Schmerzhaftes Erinnern: Die »Rote Hilfe«-Zeitung setzt sich in ihrer neuen Ausgabe mit der DDR-Repression gegen oppositionelle Linke auseinander

Dossier

Rote Hilfe Zeitung 1/2019“Die Auseinandersetzung mit der eigenen linken Geschichte ist ein schmerzhafter Prozess. Zu einfach ist es, oberflächliche Bekenntnisrituale oder Distanzierungen zu verlauten: Die (libertär-)kommunistische Idee von heute habe mit der kommunistischen Idee von früher nichts mehr zu tun. Die Fehler, falschen Annahmen und Verbrechen der widersprüchlichen linken Geschichte nichts mit der eigenen. Will man als gesellschaftliche Bewegung jedoch lernen, kommt man um eine Aufarbeitung nicht herum. Dies kann aber nur gelingen, wenn man die gesamte linke Geschichte, ihre Versuche, Siege und Niederlagen, als Teil der eigenen begreift. Was bedeutet, Verantwortung zu übernehmen. Und trauern zu können, um neue Kraft zu schöpfen. Die linkspluralistische Solidaritätsorganisation »Rote Hilfe« stellt sich derzeit dieser Verantwortung – und stößt dabei auf eigene Widersprüche und offene Fragen. Die aktuelle Ausgabe 1/19 der »Rote Hilfe«-Zeitung hat Repression gegen linke Oppositionelle in der DDR zum Thema. Laut dem Redaktionskollektiv eine »Herausforderung«. Vorausgegangen sei der Veröffentlichung eine längere Debatte, »teils sehr emotional, nicht immer solidarisch«. (…) Ungeachtet der anhaltenden Auseinandersetzungen erklärte das Potsdamer »Rote-Hilfe«-Mitglied aber auch: »Eigentlich ist es ja gut, wenn unterschwellige Konflikte mal ans Tageslicht kommen und endlich offen diskutiert werden.« Dem kann man sich nur anschließen und der »Roten Hilfe« wünschen, dass sie den schwierigen Prozess der Aufarbeitung solidarisch weitergeht. »Ohne den Gang durch die Geschichte der revolutionären Versuche wird es keine revolutionäre Versuchung mehr geben«, schrieb die linke Historikerin Bini Adamczak. »Trauer, Traum und Trauma, von denen das dritte sich um den zweiten schließt und nur durch die erste jemals sich wieder zu öffnen erweicht werden könnte.«” Beitrag von Sebastian Bähr bei neues Deutschland vom 12. März 2019 externer Link und die Rote Hilfe Zeitung 1/2019 externer Link – siehe dazu kritische wie solidarische Reaktionen sowie eine erste Reaktion der Roten Hilfe:

