FIFA get out of my CountryManche sagen immer noch, es sei Fußball: Aber vor dem ersten Anpfiff werden bereits Rekordabschlüsse vermeldet, die deutlich über jenen der Hannover-Messe und ähnlicher Veranstaltungen liegen. Andere meinen sogar, die WM könne „völkerverbindend“ wirken – bis zur nächsten Niederlage, wenn man „denen“ nicht aggressiv genug entgegen getreten ist (was im übrigen 1934 erstmals Thema war, als Mussolinis Mannen gewannen) … Mussten die Spieler 1954 noch um jeden Preis so tun, als ob sie elf Freunde wären (als ob irgendjemand die „Pfälzer Mafia“ hätte leiden können), so sind sie heute rituell verpflichtet, sich als Geschäftsleute zu zeigen (der nächste Entwicklungsschritt des Bankkontos), die den jeweiligen nationalen Werten verpflichtet sind. Heißt: Solange Gündogan und Özil sich nicht mit Lagerkommandant Seehofer fotografieren lassen, wird ihnen nicht vergeben, der Missachtung deutscher Werte wegen. Keine Sau denkt daran, Saudi Arabien zu boykottieren, dafür versucht noch die letzte Reporter-Niete sich als Saubermann zu profilieren, wenn im Zuge der Abschaffung der Stehplätze auch Feuerwerk verboten ist. Und dazu ein bisschen Russland-Bashing (aus berechtigten, aber woanders auch existierenden Gründen – keinesfalls aber wegen Anarchistenjagd und Kosaken-Einsatz) macht den Weg zum Chef-Kommentator frei. Die zentralasiatischen Bauarbeiter, die diesmal für die Stadien bluten mussten, haben nun wieder Zeit zu überlegen, wie sie russischen nationalistischen Banden entkommen können. Die Zeit haben weltweit hunderttausende Beschäftigte von Clubs und Verbänden nicht, denn die nächste Saison ruft bereits, samt unbezahlter Überstunden. Was den Titel betrifft, halten wir es ausnahmsweise mit dem  kleineren Übel: „Oh, wie schön ist Panama!“ – die kleinste Oase des Steuerbetrugs hat immerhin die Größte an der Teilnahme gehindert. Unsere aktuelle Materialsammlung als Erinnerungshilfe zur 21. FIFA WM in Schlaglichtern – inklusive eines Blicks jenseits der russischen Grenzen, auf einen Nebenschauplatz und auf digitale Geschäftspraktiken

Sklavenarbeit bei Nike„Mondial de football 2018 : Des records de sponsoring pour les équipementiers… les travailleur.euse.s toujours sur la touche“ am 11. Juni 2018 beim alternativen Gewerkschaftsbund SUD Solidaires externer Link ist ein kommentierender Hinweis auf eine Broschüre zur FIFA WM 2018, in dem einigen ökonomische Fakten hervor gehoben werden: Die nunmehr 65 Millionen Euro im Jahr, die „die Mannschaft“ von Adidas erhält, machen den Anfang. Konkurrent Nike zahlt einem gewissen CR7 exakt 25 Millionen jährlich – in einem gerade abgeschossenen Vertrag: Über 40 Jahre. Preisfrage: Wenn Adidas ein Trikot für 90 Euros verkauft, welchen Prozentsatz dieses Preises macht der Arbeitslohn aus? Selber ausrechnen! (Geht so: Wenn 1% demnach 0,90 Euro sind, wie viel sind dann 80 Cent?). Und: Bei Sportschuhen beider Marken ist der Lohnkostenanteil in den letzten 20 Jahren nochmals um 30% gesunken, quatsch: Gesenkt worden. Und noch einige Beispiele mehr werden da angeführt, wie speziell diese beiden Unternehmen – etwa durch Schließung von Produktionsstätten in China und ihre Verlagerung in neue Billiglohn-Länder Asiens – ihre Gewinne steigern, really cool (deutsch: Eiskalt berechnend) und in jedem Fall Tabellenletzter der Sympathietabelle (in der untersten Liga, von der wir hier reden).

„Mondial de Foot 2018. Nouveau rapport “Anti-jeu. Les sponsors laissent les travailleurs sur la touche”  am 02. Juni 2018 externer Link vom Bureau d’analyse sociétale pour une information citoyenne für das Collectif Ethique sur l’étiquette ausgearbeitet und publiziert, ist die Fortschreibung eines ähnlichen Berichts aus dem Jahr 2016 aus Anlass der damaligen Fußball-EM in Frankreich. Der Bericht umfasst 36 Seiten und hat auch noch weitere „Hauptdarsteller“ neben den beiden genannten, in der Branche führenden Konzernen.

