Arbeiten zum Hungerlohn? Wehrt Euch!Die Staatsanwaltschaft Flensburg ermittelt gegen einen Subunternehmer des Frachtpost-Unternehmens Hermes in Harrislee. Bei einer Razzia vor sechs Wochen wurde festgestellt: Als Fahrer soll er – so die Ermittler – Billig-Kräfte aus Moldau mit gefälschten EU-Pässen beschäftigt haben. Der Soziologe Prof. Tim Engartner von der Uni Frankfurt hat herausgefunden: Stärker noch als andere Wirtschaftsbereiche gibt es im Frachtpost-Bereich eine Grauzone von fragwürdigen Subunternehmern und prekären Beschäftigungsverhältnissen…” Interview von Patrik Baab mit Tim Engartner vom 20.07.2018 auf NDR externer Link und die NDR-Sendung vom 20.07.2018 externer Link von Frederike Buhse, Julia Schumacher und Sofia Tchernomordik: Paketfahrer: “Zum Teil mafiöse Strukturen” (Text und Video). Siehe dazu:

  • Aus dem Interview von Patrik Baab mit Tim Engartner vom 20.07.2018 auf NDR externer Link: „Herr Engartner, in Flensburg flog ein Subunternehmer von Hermes mit gefälschten EU-Pässen auf. Wie erklären Sie sich das? Tim Engartner: Der Frachtpost-Sektor ist in der Tat der Sektor, wo die Verschlechterung der Arbeitsverhältnisse in besonderer Weise sichtbar ist. Viele Frachtpostgesellschaften beschäftigen sogenannte Freiberufler und umgehen damit den Mindestlohn, umgehen damit Sozialstandards und machen somit horrende Gewinne auf Kosten der Beschäftigten. Was heißt das genau? Engartner: Die Gewinne der Unternehmen sind erwirtschaftet durch schlecht bezahlte Frachtpostboten, die etwa 15 bis 20 Pakete pro Zeitstunde zustellen müssen. Das ist weder im städtischen Ballungsraum noch im ländlichen Raum machbar. Nicht ohne Grund hetzen die Frachtpostboten mitunter von Tür zu Tür. Und wenn dann Unwägbarkeiten auftreten, wie zum Beispiel Verkehrsunfälle, müssen sie sogar mitunter selbst dafür haften. (…) Sind das mafiöse Strukturen? Engartner: Mitunter kann man von mafiösen Strukturen sprechen. Weil sie das, was den bundesdeutschen Sozialstaat und Rechtsstaat auch auszeichnet, systematisch untergraben. Ich kann nicht erkennen, warum der Gesetzgeber hier nicht einschreitet und versucht, diesen Akteuren das Handwerk zu legen. (…)  Hat sich der Staat aus Feldern öffentlicher Daseinsvorsorge zurückgezogen? Engartner: Wir haben es mit einem systematischen Rückzug des Staates aus dem Bereich der öffentlichen Daseinsvorsorge zu tun. Und die Post ist nur ein Beispiel von vielen. Was schlagen sie vor, um diese Missstände zu beseitigen? Engartner: Es gibt einen gesetzlichen Versorgungsauftrag – das Versprechen, bis zur letzten Hallig Briefpost und Paketpost zuzustellen. Statt der Deregulierung, die wir in den 90er Jahren erlebt haben, sollte es eine erneute Regulierung des Marktes geben. Ich könnte mir vorstellen, dass man wieder verstaatlicht und diese verschiedenen Frachtpostgesellschaften unter dem Dach der dann wieder teilverstaatlichten Deutschen Post AG zusammen führt.“
  • Siehe zur Sendung auch: Sklaven für Paketdienste. Medienbericht deckt »mafiöse Strukturen« in der Branche auf
    Die in den vergangenen Jahren rasant gewachsene Branche der Paketzusteller ist für ihre miesen Arbeitsbedingungen bekannt: Wer sich wehrt, muss von jetzt auf gleich gehen. Inzwischen wird es immer schwerer, Leute für den Job zu finden. Deshalb bedienen sich die Unternehmen mitunter mafiöser Strukturen, um Menschen aus Osteuropa zu rekrutieren. Dies belegt ein am Freitag veröffentlichter Bericht des NDR. Das Beispiel ist ein Subunternehmen des Paketdienstleisters Hermes. In Harrislee (Kreis Schleswig-Flensburg) betrieb es bis vor kurzem ein Paketdepot. Vor sechs Wochen führte dann die Polizei dort eine Razzia durch. Sie ermittelt gegen den Betreiber und vier weitere Personen, denen vorgeworfen wird, illegal Fahrer aus dem Nicht-EU-Ausland eingeschleust und beschäftigt zu haben. Das hat System, denn in der Bundesrepublik lassen sich immer weniger Fahrer finden, die zu den in der Branche üblichen Bedingungen arbeiten wollen. Pro Stunde müssen sie für den kargen Mindestlohn 15 bis 20 Pakete zustellen, was weder in Städten noch im ländlichen Raum machbar ist…” Artikel von Bernd Müller in der jungen Welt vom 23.07.2018 externer Link