Proteste und Streiks in Italien gegen die Ermordung eines Streikpostens in Piacenza

Ein vergleichbarer LKW fuhr am 15.9.2016 einen GLS Streikposten in Piacenza totStreiks in verschiedenen GLS-Niederlassungen in Italien, eine Protestdemonstration von 7.000 Menschen in Piacenza, Protesterklärungen zahlreicher Gewerkschaften und die Ankündigung beziehungsweise Vorbereitung weiterer Aktionen in der beginnenden Woche – das waren die ersten Reaktionen auf den Tod des 53-jährigen USB-Aktivisten Abd Elsalam Ahmed Eldanf vor dem Tor eines GLS-Lagers (Drittfirma) in Piacenza. Und während die italienische Regierung sich nicht entblödet, den Angriff eines LKW Fahrers auf demonstrierende GewerkschafterInnen als „Verkehrsunfall“ zu bezeichnen (von der Staatsanwaltschaft übernommen) – und den Tod Abd Eldanfs auch als solchen öffentlich darzustellen – beharrt die USB mit Hilfe von verschiedenen Dokumenten auf der Darstellung eines Mordes im Auftrag des Kapitals. In einem Umfeld, das auch in Italien von wachsenden prekären Arbeits- und Lebensbedingungen gekennzeichnet ist – die von der Regierung massiv befördert werden, und gegen die sich die überfallene Aktion richtete – sowie von ununterbrochenen Versuchen, das Streikrecht einzuschränken und Streiks öffentlich zu ächten, ist dies eine Haltung, die den Kern der Entwicklung trifft. Siehe dazu unsere aktuelle Materialsammlung „Tod in Piacenza – massive Proteste und Kampf für Gewerkschaftsrechte“ vom 18. September 2016:

„Italy: Worker killed on picket line outside GLS depot in Piacenza“ von Fred Weston am 16. September 2016 bei In defence of Marxism externer Link ist einer der Berichte über den tödlichen Angriff auf die GLS-Proteste, der von daher lesenswert ist, weil er knapp die Vorgeschichte dieser Auseinandersetzung skizziert, mit den erfolgreichen Streiks im Dezember letzten Jahres in Rom, Bologna, Piacenza, Verona und Padua, die GLS (und im Anschluss auch weitere Logistik-Unternehmen) dazu zwangen, der geforderten Beendigung des Systems der Subunternehmen zuzustimmen – woraufhin dann praktisch nichts geschah, weswegen jetzt erneut die Protestaktionen aufgenommen worden waren. In dem Artikel sind auch Videos verlinkt, die unter anderem den Protest kurz vor dem Überfall zeigen (von denen die Staatsanwaltschaft behauptet, es habe sie gar nicht gegeben, als Basis ihrer Geschichte vom Verkehrsunfall), sowie die Aussage des Bruders des Opfers, der unterstreicht, der Fahrer habe auf Forderungen der Geschäftsleitung reagiert.

„Manifestazione USB dopo l’omicidio di Abd Elsalam – Oltre 7.000 in corteo a Piacenza“ am 17. September 2016 bei der USB externer Link ist ein erste Meldung über die Protestdemonstration in Piacenza am Samstag, an der sich über 7.000 Menschen beteiligten, nicht nur Arbeitskollegen von GLS und anderer Logistik-Unternehmen, in denen vor allem die Basisgewerkschaften SI Cobas und USB aktiv sind (nachdem die verschiedenen größeren Verbände etwa 2013 Tarifvereinbarungen unterzeichnet hatten, die das System der Subunternehmen verewigten, sind diese Organisationen gewachsen), sondern auch viele Aktive anderer Gewerkschaften. Auf der Seite der USB ist auch eine ganze Sammlung von Videos und Fotos nicht nur dieser Demonstration, sondern auch anderer Protestaktionen

„SCIOPERO DI SOLIDARIETA’ ALLA GLS CASTEL DI LEVA E DI RIANO!“ am 16. September 2016 bei den SI Cobas externer Link ist die Meldung über Proteststreiks in zwei GLS-Lagern nach Bekanntwerden des Todesfalls, die von der anderen der beiden im Sektor aktiven Basisgewerkschaften organisiert wurden (beziehungsweise gemeinsam mit der USB in einem Fall) – die auch eine Erklärung veröffentlicht hat, in der die Auffassung der USB unterstützt wird, dass der tragische Tod ein Ergebnis der heutigen italienischen Wirklichkeit sei

