Die Karawanen aus Mittelamerika marschieren weiter: Und werden zu einem politischen Manifest – von der Opposition in der mexikanischen Lehrergewerkschaft (CNTE) unterstützt…

„Migrationskarawane“ von Honduras durch Guatemala nach Mexico und in die USAWährend der Hauptteil der ersten Karawane, jener aus Honduras Mitte Oktober aufgebrochene, zuerst etwa 2.000, inzwischen mit rund 7.000 Menschen, den südlichen mexikanischen Bundesstaat Oaxaca durchquert hat (und in der Atlantik-Provinz Veracruz am Morgen des 03. November 2018 vergebens darauf warteten, dass der Gouverneur sein Versprechen erfülle, ihnen 150 LKW zum Transport nach Mexikostadt (grob 400 Kilometer entfernt) bereit zu stellen), beschlossen sie, dann eben zu Fuß weiter zu marschieren. (Der Gouverneur nahm im Laufe der Nacht dieses Versprechen vom Vortag zurück, weil es in der Hauptstadt nicht genügend Wasser für Alle gäbe). Weder durch leere Versprechungen aus Mexiko noch durch die immer wilderen Drohungen des US-Präsidenten lassen sie sich aufhalten. Die Gewalt, die ihnen Einpeitscher Trump androht, kennen sie zur Genüge: San Pedro Sula, die Stadt im Norden von Honduras, in der sich die erste Karawane sammelte, war 2013 auf dem übelsten „Thron“, den es gibt: Die gewalttätigste Stadt des Kontinents. Juchitán in Mexiko, durch das sie zogen, war eine der Städte, die diese Position in den Folgejahren einnahm. Ihre Aktion wird zu einem politischen Manifest gegen Armut und Kriminalität und damit auch gegen die verschiedenen Regierungen und vor allem jene der USA, die der Hauptfaktor der Politik in der Region bleiben. Durch die Stützung reaktionärer, repressiver Regimes etwa, deren antisoziale Politik neben Armut eben auch Kriminalität produziert. Inzwischen hat sich die vierte Karawane gebildet – während in Mexiko konservative und rechte Medien „enthüllen“ was niemand verschweigt (im Gegenteil): Dass die Opposition in der Lehrergewerkschaft, die CNTE massiv mobilisiert, Lastwagen für die Karawane bereit zu stellen… Siehe in der Materialsammlung vom 4. November einige aktuelle Beiträge sowohl mit Stimmen aus den Karawanen, als auch zum Hintergrund der Entwicklung und den Hinweis auf den bisher letzten unserer zahlreichen Beiträge:

„Primeros migrantes en Puebla y CDMX reciben cenas y atención médica“ am 04. November 2018 externer Link (update) ist die Agenturmeldung (hier bei La Jornada) aus der Nacht, dass die ersten Gruppen der MigrantInnen-Karawane jeweils in Puebla und Ciudad de Mexico angekommen seien und von den Behörden mit Nahrung und medizinischer Versorgung versehen würden.

„Yo soy CNTE!“„Agenda Migrante alerta infiltración de la CNTE“ von Antonia Lopez Cruz am 02. November 2018 bei La Razon externer Link ist eine „Enthüllung“: Dass eben die CNTE für die Karawane Lastwagen zum Weitertransport Richtung Hauptstadt organisiert. Dabei wird eine „Expertin“ interviewt, die beklagt, dass die Koordinatoren der Karawane sich mit Vertretern der CNTE getroffen haben, um die Unterstützung konkret abzusprechen und zu beginnen. Die Karawane begebe sich aus „purer Not“ in diese „gefährliche Verbindung“, so werden da die Ängste des Bürgertums in Worte gefasst…

