Vorsicht, Mietwucher! Stolpersteine und Ausbeutung im Gewerbe

Artikel von Candy vom 16.08.2014

In Anbetracht der aktuellen Entwicklungen- wir haben ja nunmehr einen Berufsverband (dem auch ich beigetreten bin) und zeitnah sogar einen Sexarbeits-Kongress (dem ich ebenfalls beiwohnen werde) – könnte man beinahe der fälschlichen Annahme erliegen, unser Gewerbe sei auf dem besten Wege zur vollständigen gesellschaftlichen Akzeptanz…und Ausbeutung ein schrecklicher Sonderfall, der nur gewisse Einzelpersonen unserer Berufsgruppe betrifft.

Allerdings sehe ich die Problematik nach wie vor als allgegenwärtig. Insbesondere bei der Suche nach einem geeigneten, sicheren Arbeitsumfeld stieß ich bislang immer wieder auf Ungerechtigkeiten, die sich für mich persönlich einfach nicht nachvollziehen lassen.

Während die gewerbliche Miete für ein Ladenlokal, in dem man reguläre Dienste oder Waren anbietet, je nach Lage nur unerheblich vom Mietspiegel abweicht, ist Mietwucher in unseren Kreisen ein offenbar völlig selbstverständliches Übel, das von einigen Damen einfach schweigend hingenommen und als Normalität angesehen wird. Diese schamlose Ausbeutung wird weder bestraft, noch überhaupt in Frage gestellt. Ich jedoch weigere mich, für ein kleines Zimmer mit abgenutzter Möblierung, das ich selbst reinigen und dessen Inventar ich pflegen muss, eine Wochenmiete zu zahlen, die der regulären Monatsmiete einer Drei-Zimmer-Wohnung gleichkommt. Damit, dass die eigene Sicherheit unbezahlbar ist, sind horrende Summen (und diese noch im Voraus) einfach nicht zu rechtfertigen.

Unsere Liebesdienste werden mittlerweile immer transparenter- sie werden ganz normal angemeldet, versteuert und verwaltet. Eigentlich spricht dies FÜR einen vorurteilsfreien Umgang und ich befürworte diesen sehr…allerdings erscheint es auf der anderen Seite so, als wurden die Luden der Vergangenheit einfach durch raffgierige Vermieter abgelöst, die nunmehr Kapital aus unserer Tätigkeit ziehen wollen OHNE irgendetwas zu tun, das die Höhe der teils utopischen Forderungen sinnvoll erklären könnte.

Natürlich muss man differenzieren- zwischen Clubs und Laufhäusern, die eine Summe x fordern, in welcher ein kaum vergleichbar hohes Maß an Sicherheit und Sauberkeit sowie Werbung, Wäsche etc. enthalten ist- und Appartements von Vermietern, die selbst eine “gewerbliche Zimmervermietung” angemeldet haben und allein aus dieser heraus einen Betrag erwirtschaften, der alles andere als angemessen ist.

Das beste Beispiel findet sich in einem kürzlich durch mich angemieteten Appartement in NRW, das weder über Waschmaschine und Trockner verfügte, noch eine nutzbare Kücheneinrichtung aufwies, dafür aber abgezähltes Klo- und Küchenpapier sowie eine zu geringe Anzahl sauberer Handtücher, Decken und Laken enthielt. Um Werbung musste man sich selbst kümmern, die Einrichtung entsprach “Gelsenkirchener Barock”, es gab kein Internet, die Mischbatterie war defekt sodass man unfreiwillig Wechselduschen in Kauf nehmen musste, aber der Vermieter prahlte mit wunderbaren 300 TV-Kanälen. Er hielt seine recht unverschämten Forderungen, die ich hier nicht näher in Zahlen ausführen möchte, für völlig angemessen und reagierte auf meinen Widerstand mit aggressiv verbalisiertem Unverständnis. Die Folge dessen ist, dass ich mich trotz drohendem Verdienstausfall vorzeitig aus dem Appartement verabschiedete und mich nun umso mehr gegen Mietwucher stark machen werde…so geht’s einfach nicht!

