»Die alte Linke in Polen ist tot«

Gespräch mit Jerzy Urban. Über die Rechtswende in dem mittelosteuropäischen Land und über Gründe für die Schwäche der sozialistischen Kräfte dort. Interview von Reinhard Lauterbach, Warschau, in junger Welt vom 01.08.2015 externer Link (darin auch Infos zur Person)

  • Aus dem Text: “… Nach irgendeinem Sozialismus sehnt sich heute niemand in Polen. Es geht darum, innerhalb des Kapitalismus eine bessere Position zu erringen. Die jungen Leute haben keine eigenen Erinnerungen an den Sozialismus mehr, und alles, was sie von ihm wissen, haben sie in den Schulen und in der Kirche gelernt: dass er eine Zeit schrecklicher Unterdrückung und fehlender Freiheit gewesen sei, die bestenfalls Verachtung verdiene. Alles, was der Sozialismus dem Volk gegeben hat, wird als »grau« und abscheulich dargestellt. Die ganze Zeit gilt als eklig. Dieses Weltbild wird vom Erziehungswesen und den Medien verbreitet. Die Linke ist bankrott und existiert nicht, aber das ist ein extra Thema. Als praktische Alternative gibt es sie nicht. Sie wird verspottet und gilt als untergegangene Formation. (…) Deshalb glaube ich, dass eine antiklerikale und auf die Rechte des Individuums ausgerichtete Formation gute Chancen hat, auch wenn es sie jetzt noch nicht gibt. Sie müsste sozial orientiert und vor allem klug sein, strategisch denken und nicht nur von Fall zu Fall irgendwo einen Geldsack ausschütten, damit Ruhe ist. Denn Polen wird doch mit jedem Jahr immer europäischer, die Skepsis gegenüber der Klerikalisierung des öffentlichen Lebens wächst, viele kirchliche Gebote werden von der Mehrheit der Leute in der Praxis ignoriert…”