Was Beschäftigte der bulgarischen Textilindustrie von der EU haben: Hungerlöhne

Petition: #GoTransparent: Wer steckt hinter meiner Kleidung?„… Mit dem Label »Made in Europe« verbinden viele Qualität, doch die Arbeitsbedingungen in der Europäischen Union unterscheiden sich stark. Zahlreiche Unternehmen verlagern Teile ihrer Produktion oder Dienstleistungen aus anderen europäischen Ländern nach Bulgarien, das gilt für Call Center ebenso wie den Textilsektor. Unternehmen wie H&M, Benetton, Intimissimi, Hugo Boss, Tommy Hilfiger und Strellson lassen in Bulgarien ihre Textilien über Subunternehmen produzieren. Die Sozialwissenschaftler Georgi Medarov, Jana Tsoneva and Madlen Nikolova haben monatelang sieben verschiedene Fabriken in Bulgarien untersucht und Arbeiterinnen und Arbeiter zu ihrer Tätigkeit befragt. Was sie in ihrem im Februar veröffentlichten Bericht »Exploitation and Resistance. Labour in Three Subcontracting Industries« (»Ausbeutung und Widerstand. Arbeitskraft in drei Zulieferindustrien«) zu Tage gefördert haben, ist bezeichnend für die seit Jahren gängige Praxis. In ihrem Bericht konzentrieren sich die drei auf Interviews und Gespräche mit den Arbeiterinnen und Arbeitern in den Fabriken, um deren eigene Perspektive aufzuzeigen. Ergänzt haben sie die Veröffentlichung mit recherchierten Zahlen und Fakten. So kamen sie zu dem Ergebnis, dass in einigen extremen Fällen das Nettogrundeinkommen bei zehn Prozent des auskömmlichen Lohns für einen Familienhaushalt liegt. Im bulgarischen Landesdurchschnitt liegt das Einkommen von Beschäftigten in der Bekleidungsindustrie bei 15 bis 17 Prozent des auskömmlichen Lohns, wie er von bulgarischen Gewerkschaften zur Führung ­eines Familienhaushalts vorgeschlagen wird…“ – so beginnt der Beitrag „Kleider machen Leute arm“ von Matthias Fiedler am 30. Mai 2019 in der jungle world externer Link (Ausgabe 22/2019) über moderne Arbeitsbedingungen in einem EU-Staat… Zur Situation (vor allem) in der bulgarischen Textilindustrie drei weitere Beiträge:

  • „Die ärmste Region der EU“ von Andrea Beer am 06. Mai 2019 im Deutschlandfunk externer Link ordnet die Lebenssituation der Textilbeschäftigten in die generelle Landessituation ein: „… Denn irgendwie geht es – auch mit lächerlichen 140 Euro Rente nach vierzig Jahren Arbeit. Brot bringt der Sozialdienst, Gemüse wächst im Garten, Eier legen die Hühner und ihre Zwillingssöhne aus der Stadt schauen nach ihr. Und schön oder nicht: Gerade haben sie sieben der Kaninchen geschlachtet. Deren Fleisch gart in einem großen gelben Topf. Der Nordwesten Bulgariens war von jeher eine arme Gegend. Früher gab es große Himbeer- und Erdbeerplantagen, auf denen auch Natsa Ivanova pflückte. Später ackerte sie in der nun stillgelegten Telefonfabrik in Belogradtschik. Sie findet, der Bürgermeister dort könnte sich auch mal wieder blicken lassen. Dieser lacht, als wir das ausrichten. Er kenne die alte Dame und alle Probleme der 17 umliegenden Dörfer die zu Belogradtschik gehören, sagt Boris Nikolov. Kein Arzt, schlechte Straßen, keine Läden, kein Kontakt. Doch auch wenn Touristen die berühmten Felsen der Umgebung besuchen, sind die Gemeindekassen leer. 11.000 Menschen hatte die Gemeinde bis zur Wende. 6.500 sind es heute. Von der EU habe man sehr profitiert betont der Bürgermeister…“
  • „Outsourcing Exploitation to Europe’s Periphery“ im Februar 2019 bei der Rosa Luxemburg Stiftung externer Link ist ein Interview von  Loren Balhorn mit Madlen Nikolova vom Collective for Social Interventions (KOI) in Sofia über eine Studie, die sie gemeinsam mit Jana Tsoneva und Georgi Medarov veröffentlicht hat über den Export der Ausbeutung in die europäische Peripherie. Diese Studie befasste sich, neben der Textilindustrie auch mit den Arbeitsbedingungen in Call Centern und „Sicherheitsunternehmen“. Dabei wird auch die jeweilige gewerkschaftliche Organisation besprochen, die in der Securitybranche gar nicht zugelassen sei – und in der Textilindustrie herrsche ein sehr niedriger Organisationsgrad.