Der gemeinsame britische Aktionstag am 4. Oktober 2018 bei Fast Food, Fahrern und Kurieren – ein Einschnitt in die Entwicklung von Arbeitskämpfen?

[4. Oktober 2018] Ein gemeinsamer Tag des Protests in Großbritannien von McDonalds bis Uber Eats: Fast Food Shutdown für 10 Pfund Mindestlohn und GewerkschaftsrechteDer bunte Auflauf ist keine Feier, sondern ein Protest. Die Demonstranten sind Uber-Fahrer und gerade eben haben sie ihren ersten Streik in Großbritannien begonnen. Einen Tag lang wollen sie die Arbeit ruhen lassen. Uber-Kunden sind aufgerufen, keine Fahrten zu bestellen. Die Fahrer wollen höhere Preise verlangen dürfen – zwei Pfund pro Meile, umgerechnet etwa 2,30 Euro, statt 1,25 Pfund wie bisher – und sie wollen, dass Uber ihnen in Zukunft eine geringere Provision abknöpft. Derzeit steckt das Unternehmen 25 Prozent ihres Umsatzes ein; die Streikenden wollen den Satz auf 15 Prozent reduzieren. Babul Islam, einer der Protestierenden, sagt: Er arbeite fünf bis sechs Tage pro Woche, aber um seine Familie zu ernähren, müsse er Zehn- bis Zwölf-Stunden-Schichten fahren.  Manchmal deaktiviert Uber seine Fahrer auch ganz plötzlich, ohne dass sie je den Grund erfahren. In solchen Fällen sollen die Fahrer zumindest ein Berufungsrecht haben, sagt Yaseen Aslam, der Gründer von United Private Hire Drivers (UPHD), der Gewerkschaft der Uber-Fahrer. “Wir fordern nichts Außergewöhnliches, sondern setzen uns lediglich für die grundlegenden Rechte am Arbeitsplatz ein, wie sie auch in anderen Sektoren die Regel sind”, sagt er.  (…) Der Streik der Uber-Fahrer ist Teil einer ganzen Menge von Disputen, die derzeit auf den unteren Sprossen der britischen Einkommensleiter ausgetragen werden – dort, wo es kaum Arbeitsschutz und Krankengeld gibt, wo die Anstellungsverhältnisse unbeständig sind und die Arbeitszeiten lang. Das ist kein vernachlässigbarer Teil der Wirtschaft: Wie der Gewerkschaftsdachverband TUC im vergangenen Jahr errechnet hat, verdienen über drei Millionen Menschen in Großbritannien ihren Lebensunterhalt in prekären Arbeitsverhältnissen…“ – aus dem Beitrag „Rebellion der Niedriglöhner“ von Peter Stäuber am 10. Oktober 2018 in Zeit Online externer Link, worin auch verschiedene Berichte über Arbeitsbedingungen in diesen Branchen kurz skizziert werden – und die besondere Rolle „kleiner Gewerkschaften“ hervor gehoben. Siehe dazu auch weitere Beiträge über diesen Aktionstag – inklusive Debattenbeiträge zur Rolle der Basisgewerkschaften in diesem Kampf, sowie den Hinweis auf unseren ersten Beitrag zum Thema:

„Protest der prekär Beschäftigten“ von Christian Bunke am 09. Oktober 2018 in der jungen welt externer Link unterstreicht unter anderem: „Der Streik war auch aufgrund des sehr niedrigen Altersdurchschnitts der Beteiligten bedeutsam. Dieser dürfte bei etwa 20 Jahren gelegen haben. Das ist genau jene Altersgruppe, die von britischen Gewerkschaften kaum noch erfasst wird. Doch gerade unter den Lohnabhängigen mit den unsichersten Arbeitsverhältnissen gibt es seit einiger Zeit Bewegung. Das ist einerseits Verdienst von kämpferischen, dem Gewerkschaftsbund TUC angeschlossenen Verbänden wie der Bakers, Food and Allied Workers’ Union (BFAWU). Es liegt aber auch am Engagement kleiner, unabhängiger Organisationen wie der Industrial Workers of the World (IWW) und der Independent Workers Union of Great Britain (IWGB). Vor allem in der »Gig economy« sind sie immer besser vertreten. So organisiert die IWGB am heutigen Dienstag bereits den nächsten Streiktag von Londoner Taxifahrern gegen »Uber«. Auch in der Gastronomie machen Arbeitskämpfe Schule. Als im Südlondoner Pub »Ivy House« Personal vor die Tür gesetzt wurde, fackelte die Belegschaft nicht lange und trat am 30. September spontan in den Streik. Mit Erfolg: Nach etwas mehr als 24 Stunden Ausstand wurden die Entlassenen wieder eingestellt. Schon bald könnte es in anderen Landesteilen Großbritanniens ähnliche Bewegungen geben. Der Aktionstag vom 4. Oktober wurde in vielen Städten von Solidaritätsdemonstrationen begleitet. Erfolgreiche Kämpfe scheinen anzustecken…“

