Werner Seppmann: Herrschaftsmaschine oder Emanzipationsautomat? Über Gesellschaft und ComputerIm Teil 1 des Interviews von Reinhard Jellen mit Werner Seppmann vom 24. Dezember 2017 bei Telepolis externer Link begründet der Soziologe seine Kritik am Computer u.a. wie folgt: ” … Zuallererst sollte uns zu denken geben, dass die Entwicklung des Computers von militärischen Interessen determiniert ist – und die Computer-Technologie diese Kainsmale immer noch mit sich herumschleppt. Der große Computer-Pionier und gleichzeitig unerbittliche Kritiker einer in ihren Konsequenzen unreflektierten Informatisierung, Joseph Weizenbaum, hat vehement darauf hingewiesen, dass der Computer nicht nur im Krieg geboren wurde, sondern dass fast alle Forschungen und Entwicklungen vom Militär präjudiziert wurden und heute noch werden. Alleine aus diesem Grund kann nicht gesagt werden, dass der Computer eine wertfreie Technologie wäre. Aber es gibt noch einen anderen Aspekt: Viele Entwicklungen geben berechtigen Anlass für Befürchtungen, dass die Computertechnologie den Menschen, ebenso wie die Atomkraft, aus der Hand gleitet. Damit meine ich nicht die phantastischen Geschichten, dass die Roboter die Menschen beherrschen würden. Das sind intellektuelle Geisterbahninszenierungen. Aber nicht zu unterschätzen ist das Gefahrenpotenzial bestimmter technologischer Verselbstständigungsvorgänge. (…) Nicht nur der Form nach, sondern auch in inhaltlicher Hinsicht, geht es um die Rückbildung, wenn nicht sogar den Verlust der Fähigkeit eines subtilen Verständnisses von Texten und sozio-kulturellen Zusammenhängen. Der Datenstrom stimuliert in günstigen Fällen zwar auch neue Gedanken und Assoziationen, aber er formt auch den Prozess der Wahrnehmung und des Denkens in einer Weise, dass die Veränderungen den Charakter eines kulturellen Paradigmenwechsels haben…” Siehe dazu Teil 2 und 3:

  • “Die Kalifornische Ideologie hat einen faschistoiden Charakter” New
    Im Teil 3 des Interviews von Reinhard Jellen mit Werner Seppmann vom 26. Dezember 2017 bei Telepolis externer Link antwortet der Soziologe auf Frage nach der Spiegelung des Klassenverhältnisses in der Internetnutzung: “… Soziale Differenzen werden nicht eingeebnet, sondern noch verstärkt. Bildungsbarrieren werden nicht abgebaut (…) Dass vom Internet kompensatorische Wirkungen auf klassen- und schichtspezifische Benachteiligungen ausgehen könnten, ist illusorisch, zumal der sich selbst überlassene Nutzer in ständiger Gefahr schwebt, sich in den Weiten des Internets zu verlieren, weil ihm die nötigen Orientierungsmaßstäbe und Rechercheanleitungen fehlen. Ohne intellektuellen Kompass ist der Weg zu verlässlichen und die eigene Urteilsfähigkeit fördernde Informationen äußerst dornenreich, in der Regel auch vergeblich. (…) Ein “Einvernehmen”, das heißt die unreflektierte Netz-Begeisterung, bedeutet in der Regel den Verzicht auf kritische Reflexion und die Demonstration eines falschen Bewusstseins, wie sie von Adorno als Konsequenz der ideologischen Wirkung des kultur-industriellen Komplexes beschrieben wurde: “Du sollst dich fügen, ohne Angabe worin; fügen in das, was ohnehin ist, und in das, was als Reflex auf dessen Macht und Allgegenwart, alle ohnehin denken.” Es gehört zu meinen erschütternsten Erfahrungen, dass regelmäßig bei Vorträgen zur Computerproblematik junge Leute mit Informatikerberufen sich zu Wort melden und sich darüber beschweren, dass meine kritische Analyse die Infragestellung ihrer Berufsperspektive bedeuten würden. Sie kommen gar nicht mehr auf die Idee, für ihre Interessen zu kämpfen. Stattdessen bringen sie mit ihrer Intervention zum Ausdruck, dass es für sie beruhigender wäre, über die Probleme zu schweigen. Es manifestiert sich darin ein Verlangen nach Verdrängung der realen Probleme. Dieses Verdrängungsbedürfnis ist heute ein weit verbreitetes psycho-soziales Überlebensprinzip, das jedoch nur eine geringe Halbwertzeit besitzt, weil ja durch die Ignoranz die Probleme nicht verschwinden…”
  • “Negative Langzeitkonsequenzen bis in die neuronalen Strukturen hinein”
    Im Teil 2 des Interviews von Reinhard Jellen mit Werner Seppmann vom 25. Dezember 2017 bei Telepolis externer Link ergänzt der Soziologe seine Kritik am Computer u.a. wie folgt: “… Es gibt viele Gründe dafür, dass die Digitalisierung nicht zu der gegenwärtig befürchteten und beschworenen Massenarbeitslosigkeit führen wird. Verlässliche Prognosen sind zwar letztlich kaum möglich, jedoch scheinen die im Umlauf befindlichen Zahlen über eine epochale Arbeitslosigkeit schon alleine deshalb unzuverlässig, ja geradezu unseriös und absurd zu sein, weil selbst die elementarsten Gesichtspunkte ignoriert werden. Im Extrem ist ja davon die Rede, dass durch die computergesteuerte Automatisierung in der Bundesrepublik in den nächsten 2 Jahrzehnten 18 Millionen aller Arbeitsplätze wegfallen und eine Phase bisher nicht gekannter Massenarbeitslosigkeit anbrechen könnte. Aber schon die Kleinigkeit wird von den Kolporteuren ignoriert, dass die Autoren selbst nur darüber sprechen, dass sie sich an den prinzipiellen Automatisierungsmöglichkeiten orientieren. Systematisch ignoriert wird auch, dass nicht alle technischen Mechanisierungs- und Computerisierugsmöglichkeiten auch betriebswirtschaftlich einen Sinn ergeben. Beispielsweise gelten 70 Prozent aller logistischen Abläufe als so komplex, dass sie ökonomisch sinnvoll als nicht automatisierbar gelten. Schon lange experimentiert Amazon mit der Vollautomatisierung seiner Lagerhaltung – bisher vergeblich…”