Trotz fortgesetzter faschistischer Überfälle und wachsender staatlicher Repression: Die Proteste in Frankreichs Bildungswesen gehen ungebrochen weiter

Uni Montpellier nach dem Überfall einer faschistischen Schlägerbande - vom Dekan organisiert - am 23.3.2018Saint-Denis ist wütend! Saint-Denis ist wütend!“ hallt es über den leergefegten Platz vor der Kathedrale in Saint-Denis, im Norden von Paris. Das Viertel ist großräumig abgesperrt an diesem Donnerstagabend, vor den rechteckigen Polizeigittern sammelt sich eine schreiende Menge. Auf der anderen Seite der Absperrung liegt das renommierte Gymnasium der „Ehrenlegion“, wo heute Abend ein Konzert zu Ehren des französischen Präsidenten Emmanuel Macron stattfindet. Drinnen Eltern und Schülerinnen der Privatschule, draußen circa 300 wütende Eltern, Schüler und Studis: „Das Geld ist da, es ist nur falsch verteilt!“, rufen sie und machen ihrem Ärger mit lauten Buh-Rufen Luft, als der schwarze Mercedes des Präsidenten vorfährt. Ihre Wut richtet sich gegen die geplante Bildungsreform der Macron-Regierung, aber auch gegen ein Schulsystem, das nirgends in Europa so elitär und gespalten ist wie in Frankreich. Stellt man sich einen Nachmittag vor eine Schule im Herzen der Stadt und vergleicht die Kinder dort mit denen, die in der Banlieue (Vorort) zur Schule gehen, ist der Unterschied schwer von der Hand zu weisen: Außerhalb der Stadt kommt selten ein weißes Kind aus dem Schultor“ – aus dem Beitrag „Frankreichs Protestwelle erreicht die Unis“ von Eva Hoffmann am 07. April 2018 bei jetzt externer Link, worin sowohl protestierende Studierende zu Wort kommen, als auch deutlich gemacht wird, dass die aktuell von Frau Vidal geplante neue Gesetzgebung, Anlass des Widerstandes, eine weitere Verschärfung der Selektionsmechanismen im französischen Bildungswesen bedeutet. Zu den Protesten an Universitäten (und Schulen), die trotz vermehrter faschistischer Überfälle weitergehen und ihren Zusammenhang mit dem Kampf um den öffentlichen Dienst vier aktuelle Beiträge und der Verweis auf unseren letzten Beitrag zum Thema:

  • „Paris: Fascist attack against Tolbiac University“ am 07. April 2018 bei Enough is Enough externer Link ist ein kurzer Bericht zu einem neuen Überfall faschistischer Banden auf eine Besetzungsaktion – diesmal eben an der Universität Tolbiac (ein Teil der früheren Sorbonne) in Paris. Und diesmal wurde der Angriff von den BesetzerInnen zurück geschlagen.  Im Gegensatz etwa zu Montpellier hat die Universitätsleitung hier nicht nur nichts mit dem Überfall zu tun, sondern den BesetzerInnen auch versichert, es werde keine Anforderung zur Räumung geben.
  • „Le président de l’université de Nanterre interdit la Coordination Nationale Etudiante de ce week-end“ am 07. April 2018 bei Paris-Luttes.info externer Link ist eine Erklärung der Koordination der Studierendenproteste zur Haltung der Universitätsleitung von Nanterre, die eine Versammlung dieser Koordination, zu der 39 Vertretungen verschiedener Universitäten aufgerufen hatten, untersagt hatte. Darin wird vor allem mit der Scheinheiligkeit argumentiert, mit der nicht nur an dieser Universität der 50. Jahrestag des „Mai 68“ begangen werde, worin sich zeige, dass der demokratische Fortschritt an den französischen Universitäten seither nicht besonders gewesen sei. Es sei dringen nötig, so wird abschließend unterstrichen, Antworten zu finden, die „auf Augenhöhe“ mit den verschiedenen Angriffen auf die Protestbewegung der Studierenden liege.
  • „Mobilisation nationale le 10 avril“ am 06. April 2018 bei SUD Éducation externer Link ist der Aufruf zum nationalen Aktionstag am 10. April, worin auch nochmals kurz die wesentlichen Bestandteile der Macronschen Bildungsreform „La loi Orientation et Réussite des Étudiants (ORE)“ zusammengefasst und kritisiert werden – unter anderem auch als Bestandteil einer Privatisierungskampagne. (Und selbst, wer das französische System nicht „aus der Nähe“ kennt, kann sich eine Orientierung dieser Gegenreform vorstellen, wenn dort ständig mit Worthülsen wie „Kompetenzblöcke“ gearbeitet wird, die ja auch in anderen Ländern bekannt sind).