„Moskau: 2000 gegen politische Verfolgung“ von Ute Weinmann am 12. Juni 2018 in neues deutschland externer Link über die Protestdemonstration gegen die „Anarchistenjagd“: „Etwa 2000 Menschen fanden sich am Sonntag auf einer Kundgebung im Moskauer Stadtzentrum ein, um gegen Repression und Willkür in Russland zu demonstrieren. Zahlreiche Rednerinnen und Redner aus ganz unterschiedlichen, teilweise sogar entgegengesetzten politischen Spektren, versuchten sich an einer Zustandsbeschreibung. Den Anfang machten Angehörige von verhafteten Anarchisten, später ging das Mikrofon auf der Bühne an Prominente wie den 88-jährigen Dissidenten und Menschenrechtler Sergej Kowaljow oder die Schriftstellerin Ljudmila Ulizkaja über. Immer wieder fiel die Jahreszahl 1937 als Ausgangspunkt – gemeint ist der »Große Terror«, von dem sich je nach Interpretation die heutige russische Gesellschaft weit entfernt habe oder sich aber mit wachsender Geschwindigkeit wieder annähere. Dass sich rote und schwarze Fahnen vor dem Hintergrund schwarz-gelb-weißer Flaggen russischer Nationalisten wiederfinden, ist dem Umstand geschuldet, dass rechte wie linke Gruppen gleichermaßen politischer Verfolgung ausgesetzt sind“.

„Libération immédiate des deux prisonniers politiques A. Koltchenko et O. Sentsov qui se trouvent en danger de mort“ am 08. Juni 2018 ebenfalls bei SUD Solidaires externer Link ist der Aufruf zu einer Protestdemonstration vor der russischen Botschaft in Paris in Solidarität mit zwei hungerstreikenden politischen Gefangenen – hier als ein Beispiel zahlreicher ähnlich gearteter Aktionen in verschiedenen Ländern im Vorfeld der WM Eröffnung.

„Labour Migrants From Kyrgyzstan, Tajikistan and Uzbekistan to Russia Amidst Uncertain Trends“ von Douglas Green am 05. September 2017 bei der Times of Central Asia externer Link ist ein Beitrag über die Entwicklung der Arbeitsmigration nach Russland seit 2013, dem Jahr des Höhepunkts, als 2,7 Millionen Menschen aus Usbekistan, 1,2 Millionen aus Tadschikistan und knapp 600.000 aus Kirgisien in Russland (mit Papieren) arbeiteten. Damalige Schätzungen aus verschiedenen Quellen ließen den Schluss zu, dass von diesen 4,5 Millionen Menschen aus diesen drei Ländern  (insgesamt sind nach verschiedenen Schätzungen rund 14 Millionen Menschen aus anderen Ländern in Russland beschäftigt) mehr als 5%, also rund 250.000 Bauarbeiter waren. Seit 2013 gab es eine ganze Reihe von Maßnahmen zur Erschwerung der Arbeitsaufnahme durch MigrantInnen, was in dem Beitrag noch genauer ausgeführt wird. Der Beitrag befasst sich auch mit den strukturellen Ursachen der Migration in den jeweiligen Heimatländern.

„Moscow’s Little Kyrgyzstan“ von Journeyman Pictures am 17. März 2017 bei You Tube externer Link eingestellt ist ein 25 Minuten Video über das Leben von MigrantInnen aus Kirgisien in Moskau – mit und ohne Papiere. Deren Erfahrungen, was Abschiebung, Polizeischikanen und rechte Banden betrifft, von denen hierzulande nicht sehr verschieden sind…

„Die Story im Ersten: Das Milliardengeschäft“ von Tom Ockers am 11. Juni 2018 in der ARD externer Link (Mediathek) – handelt gar nicht von Russland. Sondern: Von China. Aber auch: Von der Geldscheffelbranche, unter anderem so: „Wie diese Kooperation funktioniert und warum sich deutsche Firmen dafür mit großem Aufwand engagieren – das dokumentiert die NDR-Produktion “Das Milliardengeschäft – Deutschland, China und der Fußball”. Exklusive Einblicke aus China und Interviews mit den wichtigen Protagonisten ermöglichen einen spannenden Blick hinter die Kulissen eines Geschäfts, in dem es nicht nur um Tore, sondern vor allem um viele Millionen geht. Die Autoren des Films treffen wichtige deutsche Fußballfunktionäre und Trainer, die für chinesische Clubs oder den chinesischen Fußballverband arbeiten, aber auch chinesische Wirtschaftsbosse.   Der Milliardenkonzern “Wanda” äußert sich zu seinen Interessen im europäischen Fußballmarkt. Das Unternehmen ist Besitzer der weltweit führenden Sportrechteagentur “Infront”. Und “Infront” ist wiederum für Marketingmaßnahmen der deutschen Nationalmannschaft verantwortlich. Im Fußball sind Deutschland und China, der Sport und das große Geld aufs Engste verknüpft“ – die nächste Messe kommt bestimmt…

