in Huelva im Rahmen von EU-Projekten seit 2005 mindestens vier Million Euro für Arbeitsmigration und damit auch die Unterstützung von Erntehelferinnen erhalten. In der Beschreibung eines dieser Projekte heißt es explizit, es gehe um die „Vermeidung von Missbrauch und Ausbeutung, jeglicher Art von Diskriminierung, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit.“ Das ist nach Recherche von BuzzFeed News nicht passiert. Die Ziele der Projekte, Sprachkurse und interkulturelle Mediation für die Erntehelferinnen, stehen teilweise im völligen Widerspruch zu der Situation, die BuzzFeed News 2017 während der wochenlangen Recherche vor Ort vorgefunden hat: Keine der Dutzenden interviewten Frauen gab an, einen Sprachkurs besucht zu haben, auch von Mediatorinnen hatte noch keine gehört. (…) Die sechs Organisationen, die innerhalb der EU-Projekte Gelder erhielten, geben BuzzFeed News gegenüber keine Auskunft darüber, wie sie diese verwendet haben und ob sie in irgendeiner Form zu Gewaltschutz beitragen. Darunter sind auch die Caritas und das Rote Kreuz. (…) BuzzFeed News gegenüber sagten betroffene Frauen 2017, dass sie sich nicht trauen, um Hilfe zu bitten oder nicht wissen, an wen sie sich wenden können. Das liegt auch daran, dass auf Huelvas Feldern fast nur Frauen arbeiten, die ein ganz bestimmtes Profil haben: Sie sind besonders verletzlich. Die meisten Erntehelferinnen können nicht lesen oder schreiben. Sie sprechen kein Spanisch. Und sie ernähren mit ihrem Einkommen ihre Familien in Marokko. Das ist kein Zufall. Die Frauen werden in Marokko von der eigens dafür eingerichteten Agentur ANAPEC nach diesen Kriterien ausgesucht. Man will Frauen nach Huelva holen, die nach der Erntezeit wieder nach Marokko zurückkehren… ” Artikel von Pascale Mueller und Stefania Prandi vom 27. Juli 2018 bei Buzzfeed News externer Link
  • „Vergewaltigt auf Europas Feldern“ von Pascale Muller und Stefania Brandi am 30. April 2018 bei Buzzfeed externer Link war eine gemeinsame Publikation des Portals mit Correctiv, in der es – neben Berichten aus anderen Regionen – zu den Verhältnissen in Andalusien und den Beziehungen des dortigen Agrarkapitals in die BRD unter anderem hieß: „Palos de la Frontera ist eine Stadt, der die Erdbeeren Reichtum gebracht haben. Rund 80 Prozent der nach Deutschland gelieferten Erdbeeren stammen aus der Region Huelva in Andalusien. Die Region ist der größte Erdbeerproduzent Europas. Unter einem weißen Meer von Plastik-Gewächshäusern ernten vor allem Frauen jedes Jahr mehr als 300.000 Tonnen Erdbeeren. Das sogenannte rote Gold verspricht finanzielle Stabilität und Arbeitsplätze. Im Jahr 2017 exportierte Spanien Erdbeeren im Wert von rund 600 Millionen Euro, angeblich die beste Erdbeerernte seit 40 Jahren. Mit Journalisten wollen die Einheimischen aber nicht über das Geschäft sprechen. Eine wiederholte Anfrage von BuzzFeed News wurde von regionalen Handelsorganisationen wie Freshuelva und der andalusischen Regierung nicht beantwortet. Der Bedarf an billigen, ungelernten Arbeitskräften in Huelva nimmt stetig zu. Kalima, Sabiha und ihre Kolleginnen kommen aus Regionen Marokkos, in denen es kaum Jobs gibt. Die Arbeit in Spanien ist für sie eine Möglichkeit, der Armut zu entkommen. Sie arbeiten von sechs Uhr morgens bis zu einer oft nur halbstündigen Mittagspause und dann oft wieder den ganzen Nachmittag bis zum Abend. Dabei verdienen sie nicht mehr als 30 Euro am Tag. Wenn das Wetter zu schlecht für die Ernte ist, werden sie nicht bezahlt. Manchmal werden sie aus völlig willkürlichen Gründen mit Arbeitsentzug bestraft, zum Beispiel für das Zerdrücken von Früchten. Diese finanzielle Abhängigkeit der Frauen nutzen die Täter aus. Die Frauen geben an, dass sie von örtlichen Institutionen, Gewerkschaften und Frauenrechtsorganisationen allein gelassen werden. In Gesprächen mit BuzzFeed News sagen lokale Frauenrechtsorganisationen, es gebe keine Belästigungen, keinen Missbrauch, keine Vergewaltigungen von Feldarbeiterinnen. Wiederholte Versuche, Gewalt an Arbeiterinnen mit dem örtlichen Roten Kreuz, der Caritas oder den Frauenrechtsorganisation „Huelva Acoge“, sowie „Frauen in Konfliktregionen“ (Mujer en Zone de Conflictos) zu diskutieren, blieben erfolglos“.