„Exodus“ von Moritz Krawinkel am 03. November 2018 im medico-Blog externer Link über die aktuelle Situation am Samstagmorgen: „In der Dunkelheit des frühen Morgens drängen sich Tausende auf dem Platz vor der Markthalle in Sayula de Alemán im mexikanischen Bundesstaat Veracruz. Nach 130 Kilometern Strecke am gestrigen Tag haben die meisten von ihnen die Nacht in der Halle verbracht. Dem heftigen Regen der Nacht waren sie diesmal nicht ganz schutzlos ausgeliefert. Dennoch: Viele husten, es ist deutlich kühler geworden als es in den letzten Tagen war. Aus den die Karawane begleitenden Gesundheitsdiensten heißt es, jedes der mindestens 1000 mitreisenden Kinder sei krank. Jedes Kind. Sie leiden besonders unter den Strapazen der Reise, dem Regen, der Hitze und dem Stress. Die Versorgung, die die Menschen nach stundenlangen Tagesmärschen in den improvisierten Camps erwartet, ist minimal: Essen, das von Menschen aus den Orten gebracht wird, Wassertanks der Stadtverwaltung, oft nur ein paar Planen als Schutz wahlweise vor dem tropischen Regen oder der glühenden Sonne. Die Menschenmenge auf dem Platz in Sayula wartet auf Busse, die ihnen der Gouverneur von Veracruz, Miguel Ángel Yunes, gestern abend zu schicken versprochen hatte. In einer Video-Botschaft sagte er, die Migrant_innen würden nach “Mexiko-Stadt oder an einen anderen Ort ihrer Wahl” gebracht. Padre José Luís, Menschenrechtsverteiger in Veracruz, zeigt mir auf seinem Smartphone einen Chat mit einem Vertreter des Gouverneurs, in dem dieser ihm die Bereitstellung von 150 Bussen bestätigt. “Cuenten con ellos”, schreibt er. “Sie können darauf zählen.” Was die tausenden Migrant_innen zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen: Es gibt eine zweite Ansprache des Gouverneurs, in der er zurückrudert. Der Druck der mexikanischen Zentralregierung scheint so groß gewesen zu sein, dass das Angebot zurück genommen und stattdessen angeboten wird, die Karawane zunächst in einer größeren Stadt im Süden von Veracruz unterzubringen. Süden! Undenkbar für die, die nur nach Norden wollen. Grund für den Sinneswandel, so begründet es der Gouverneur, sei die Tatsache, dass in Mexiko-Stadt für mehrere Tage das Wasser abgestellt würde und die Behörden mit der Versorgung der 7 Millionen Menschen in der Hauptstadt ausgelastet seien…

„”Trumps Drohungen lassen uns kalt”“ von Klaus Ehringfeld am 03. November 2018 bei Spiegel Online externer Link ist ein Fotobericht über die Stimmungslage der Karawanenmitglieder, ihre Gründe, sich aufzumachen, hier einer Frau aus Honduras: „”Es ist deprimierend, in meinem Alter noch mal neu anfangen zu müssen”, sagt Barrera weiter. “Aber es ist hier besser als daheim. Wir sind in Honduras von Ort zu Ort gezogen, immer geflüchtet, haben das Haus verloren, das wir uns mühsam zusammengespart hatten. Die Maras wollten einen meiner Söhne rekrutieren, aber er weigerte sich. Seither verfolgen sie uns. Mein Sohn ist schon in die USA geflohen, wurde auf dem Weg vom Schlepper ausgesetzt und von einer Schlange gebissen. Das kann uns hier in der Karawane nicht passieren. Hier sind wir gut geschützt. Ob wir Busse bekommen für den langen Weg oder nicht: wir gehen immer weiter. Es geht nur vorwärts, nicht zurück. Mein Mann, mein 14-jähriger Sohn und ich wollen nach Georgia. Da ist irgendwo mein anderer Sohn.”…