„Im Namen der Mimose“ von Christof Ruf am 11. Juni 2018 in neues deutschland externer Link zur traditionellen Kritik an Hofberichtserstattungen: „Offenbar schon, zumindest wird die Fußball-Berichterstattung seit Jahren immer kuscheliger. Der »kicker« fragt bei seiner alljährlichen Umfrage unter Bundesliga-Profis seit einigen Jahren nicht mehr nach dem schlechtesten Schiedsrichter. Der Referee Babak Rafati hat vor Jahren einen Suizidversuch unternommen – was tatsächlich ein guter Grund für die Branche ist, sich zu reflektieren. Aber muss man deswegen so tun, als gebe es dort, wo es gute Schiedsrichter gibt, nicht logischerweise auch weniger gute? Was wirklich existenziellen Druck erzeugt, ist doch nicht die Bewertung von sportlichen Leistungen. Es sind die Mechanismen einer turbokapitalistischen Branche, in der Fehler mit Millionen Euro verbunden sein können und in Wettbüros in Bangkok oder Buenos Aires Wetten auf belgische Drittligaspiele abgegeben werden können. Vielleicht handelt es sich bei der Forderung nach Rundum-Freundlichkeit aber auch schlicht und einfach um einen Generationenkonflikt unter den Medien-Menschen. Da gibt es ja auf der einen Seite die Fraktion derjenigen, die nicht unbedingt viel dafür tun, um die Vorurteile über ihre Spielergeneration zu widerlegen. Vieles, was Oliver Kahn, Matthäus und Co. sagen, klingt ja tatsächlich nach Opas Erzählungen vom Krieg. Es fehlt an Empathie, an Bereitschaft, sich in die nächste Generation hineinzuversetzen. Und weil das so ist, findet das moderne Fußball-Feuilleton eigentlich alles, was die Altvorderen sagen, per se lächerlich. Nur dass sie an die Stelle der Blut-Schweiß-und-Tränen-Rhetorik eine vage Gratismoral setzen, die wenig Rücksicht auf Wahrhaftigkeit und viel auf die Egos der Mitmenschen nimmt“.

„Großer Bruder Liga“ von Sebastian Stier am 11. Juni 2018 bei Elf Freunde externer Link zur Überwachung von Fußballfans durch die obersten Geschäftsleute der spanischen Branche: „Zu den Besonderheiten des spanischen Fußball-Kosmos gehört, dass es kaum möglich ist, ein Ergebnis zu verpassen. Beim Flanieren durch die Straßen und Gassen gibt es immer eine Bar, ein Café oder ein Restaurant, in dem ein Bildschirm aufgestellt ist, auf dem die Spiele der Primera Division zu sehen sind. Beinahe jede Begegnung wird zu unterschiedlichen Zeiten angepfiffen, damit möglichst jeder Klub exklusiv und live gezeigt werden kann. Fußball ist ein öffentliches Kulturgut, finden die Spanier. Beim Cortado am Morgen, beim Vino am Abend oder beim Genießen von Tapas – La Liga läuft immer. (…) Nur, und das ist das große Problem, welches der spanische Ligaverband LFP hat, nicht immer legal. Wer als öffentliche Einrichtung Fußball der Profiligen zeigen will, benötigt dafür eine Lizenz. Und die ist teuer. Genau wie in Deutschland, wo Gastwirte Gebühren an den Pay-TV-Sender Sky bezahlen müssen, wenn sie dessen Rechte nutzen. Mit der Zahlungsmoral einiger Gastronomen in Spanien sehe es aber nicht so gut aus, findet die Liga. Rund 150 Millionen Euro gehen ihr laut eigenen Angaben jährlich aufgrund von illegalen Übertragungen verloren. Um dieser Entwicklung Einhalt zu bieten, hat der Verband eine höchst umstrittene Maßnahme ergriffen. Er spioniert. Mithilfe einer App. Um die App benutzen zu können, ist eine der üblichen Einverständniserklärungen vonnöten. Klickt der Benutzer »Ich stimme zu«, ist es der LFP möglich, die Mikrophone der Mobiltelefone zu aktivieren. Über die lässt sich dann hören, ob an dem Ort, an dem sich die Person befindet, Ligafußball gezeigt wird. Wo sich derjenige gerade aufhält, lässt sich über die Lokalisationsfunktion des Telefons verfolgen…