Es ist kein Einzelfall: Auch in der Vergangenheit erwarteten mich in NRW zumeist durchgelegene Matratzen, Schmutzwäsche oder Müll der Vorgängerin, defekte Geräte, verschlissene Laken, wackelnde Wände, weiße Flecken auf Gardinen, Decken, Teppichen und Möbeln, verschimmelte Potpourris, klebrige Böden und schlimmeres… all inclusive und teurer als in jedem Luxushotel. Eine sehr repräsentative Umgebung um Gäste zu empfangen..Und da soll man seine Preise halten?

Während unzählige Damen unbehelligt der lukrativen, aber viel zu gefährlichen Wohnungsprostitution ganz allein und in ihren eigenen vier Wänden nachgehen, diese weder anmelden noch die daraus erwirtschafteten Einkünfte angeben und dieselbe Summe verlangen wie andere, müssen Kolleginnen wie ich vom gleichen Stundenhonorar erst eine alles verschlingende Miete abziehen. Dies bedeutet nicht selten, dass die ersten drei bis vier Gäste in der Woche ausschließlich den Vermieter bezahlen, bis die Dame diese Last von den Schultern hat und eigene Einkünfte erzielt (die dann ja auch noch versteuert werden und nicht selten der Deckung zusätzlich anfallender Werbungskosten dienen). Das ist alles andere als fair. Wer sich da ernsthaft noch über ruppige Antworten wundert, wenn er versucht, um Preis und Service zu feilschen, sollte sich diesen Beitrag vielleicht mal zu Herzen nehmen.

Ähnlich verhält es sich mit Werbeportalen- womit ist zu begründen, dass eine reguläre Kleinanzeige im Netz oder in der Zeitung nur einen winzigen Bruchteil dessen kostet wie ein entsprechender Dreizeiler erotischer Werbung? Auch hier besteht nach wie vor Handlungsbedarf.

Trotz höherer Einkünfte darf nicht vergessen werden, was ein Escort dafür leistet: Man verkauft weit mehr als Entertainment. Dass von dem Verleih des eigenen Körpers noch so viele Unbeteiligte derart profitieren und sich letztendlich mehr daran bereichern als diejenige, die diese Tätigkeit unter Risiko und mangelnder gesellschaftlicher Anerkennung ausübt, KANN nicht gerecht sein!

Ich habe es geschafft. Mit meiner lieben Freundin und Kollegin habe ich zum 01.09. ein Appartement gefunden, in dem Preis und Leistung sich die Waage halten.

Da mir aktuell mangels Alternativen leider nicht viele Möglichkeiten bleiben, meine geschätzten Schwestern und Kolleginnen vor ähnlichen Erfahrungen zu bewahren, kann ich euch nur ans Herz legen…

  • …euch genau darüber zu erkundigen, welcher Service in der Zimmermiete inklusive ist und worum ihr euch ggf selbst kümmern müsst (Werbung? wlan? Übernachtungsmöglichkeit? Wäsche? etc)
  • …Preise und Angebote unter Berücksichtigung regionaler Unterschiede zu vergleichen
  • …Appartements zu meiden, deren Frequentierung durch Kolleginnen höher ist als die Anzahl der verfügbaren Zimmer (kein eigener Rückzugsort/Problematik der fehlenden Übernachtungsmöglichkeit sowie drohende Hygienemängel durch gemeinschaftliche Nutzung derselben Räumlichkeit unter Zeitdruck)
  • …euch nach Möglichkeit vorab das Umfeld und die Räumlichkeiten anzusehen und euch falls möglich selbst von der Funktionalität der sanitären Einrichtungen und gemeinschaftlich genutzten Elektrogeräte zu überzeugen (ist zumeist schwierig)
  • …euch in einschlägigen Foren über den Ruf des Appartements und die dort herrschenden Preisgefüge zu informieren, um problematische Laufkundschaft und Dumping zu vermeiden
  • …euch auszutauschen und negative Erfahrungen weiter zu geben

Mädels, pocht auf eure Rechte. Die Mieten sind hoch und stehen oft in keinem Verhältnis zu dem, was geboten wird. Sicherheit ist das Wichtigste, ganz klar- doch daraus ein unfaires Geschäft zu machen, das Zulasten derer geht, die sie benötigen, ist einfach nicht richtig. Ich werde mich wie viele Kolleginnen auch weiterhin für die Verbesserung unserer Arbeitsbedingungen einsetzen und diese Thematik ansprechen. Lasst euch nix gefallen!