ver.di-Postkarte: Mein Herz schlägt für die Amazon-Beschäftigten!Die Debatte um eine Neue Klassenpolitik unternimmt den Versuch, linke Politik wieder auf soziale Interessen rückzubinden, dabei aber nicht in alte Muster einer nationalstaatlich limitierten und weiß-männlich dominierten Vorstellung von Klasse zurückzufallen. Im Streiksolibündnis begleiten wir seit vier Jahren den Arbeitskampf bei Amazon. Dabei bemerken wir, dass viele prinzipiell richtige Antworten aus dieser strategischen Debatte eine gewisse Fallhöhe in sich bergen, weil sich uns Fragen nach »dem« sozialen Interesse einer Klassenfraktion (den Amazon-Arbeiter_innen), dessen Verbindung mit Kämpfen gegen Rassismus, Antisemitismus und Sexismus und der Überwindung nationalstaatlicher Limitierung auf einer kleinteiligen Ebene ganz anders stellen. (…) weisen ausgedehnte Toilettengänge, konfrontative Gespräche mit Manager_innen und Sabotage von Computern auf Ansätze für Widerstand gegen diese Arbeitsbedingungen hin. In diesen subversiven Praktiken drückt sich der Kampf gegen Bevormundung und verweigerte Mitbestimmung aus – das übersteigt die »beschränkte« Perspektive auf Lohn- und Arbeitszeitforderungen, die im Kampf um den Tarifvertrag eingeschrieben sind. (…) Die gewerkschaftlichen, arbeitsrechtlichen und tarifpolitischen Situationen in diesen Ländern sind sehr unterschiedlich. Lohnforderungen sind kaum vergleichbar, die Erfahrungen der Demütigung im Arbeitsprozess könnten aber einen gemeinsamen Horizont von Beschäftigten weltweit bilden. Dieser ist unserer Meinung nach notwendig als Basis eines praktischen Handlungsrahmens, den es jenseits internationalistischer Überzeugungen braucht, um die nationale Limitierung von Arbeitskämpfen zu überwinden. Deswegen fanden zwischen Leipzig und Poznan bereits gemeinsame Dienst-nach-Vorschrift-Aktionen statt, in denen die Gesundheits- und Sicherheitsvorgaben penibel eingehalten wurden. So wurde auf die Unvereinbarkeit erträglicher Arbeit mit den Leistungsvorgaben des Managements hingewiesen. Die »Slow-Down«-Aktion war auch der Versuch, internationale Kampfformen zu finden…” Artikel von einigen Mitgliedern des Streiksolibündnis Leipzig in ak – analyse & kritik – zeitung für linke Debatte und Praxis – Nr. 637 vom 17.4.2018 externer Link

  • Auch wichtig im Text: “… Wenn wir als Linke von Klassensubjekten reden, denken wir meist an die organisierte Einheit der Beschäftigtenbasis, wohingegen gewerkschaftliche Vertretungen eher als passivierende Akteure vorgestellt werden. Wir können diese Vorstellung nicht bestätigten. Denn einerseits gibt es in der Gewerkschaft und der Vertrauensleutestruktur gerade durch die Öffnung von ver.di in Richtung Organizing Orte, an denen Beschäftige die Chance haben, Verantwortung zu übernehmen. Andererseits führt dies aber bei denen nicht automatisch zur Selbstermächtigung in der Konfliktorganisierung. Vereinzelt kommt es zwar auch zu Frust über die fehlende Autonomie der Streikplanung innerhalb der Belegschaft. Damit dieser aber zu artikuliertem Widerstand und Selbstermächtigung wird, fehlt eindeutig die Initiative der Basis, den Arbeitskampf autonomer zu steuern. Einstweilen bleiben deshalb auch wir als linkes Solibündnis auf die Sekretäre der ver.di und einzelne aktive Vertrauensleute angewiesen…”
  • Und: “… Die Forderung, eine linke Klassenpolitik müsse antirassistische und feministische Fragen integrieren, stellt sich in der Praxis für uns oft als Widerspruch dar. Auch wenn unter den Streikenden in Leipzig eher linke Haltungen vorherrschen, waren wir schon mit sexistischen, rassistischen oder verschwörungstheoretischen Aussagen konfrontiert. Einerseits waren wir manchmal so unsicher, dass wir es nicht geschafft haben, angemessen zu reagieren. Andererseits kann es auch aus taktischen Gründen sinnvoll sein, Konzessionen zu machen. (…) Aus der Transnationalisierung von Arbeitskämpfen entstehen nicht automatisch antirassistische Haltungen. Damit bleibt es zunächst ein objektives Problem, wie man mit rechten Haltungen in der Streikbewegung umgeht: Thematisiert man sie und riskiert die Spaltung, oder aber »hält man die Politik aus dem Arbeitskampf heraus«, wie es die Vertrauensleute vertreten?…”