„Nordausgang“ von Moritz Krawinkel am 31. Oktober 2018 im medico-Blog externer Link war der Hintergrundbeitrag, auf dem die folgende – vorne bereits angeführte – aktuelle Blog-Berichterstattung sozusagen aufbaut. Darin wird die Lage in den ausgangsländern unter anderem so zusammen gefasst: „In Juchitán haben die Menschen das erste Mal seit dem Übertritt der mexikanischen Grenze einen vollen Tag Auszeit, die meisten nutzen ihn zur Erholung von den Strapazen der langen Fußmärsche, waschen ihre Wäsche und pflegen ihre kaputten Füße. Und wer wirklich Langeweile hat, kann sich bei den ebenfalls gelangweilt herumsitzenden Leuten des Grupo Beta, den good cops der Migrationspolizei, über die Möglichkeiten der Rückreise ins Herkunftsland informieren. In manchen Artikeln war zu lesen, dass bis zu 2000 Menschen bereits davon Gebrauch gemacht hätten, aber Edgar Corzo, Beauftragter für Migration bei der mexikanischen Menschenrechtskommission CNDH sagt uns, es seien eher 500, die umgekehrt seien, weil sie selbst oder ihre Kinder nicht mehr durchgehalten haben. Corzo beschreibt die Teilnehmer_innen der Karawane als extrem entschlossen. Die Meisten könnten einfach nicht zurück, zu groß sei das Elend, zu real die Bedrohungslage. Dafür würden sogar Amputierte, Menschen im Rollstuhl und Schwangere den beschwerlichen Weg mit der Karawane auf sich nehmen. Karawane? Marta Sánchez Soler von der medico-Partnerorganisation Movimiento Migrante Mesoamericano spricht wie viele andere von einem Exodus, der hier vor sich geht. Im Jahr 2017 haben laut UNHCR 294.000 Menschen aus Guatemala, Honduras und El Salvador in den benachbarten Ländern und den USA eine Anerkennung als Flüchtling beantragt – das bedeutet eine Verdopplung der Zahl von 2016 und das sind ganze 16 Mal so viele wie 2011. (…)„Ich steckte in einer Sackgasse“, erzählt Jaime als ich ihn und seine Familie zusammen mit dem Journalisten Klaus Ehringfeld am Eingang des Busbahnhofs kennenlerne. Weil er im salvadorianischen Militär gelernt habe, wollten maras – die berüchtigten mittelamerikanischen Banden – ihn zwingen, ihre Leute an der Waffe auszubilden. „Vor die Wahl gestellt zwischen der Todesstrafe wegen Landesverrats und dem sicheren Todesurteil bei einer Verweigerung der Mitarbeit bei den maras entschieden wir uns für die Flucht“, sagt er. Die ökonomische Situation der Familie – Jaime verdiente in der Herstellung von Baumaterialien knapp 10 Dollar pro Tag – erleichterte die Entscheidung, das Land zu verlassen. Jetzt sind Jaime und Marlene mit ihren Kindern und Freund_innen unterwegs, dabei haben sie einen Buggy und einen Rucksack, darin vor allem Kinderkleidung und eine Erste-Hilfe-Tasche. Stolz erzählt Jaime, dass er sowas wie der Sanitäter ihrer kleinen Gruppe ist. Die Medikamente darin haben sie gemeinsam gekauft.  In Jaimes Geschichte wie in der Geschichte vieler anderer Gesprächspartner_innen des heutigen Tages tauchen die zwei Ursachen auf, die die Meisten hier zum Aufbruch bewegten: Die Perspektivlosigkeit aufgrund der ausweglosen ökonomischen Situation in Mittelamerika und eine konkrete Bedrohungslage durch die extrem gewalttätigen Gangs. Wer soll hier unterscheiden zwischen denen, die aufgrund von Verfolgung fliehen und jenen, die wegen der Perspektivlosigkeit migrieren?…

„Mittelamerikanische MigrantInnen auf dem Weg zur Grenze Mexiko-USA“ von Eva Poll am 02. November 2018 beim Magazin Stoffwechsel im Radio Z Nürnberg externer Link Audio Datei (dokumentiert im freie-radios.net) ist ein Gespräch mit dem medico Aktiven Moritz Krawinkel, das folgendermaßen angekündigt wird: „Eine “Karawane” von ungefähr 7000 MigrantInnen aus Honduras, El Salvador und Guatemala befindet sich auf dem Weg zur mexikanisch-USamerikanischen Grenze und hat kürzlich in Juchitán de Zaragoza (Mexiko) einen Zwischenstopp eingelegt. Moritz Krawinkel von medico International ist vor Ort und spricht im Interview über seine Eindrücke und die Fluchtgründe der MigrantInnen“.