„Picchetto di Piacenza, l’Usb respinge l’ipotesi del pubblico ministero e ribadisce che si è trattato di un assassinio“ am 15. September 2016 bei Contro la crisi externer Link ist ein Beitrag über die Kritik der USB an der offiziellen Darstellung des Ereignisses als Unfall – und über die (zahlreichen) Argumente, mit denen die Gewerkschaft ihre Interpretation des Vorfalls als einen Mord untermauert

„Brescia. Lavoratore ucciso a Piacenza: scioperi nelle aziende metalmeccaniche“ am 16. September 2016 bei der Metallgewerkschaft FIOM externer Link – die dem Gewerkschaftsbund CGIL angehört – ist ein Bericht über zahlreiche spontane Proteststreiks in verschiedenen Metallbetrieben in Brescia (Iveco, Iveco mezzi speciali, Eredi Gnutti, Omb Technology, Isoclima, MetalWork, Atb, Fonderia di Torbole, Sabaf, Streparava, Lanfranchi, Eural, Beretta, Trw, Banco Nazionale di Prova, Timken, Redaelli, Uberti, Tanfoglio, Metra, Metracolor, Compes), samt der Ankündigung weiterer Aktionen

„Operaio ucciso: iniziative di mobilitazione della Filt Cgil in Lombardia“ am 16. September 2016 bei Rassegna Sindacale externer Link ist ein Bericht über Protestaktionen (der Transportarbeitergewerkschaft in der CGIL) in der Lombardei, worin deutlich wird, dass aus diesem traurigen Anlass zumindest die gewerkschaftliche Konkurrenz überwunden wird

„Picchetto di Piacenza, Cisl territoriale: “Da tempo denunciavamo clima di indimidazione nell’azienda”“ am 15. September 2016 bei Contro la Crisi externer Link dokumentiert ist die Protesterklärung des Regionalverbandes des Gewerkschaftsbundes CISL von Parma und Piacenza, in der unterstrichen wird, dass von Seiten des (allgemein als „sehr gemäßigt“ eingeschätzten, etwa der CFDT in Frankreich vergleichbaren – um von anderen nicht zu reden) Verbandes schon seit langem auf ein Klima der Einschüchterung in italienischen Unternehmen verwiesen werde, das systematisch und organisiert verbreitet werde und zu solchen Ergebnissen führe

„Lavoratore ucciso a Piacenza. Fim, Fiom, Uilm di Venezia: un’ ora di sciopero il 19 settembre“ am 16. September 2016 bei der FIOM externer Link ist der Aufruf der Metallgewerkschaften der drei großen Verbände der Region Venezien zu einem einstündigen Proteststreik am 19. September in den Metallbetrieben der Region

„Sabato tutti a Piacenza per Abd Elsalam, vittima di guerra!“ am 16. September 2016 bei den Clash City Workers externer Link ist ein Aufruf zur Teilnahme an der Demonstration in Piacenza – einerseits als eines von mehreren möglichen Dokumenten, die zeigen, dass der Bogen der Solidarität und des Protestes – vor allem – auch die Bereiche des radikalen Basisaktivismus mobilisiert, andrerseits hier auch interessant, weil darin nochmals knapp der Zusammenhang mit der gesamten gesellschaftlichen Entwicklung Italiens hergestellt wird, etwa, wenn hervorgehoben wird, dass die Zahl der arbeitenden Menschen in Italien, die unter der offiziellen Armutslinie leben müssen, sich seit 2008 vervierfacht hat – von den Erwerbslosen ganz zu schweigen

„La logistica del profitto“ von Sergio Bologna am 16. September 2016 bei Dinamopress externer Link dokumentiert (ursprünglich bei Il Manifesto) ist ein kurzer Beitrag über die Struktur des italienischen Logistikwesens – hier als ein Beispiel dafür verlinkt, wie diese Verhältnisse allmählich in der Öffentlichkeit zur Kenntnis genommen werden