„Fast-Food-Beschäftigte weltweit treten für ihre Rechte ein“ am 10. Oktober 2018 bei der IUF externer Link ist die Bewertung des Aktionstages durch die Internationale Föderation der Nahrungsgewerkschaften, in der (ohne Erwähnung anderer Beteiligter) unter anderem der internationale Zusammenhang unterstrichen wird: „Im VK ergriffen Beschäftigte von McDonald’s- und TGI Fridays-Restaurants (auf Englisch) und von Wetherspoon-Pubs Arbeitskampfmassnahmen und veranstalteten Kundgebungen, und ihnen schlossen sich streikende Uber Eats- und Deliveroo-Kuriere an. Der Schattenkanzler der Labour Party, John McDonnell, schloss sich der Streikpostenkette und der Kundgebung der Gewerkschaft auf dem Londoner Leicester Square an. In der Region Asien/Pazifik bekundeten IUL-Mitgliedsverbände unter anderem in Hongkong, Indonesien und den Philippinen ihre Unterstützung für den weltweiten Kampf für die Rechte der Fast-Food-Beschäftigten, während Gewerkschafter und Burger King-Beschäftigte in Spanien gegen die jüngsten Entlassungen von Gewerkschaftsmitgliedern und -aktivisten demonstrierten (auf Englisch). Am 3. und 4. Oktober kamen IUL-Mitgliedsgewerkschaften, die Fast-Food-Beschäftigte in Argentinien, Barbados, Belgien, Brasilien, Deutschland, Frankreich, Indonesien, Italien, Kanada und den USA, Kolumbien, Neuseeland (über Skype), Spanien und Thailand vertreten, und die in der nordischen HRCT-Gewerkschaft organisierten skandinavischen IUL-Mitgliedsverbände zu einem von der IUL in London einberufenen Treffen von Fast-Food-Gewerkschaften zusammen…“

„The View from the Picket Line: Reports from the food platform strike on October 4th“ am 11. Oktober 2018 bei  notes from below externer Link ist eine Sammlung kurzer Streikberichte aus den verschiedenen Städten, an denen es an diesem 4. Oktober Aktionen gab. In den Berichten aus London, Newcastle, Bristol, Cardiff und aus Schottland wird zum einen die überall fest zu stellende Entschlossenheit der Streikenden hervor gehoben und andererseits die Bedeutung der zahlreichen jeweiligen Solidaritätsaktionen, die gerade in solchen gewerkschaftlich immer noch relativ neuen Branchen von besonderer Bedeutung seien.

„Couriers’ Struggle and the IWW: Reflections on October 4th“ von Achille Marotta ebenfalls am 11. Oktober 2018 bei notes from below externer Link ist ein Beitrag, in dem auch die Schwächen des Aktionstages thematisiert werden – von denen es, trotz geringer Erwartungen in praktische Erfolge einige gegeben habe, wie etwa, dass viele sich zwar am Streik beteiligten, nicht aber den den dazu gehörenden Aktionen und Aktivitäten. Und es wird auf die kommenden Auseinandersetzungen verwiesen, wenn ab dem 4. November 2018 Ubers Mindesteinkommens-Garantie erlöschen soll. Dafür gebe es jetzt in einer Gesamtbilanz bessere Voraussetzungen, denn die IWW habe durch die Arbeit rund um diesen Aktionstag seine Position verbessert, die Aktion den Betroffenen zur Leitung zu geben.

„McNetworks: Two current modes of struggle“ von Callum Cant am 11. Oktober 2018 in notes from below externer Link ist ein Beitrag, der sich mit der Frage befasst, wie dieser Zusammenfluss verschiedener Kämpfe, der auch ein Zusammenkommen verschiedenster Gewerkschaftsorganisationen und verschiedener gewerkschaftlicher Orientierungen gewesen ist, sich in den verschiedenen unterschiedlich organisierten Einzelaktionen gezeigt habe. Es wird dabei die These vertreten, dass sich vor allem zwei unterschiedliche Herangehensweisen gezeigt hätten – die der größeren Gewerkschaften, die den Erfahrungen des US-Kampfes um 15 Dollar Mindestlohn folgten und die des IWW Netzwerkes, das weniger auf Demonstrationen und öffentliche Akte gesetzt habe, sondern vor allen Dingen darauf, in einzelnen Betrieben einen Mehrheitsstreik zu organisieren.

„The Uber strike is just the start, if unions learn how to mobilise millennials“ von Rhiannon Lucy Cosslett am 10. Oktober 2018 im Guardian externer Link ist einerseits ein Beitrag, der bereits durch seine bloße Veröffentlichung zeigt, dass dieser Aktionstag ein recht breites Echo erzielte, und ist gleichzeitig auch eine Kritik an den großen Gewerkschaften, die jetzt die Chance sehen müssten, junge Menschen zu mobilisieren und zu organisieren…