Was man von den DemonstrantInnen in Hongkong auf jeden Fall lernen kann: Wie man Gesichtserkennung abwehrt, abgeschaltete Netze umgeht, zu „Wasser“ wird…

Dossier

High tech DemonstrantInnen in Hongkong„… Vor Kameras schützen sollen auch die einfachen Mundschutze, die gegen Tränengas nicht viel ausrichten, weswegen nun zunehmend richtige Gasmasken zu sehen sind. Zusammen mit Helmen und Schutzbrillen wird dadurch nicht nur Gesichtserkennung erschwert, sie bieten auch einen Schutz gegen Tränengas und Gummigeschosse, die zunehmend auch auf Kopfhöhe abgeschossen werden. Ebenso könnte die Vielzahl an Laserpointern gegen Überwachungskameras eingesetzt werden, heißt es vielerorts. Ob die Laser wirklich dagegen helfen, ist allerdings nicht bestätigt. Für Außenstehende fällt immer wieder auf, wie gut die Proteste aus sich selbst heraus organisiert sind. Reuters hat in einem Stück die Handzeichen beschrieben, die auf Demos genutzt werden. Mit Menschenketten werden Gegenstände an die Polizeiabsperrungen und Frontlinien gebracht. Tränengasgranaten werden gemeinsam gelöscht, Überwachungskameras mit Sprühfarbe am Filmen gehindert. Die Protestbewegung organisiert sich für die öffentlich zugänglichen Informationen über den Messenger Telegram und die Plattform LIHKG. Dazu kommt das verschlüsselte WhatsApp. In der Nahfeld-Kommunikation wird Air Drop genutzt, um über Bluetooth zum Beispiel neue Demonstrationsorte zu bewerben. Es kursieren außerdem Dokumente, die dazu raten, die Entsperrung der Smartphones nicht durch Fingerabdruck oder Gesichtsscan zu machen. Polizisten hatten zuvor Demonstranten gezwungen, ihr Smartphone mit dem Gesicht zu entsperren…“ – aus dem Beitrag „Be water, my friend! Strategien, Techniken und Zeichen der Hongkonger Demokratiebewegung“ von Markus Reuter am 13. August 2019 bei Netzpolitik externer Link über Verteidigungstechnologie gegen Polizeirepression. Siehe dazu auch weitere aktuelle Beiträge über den Einsatz von „high und low tech“ – und einen älteren, der bereits 2014 die „fortgeschrittene Technik“ der DemonstrantInnen deutlich machte:

  • Immer neue Techniken im Kampf gegen die Repressionstechnik in Hongkong New
    „… Sonst bauen vor allem jüngere Systemkritiker auf den kreativen Einsatz gängiger Apps und Datendienste, um sich auszutauschen, Treffen zu organisieren oder Mitstreiter anzuwerben. Apples Filesharing-Angebot AirDrop dient ihnen etwa dazu, um die moderne Form von Flugblättern hinter die “feindlichen Linien” zu bringen, also Touristen vom Festland in einfachem Chinesisch Informationen über die Lage in Hongkong zu vermitteln und die Zensur zu umgehen. Auch bei diesem Dienst macht sich bewährt, dass er ohne zentralen Server auskommt und bei der Kommunikationsanbahnung via Bluetooth gerade an stark frequentierten Verkehrspunkten viele potenzielle empfangsbereite Gegenüber findet. “Die Freiheit ist nicht gottgegeben, sie wird von den Menschen erkämpft”, stand so auf einem per AirDrop etwa auf U-Bahnhöfen verbreiteten digitalen Sticker. Die Autoren eines anderen Dokuments wandten sich gegen die Behauptung Pekings, dass “ausländische Kräfte” hinter den Protesten stünden. Zugleich erläuterten sie, wie Chinas autoritäres System zum Tiananmen-Blutvergießen führte. Gerne nutzen die Demonstranten auch die Videospiel-Plattformen Twitch oder Pokemon Go, um sich etwa trotz Verboten unverfänglich im öffentlichen Raum zu versammeln. Einige haben mittlerweile sogar die Dating-App Tinder zweckentfremdet, um über dortige Suchprofile zur Teilnahme an Kundgebungen aufzurufen oder Sicherheitstipps auszutauschen. Der hiesige Boulevard hat daher bereits die südostasiatische “Tinder-Revolution” ausgerufen, dank der die Staatsgewalt ausgetrickst wird…“ – aus dem Beitrag „Missing Link: Hongkong-Proteste – mit Low-Tech gegen digitale Massenüberwachung“ von Stefan Krempl am 01. September 2019 bei telepolis externer Link, worin ein ausführlicher Überblick über den „digitalen Kampf“ (und eben auch gerade den nicht-digitalen) gegeben wird
  • „Digital überwacht, digital unsichtbar“ von Sven Hansen am 11. August 2019 in der taz online externer Link berichtet: „… Identifikation ist das neue Schlachtfeld. Berichten zufolge haben Polizisten ihre Identifikationsnummern von den Uniformen entfernt. Ein Demonstrant soll, bis er festgenommen wurde, an einer Software gearbeitet haben, die Gesichter Polizisten zuordnen kann. Demonstranten nehmen jetzt Laserpointer mit, um ab Einsetzen der Dunkelheit damit Polizisten zu irritieren und zu blenden, deren Kameras und Sensoren der Gesichtserkennungssoftware zu stören. In China ist die Überwachung durch automatische Gesichtserkennung so weit fortgeschritten wie in keinem anderen Land. Wieweit Hongkong bereits auf chinesische Technologie zurückgreift, ist dagegen unklar. Doch stört die Polizei die Blendung durch die Laser massiv, zumal die Strahlen aus zu großer Nähe auch schwere Augenschäden bis hin zur Erblindung verursachen können. Letzten Dienstag nahmen Zivilpolizisten Keith Fong fest, den Führer der Studentenunion der Hongkonger Baptisten-Universität. Er hatte gerade zehn taschenlampengroße Lasergeräte gekauft. Die Polizei sprach von „Angriffswaffen“ und demons­trierte bei einer Pressekonferenz, wie Fongs Geräte aus zwei Meter Abstand ein Papier zum Rauchen brachten…“
  • „Wenn das keine futuristische Unterdrückung ist, was dann? „ von Jannik Schäfer am 08. August 2019 im faz.net externer Link berichtet über „Low tech“ Einsatz (natürlich fast nur aus Hongkong) unter anderem: „… Die Bürger wissen davon – noch – zu wenig. Kaum jemand bekommt mit, wenn seine Daten aus Firmendatenbanken gestohlen werden, wenn man am Autokennzeichen, der Retina oder am Telefonsignal erkannt und durch die Stadt nachverfolgt wird. In London kommt mit der Oyster-Card eine Kopie des Hongkonger Systems zum Einsatz– ein Transportsystem wird zum Kontrollorgan. Diese Art der Rasterfahndung ist illegal. Es ist aber fast unmöglich, sie nachzuweisen. Der Polizei in Hongkong erlaubt sie, nächste Schritte der Opposition vorherzusehen und Schlüsselfiguren zu isolieren. Anders als die Demonstranten, die gerade erst mit ihren Möglichkeiten umzugehen lernen, scheint die Polizei bestens vorbereitet – aufbauend auf dem Wissen der „Regenschirm“-Proteste von 2014 und ausgestattet mit Spionagetechnik, die der Bekämpfung internationaler Bankenkriminalität dienen sollte… (…) Die Demonstranten in Hongkong wehren sich mit allen Mitteln. Den Ausgangssperren, Versammlungsverboten, Verhaftungen und Tränengasangriffen begegnen sie mit simplen Tricks. Mit Regenschirmen, Atemmasken, Kappen und Brillen schützen sie sich gegen Tränengas und Gesichtserkennung. Billige Laserpointer stören teure Erkennungssysteme. Zur Kommunikation und Koordination werden, nach negativen Erfahrungen mit Telegram und Line, sogenannte Mesh-Apps wie Firechat oder Briar verwendet, die ohne W-Lan und Telefonnetz operieren. Handys werden mit Alufolie gegen Aushorchung geschützt. In ihrer Organisation agiert die Opposition dezentral und ohne Führungsfiguren. So lässt eine rudimentär gerüstete Bürgerbewegung von tränengasgetränkten Straßenbarrikaden aus Laserlichter tanzen. In Hongkong entsteht eine neue Form des Widerstands...“