Die Antwort der USA auf die Flüchtlingskarawane„Flucht in das Land ihres Verderbens“ von Christian Klemm am 31. Oktober 2018 in neues deutschland externer Link knapp zusammenfassend zur Rolle der USA bei der Erzeugung der unmenschlichen Zustände und den Tiraden und Drohungen Trumps: „5200 Soldaten und 2100 Nationalgardisten sollen die Karawane mittelamerikanischer Migranten an der Grenze zu Mexiko aufhalten. Damit gibt US-Präsident Donald Trump ein Zeichen an seine Wähler: Seht her, ich tue etwas gegen diese »Invasion« in unser schönes Land. Was er verschweigt: »God’s own Country« ist maßgeblich dafür verantwortlich, dass diese Menschen ihre Heimat wegen Armut und Kriminalität verlassen. Und das nicht erst, seit der rassistische Milliardär Präsident ist. Die USA haben rechte Regierungen in Mittelamerika lange hofiert und bewaffnete Konflikte dort geschürt. Der Contra-Krieg der 1980er Jahre in Nicaragua ist das prominenteste Beispiel. Doch auch in El Salvador hat Washington die linke FMLN-Guerilla bekämpft. Dadurch wurden nicht nur tausende Tote in Kauf genommen, auch die Armut im Land wurde zementiert. Mitte der 1990er Jahre hat die US-Administration Angehörige krimineller Jugendbanden (»Maras«) nach Salvador und Honduras abgeschoben. Das hat zu einem Anstieg der Kriminalität vor Ort beigetragen…

„La cuarta caravana de migrantes comienza a ingresar a México rumbo a EE.UU.“ am 02. November 2018 bei Resumen Latinoamericano externer Link ist ein Bericht vom Tage: Die vierte Karawane, vor allem bestehend aus Menschen aus El Salvador ist an der mexikanischen Grenze angekommen. Diesmal hat es die mexikanische Staatsgewalt andersherum gemacht, als bisher meist üblich: Über die Brücke, die die offizielle Verbindung ist, wurden den Menschen in 50er Gruppen der Durchzug gestattet, die „illegalen“ Grenzüberquerungen durch den Fluss diesmal versucht, zu verhindern. In dem Bericht wird auch der aktuelle Stand jeder der vier Karawanen wieder gegeben – beim Versuch, die Grenze zu überqueren hatte es ja bei der zweiten Karawane ein Todesopfer der Repression gegeben. Die offiziellen Zahlen mexikanischer Behörden besagen dem Bericht zufolge, dass rund 2.900 Menschen bisher einen Antrag gestellt hätten, in Mexiko zu bleiben, während etwa 900 einer Rückführung in ihr Herkunftsland zugestimmt hätten.

Geld wird gesammelt, um Essen für die Karawane zu beschaffen: Veracruz 2.11.2018„México: Caravana migrante avanza a pie hacia Isla, Veracruz“ am 03. November 2018 ebenfalls bei Resumen Latinoamericano externer Link ist eine kleine aktuelle Tagesdokumentation, im Rahmen derer auch ein Beitrag von „Democracy Now!“ steht – ein Gespräch mit zwei Aktiven der Migrationsbewegung aus Mexiko, die dabei nicht nur über die ständig wachsende Unterstützung berichten, die sich für die Karawanen in Mexiko entwickelt – trotz auch hier ständiger Tiraden der Reaktion – sondern auch deutlich machen, dass diese Karawanen politisch die Funktion haben, die sozialen und politischen Verhältnisse in den mittelamerikanischen Staaten weltweit deutlich zu machen, aber eben auch die Fähigkeit der Menschen zur Selbstorganisation.

„Se fracciona caravana, unos siguen por Oaxaca y otros van a Veracruz“ am 02. November 2018 bei Dialogos Oaxaca externer Link berichtet am Freitag von der Aufteilung der ersten Karawane, von der nur ein Teil den Weg nach veracruz am Atlantik gemacht habe.

„Comunidades en Oaxaca y Veracruz, Cocinan y preparan agua“ am 04. November 2018 bei Pie de Pagina externer Link ist ein kurzer Fotobericht vom Samstag über Soldiaritätsaktionen der AnwohnerInnen auf beiden wegen der ersten Karawane

„Víctimas del sistema: ¿Quiénes han muerto en caravana migrante?“ am 02. November 2018 bei TeleSur externer Link ist ein Beitrag über die bisherigen 3 Todesopfer der Karawanen – alle drei stammten aus Honduras. Zwei von ihnen wurden Opfer von Unfällen, stürzten von einem LKW beziehungsweise einem Anhänger, der dritte wurde von der mexikanischen Polizei erschossen.