[ACCORD] Sicherheitsabkommen in Bangladeschs Textilindustrie: Um drei Jahre „verlängert“ – auch wenn die Unternehmer ein erneutes Massaker zu verantworten haben

Dossier

Ein Opfer des Fabrikeinsturzes in Bagladesch 2013Die internationalen Gewerkschaftsverbände IndustriALL und UNI, Vertreter von Markenunternhemen und Einzelhändler einigen sich auf eine Verlängerung des Accord on Fire and Building Safety in Bangladesch. Der Accord ist ein bahnbrechendes, rechtlich verbindliches Abkommen mit dem Ziel, Sicherheitsmängel in Zulieferfabriken von internationalen Textilunternehmen zu beseitigen. Bis jetzt haben H&M, Inditex (Zara), Otto, KiK, Aldi Süd, Aldi Nord, Lidl, Tchibo und fünf weitere internationale Unternehmen das neue Abkommen unterzeichnet. Acht Unternehmen, darunter Esprit, haben versprochen zu unterschreiben. IndustriALL und UNI werden heute gemeinsam mit den Unternehmensvertretern von C&A und LC Waikiki das neue Abkommen beim OECD Global Forum on Responsible Business Conduct in Paris vorstellen. Die Mitglieder des jetzigen Accord treffen sich zur selben Zeit in Amsterdam um über das neue Abkommen zu beraten. Es wird erwartet, dass die meisten von ihnen es unterzeichnen werden“ – so beginnt die Pressemitteilung „Bangladesh Accord für weitere 3 Jahre verlängert“ am 29. Juni 2017 bei der Clean Clothes Campaign externer Link in der auch eine Reihe von Fakten genannt werden, die die erreichten Verbesserungen der Sicherheit für die Beschäftigten dokumentieren. Siehe dazu aber auch zwei Beiträge über das neue Sterben von TextilarbeiterInnen in Bangladesch direkt nach dieser Unterzeichnung, die Vorgeschichte und aktuelle Entwicklung:

  • Gefahren für TextilarbeiterInnen in Bangladesch – Brandschutzabkommen kündigen wäre verheerend New
    “[Frage] Als vor fünf Jahren Rana Plaza einstürzte, hat das die Welt schockiert. Nazma Akter: Ich habe selbst den Zusammensturz des Gebäudes in Rana Plaza miterlebt. Es war entsetzlich. Über 1100 Menschen starben. Ich kenne viele Arbeiter, die damals schwer verletzt überlebten und heute noch an den Spätfolgen leiden. [Frage] Danach kam das Brandschutzabkommen, der sogenannte Accord, zustande, der vom globalen Gewerkschaftsdachverband IndustriALL Global mitverhandelt wurde. Was hat es gebracht? Nazma Akter: In unserem Land fehlen harte Vorschriften und staatliche Kontrollen gibt es kaum. Mit dem Accord wurde ein rechtlich bindendes Dokument geschaffen, bei dem sich die Modefirmen verpflichteten, es umzusetzen und sich finanziell zu beteiligen. So wurde Druck ausgeübt und eigens geschulte, unabhängige Inspektoren konnten die Schwachpunkte in vielen Fabriken aufdecken. Die Umsetzung des Accords und die Einhaltung seiner verbindlichen Regel gelingen nur mit kämpferischen und starken Gewerkschaften vor Ort. [Frage] Insbesondere deutsche Modefirmen haben erkannt, dass die Sicherheit in den Textilfabriken wichtig für ihr Image ist. Die Regierung in Dhaka will den Accord kündigen und die unabhängigen Kontrolleure des Landes verweisen. Nazma Akter: Das wäre fatal, denn es sind bei Weitem nicht alle Missstände beseitigt. Deshalb halten ich persönlich und viele meiner Mitstreiter es für einen schweren Fehler, damit nach fünf Jahren aufzuhören. Nachhaltige Entwicklungen benötigen in Ländern wie Bangladesch mehr Zeit. [Frage] Was wurde konkret erreicht? Nazma Akter: Mehr als 900 Fabriken haben gravierende Mängel beseitigt. Rettungstreppen und Notausgänge wurden geschaffen, Zwischendecken verstärkt. Die Unfälle und Brände sind zurückgegangen. Gibt es gravierende Sicherheitsmängel im Betrieb, können die Beschäftigten die Arbeit bei Lohnfortzahlung bis zu deren Beseitigung verweigern. Firmen, die die Mängelbeseitigung ablehnen, werden die Aufträge gekündigt. Doch das Erreichte ist jetzt in Gefahr. Getrieben von der Lobby der Fabrikbesitzer soll der Accord seine Arbeit beenden, sein Büro schließen und seine Inspektoren nach Hause schicken. Künftig würde wieder nur noch lasch vom Staat geprüft. Das wäre für die Beschäftigten verheerend…“ Interview von IG Metall mit Nazma Akter vom 13.12.2018 externer Link
  • Nie wieder Rana Plaza! Bangladesch-ACCORD muss weiter gehen – Internationale Proteste gegen die Beendigung
    Das Abkommen für Brandschutz und Gebäudesicherheit in Bangladesch (ACCORD) steht vor dem Aus.  Die Regierung in Bangladesch ist gegen die Weiterarbeit mit dem ACCORD. Das Abkommen ist die wichtigste Konsequenz aus der Katastrophe von Rana Plaza vor fünf Jahren. Der Einsturz des Gebäudekomplexes mit 1.138 Toten und über 2.000 Verletzten war das schwerste Fabrikunglück in der Geschichte des Landes. Politik, Zivilgesellschaft und Unternehmen mahnen international die Bedeutung der Fortführung des ACCORD an und warnen vor den dramatischen Folgen, wenn das Abkommen nicht fortgeführt wird. Am 30. November 2018 sollte das Büro des ACCORD in Bangladesch bereits geschlossen werden. Aufgrund von internationalen Protesten seitens des EU-Parlaments, verschiedener Regierungen u.a. Deutschlands, der Zivilgesellschaft sowie auch Bekleidungsunternehmen wurde die Beendigung der Weiterarbeit des ACCORD zum 30. November aber ausgesetzt. Am 6. Dezember gibt es eine weitere Anhörung des obersten Gerichts in Bangladesch. Derzeit ist offen, ob die Regierung in Bangladesch sich weiterhin gegen die Weiterarbeit mit dem ACCORD stellt…” INKOTA-Meldung vom 1.12.2018 externer Link