  • Die Wahrheit ist unsere Stärke! Offener Brief an Mitglieder und Freund_innen der Roten Hilfe New
    Nach über zwei Jahren veröffentlichte die Redaktion der Rote-Hilfe-Zeitung infolge heftiger Auseinandersetzungen und Austritte insbesondere im Osten eine lang geforderte kritische Antwort auf die Ausgabe Nr. 4/2016. In dieser Ausgabe zur „Siegerjustiz“ in der BRD wurden die Vertreter_innen des SED-Apparates zur Unterdrückung der DDR-Bevölkerung zu armen „Opfern“ stilisiert. Im Heft 1/2019 erschienen nun zum Themenschwerpunkt „Repression gegen linke Oppositionelle in der DDR“ elf Beiträge, die die Repression gegen Linke innerhalb und außerhalb der KPD/SED und gegen emanzipatorische Bewegungen in verschiedenen Jahrzehnten der DDR beschreiben. Die Autor_innen sind Mitglieder und Sympathisant_innen der Roten Hilfe. Insgesamt drückt der Themenschwerpunkt den Stand linker Aufarbeitung von Repression in der DDR aus, wie er auch unter Historiker_innen im Umfeld der Linkspartei vorhanden ist. Artikel, die einen zwingenden Zusammenhang zwischen der Unterdrückung von linker Opposition sowie emanzipatorischen Bewegungen und dem System des diktatorischen Parteistaats herstellen, wurden allerdings nicht veröffentlicht. Nach Erscheinen dieser Ausgabe begann ein politischer Shitstorm von DKP, Stasi-Kadern und ihren politischen Sympathisant_innen (…) Derartige Angriffe gegenüber linken Kritiker_innen kennen wir aus DDR-Zeiten, und wir können nur froh sein, dass diese Leute keine Macht haben, ihren Hass auf die „feindlich-negativen Elemente“, wie es im Jargon der Staatssicherheit hieß, auszuleben. (…) Wir wissen, dass die Rote Hilfe zur Zeit besonderer politischer Angriffe ausgesetzt ist, und wir protestieren  entschieden gegen jeden staatlichen Angriff auf die Rote Hilfe. Doch weder solche Angriffe, noch Versuche staatskonformer Institutionen zur Instrumentalisierung der DDRAufarbeitung rechtfertigen einen unkritischen Umgang mit der DDR und der Geschichte der Linken. Im Gegenteil! Eine schonungslose kritische Aufarbeitung der eigenen Geschichte stärkt uns, wir werden unangreifbarer, lernen aus der   Vergangenheit und gehen gestärkt in den Kampf gegen Rechts. (…) Wir solidarisieren uns mit denjenigen Linken inner- und außerhalb der Roten Hilfe, die mit einer kritischen Aufarbeitung der DDR und des ganzen sogenannten Realsozialismus den Weg frei machen, eine sozialistische Zukunft jenseits von „Realsozialismus“ und Kapitalismus in Angriff zu nehmen.” Offener Brief von Bernd Gehrke, Renate Hürtgen, Thomas Klein, Anne Seeck vom 30.03.2019 – Mitgliedern des ak geschichte sozialer bewegungen ost-west
  • Da ist er wieder: Der „lange Schatten des Stalinismus“… New
    Mit dieser Erklärung reagieren wir auf die aktuelle Kampagne gegen das Thema und den Inhalt der jüngsten Veröffentlichung der Roten-Hilfe-Zeitung „Repression gegen linke Oppositionelle in der DDR“ (…) Endlich nach über zwei Jahren Zögern entschloss sich die Redaktion der Roten-Hilfe-Zeitung, nun in einem Themenschwerpunkt „Repression gegen linke Oppositionelle in der DDR“ dieses verdrängte Kapitel stalinistischer und poststalinistischer Verfolgung sozialistischer Strömungen, welche sich gegen den in der DDR herrschenden Politbürokratismus stellten, aufzublättern. Daraufhin eröffneten die „Enkel Stalins“ in der DKP und ihren Bündnispartnern eine rüde Kampagne gegen die überraschte Redaktion, die letztlich in dem Vorwurf gipfelte, diese Redaktion habe sich zum Komplizen des Klassenfeinds, Helfershelfer des Antikommunismus und Handlanger der Reaktion gemacht. Wir erkennen hier die unveränderte Sprache der SED und ihrer Satelliten in Westdeutschland aus der Zeit des Kalten Krieges, mit der die Agitatoren der DDR-Ideologieapparate jene sozialistische Opposition gegen die Despotie der Parteibürokraten in der DDR als „antikommunistisch“ diffamierten. Die in der DDR Herrschenden, welche die Perspektive eines Sozialismus der Freiheit und Demokratie so gründlich gegen die Wand fuhren, die eine emanzipatorische Assoziation für diese Perspektive mit aller Kraft zu verhindern wussten und ihre Anhänger mit Knast und Berufsverboten traktierten oder in den Westen abzudrängen trachteten – diese Despoten feiern in der Kampagne gegen die jüngste Veröffentlichung der RHZ ihre Wiedergeburt. Die Kampagnenwortführer diskreditieren neuerlich die linke antistalinistische Opposition in der DDR und verweigern sich einer kritischen marxistischen Analyse des dortigen antiemanzipatorischen Herrschaftssystems. Der zeitgenössische Antikommunismus stellt seine Kritik an der DDR, dem MfS und der SED in den Dienst der Rechtfertigung heutiger Zustände im real existierenden Kapitalismus. Der Ekel vieler deutscher Linker vor dieser Instrumentalisierung durch die staatskonformen „Aufarbeitungsapparate“ begünstigt bei ihnen vielfach die retrospektive unkritische Glorifizierung der DDR. Auf genau diese kurzschlüssige Identifizierungstendenz setzen die neuen Philostalinisten. Und diese merken gar nicht, dass sie selbst sich damit zu Verstärkern des verordneten antikommunistischen Konsenses machen – ganz im Gegensatz zu ihrer Selbstwahrnehmung. Wir distanzieren uns entschieden von der neostalinistischen Kampagne gegen die Kritik der politbürokratischen Systeme und ihrer Geschichte, der Diskreditierung der linken antistalinistischen Opposition und der so entstehenden Begünstigung des zeitgenössischen Antikommunismus.” Erklärung vom 29. März 2019 bei telegraph externer Link von Thomas Klein (Berlin, Gründungsmitglied der Initiative Vereinigte Linke), Judith Braband (Berlin, Neustadt/Dosse, ehemals Initiative Vereinigte Linke), Christoph Jünke (Bochum), Redaktion der Zeitschrift „telegraph“
  • Erste Antwort auf den Offenen Brief der DKP u.a. zur RHZ-Ausgabe 1/2019
    Liebe Genoss*innen, danke für euren Offenen Brief und die klare Kritik. Wir werden uns damit intensiv auf unserer nächsten Sitzung am 14.04. befassen und euch dann ausführlich antworten. Ich darf vorweg nehmen, dass es uns absolut nicht darum geht, die kommunistische Strömung auszugrenzen. Diese RHZ-Ausgabe sollte der Versuch sein, die Geschichte der DDR aus einem anderen Blickwinkel als in der RHZ 4/2016 unter Einbeziehung der Repressionsaspekte zu beleuchten. Dass dies aus eurer Sicht komplett gescheitert ist, wird in eurem Brief mehr als deutlich. Es gibt zahlreiche Genoss*innen, die eure Kritik teilen, zahlreiche andere teilen die Einschätzungen und Bewertungen der aktuellen Ausgabe. Wir ihr wisst, sind wir ein strömungsübergreifender Solidaritätsverein mit einer Mitgliedschaft, die sich wirklich aus allen Facetten der linken und auch zum Teil linksliberalen Politik zusammensetzt. Dieses Konzept hat viele Stärken und Schwächen, aber es ist in der Form einmalig. Ich denke wir sind uns einig, dass die Rote Hilfe e.V. in diesen Zeiten des Rechtsrucks absolut notwendig ist und hoffe daher inständig, dass wir unsere gute und enge Kooperation fortsetzen. Alles andere würde nur den Klassengegner stärken. Mit den besten solidarischen Grüßen, Henning v. Stoltzenberg, Mitglied im Bundesvorstand Rote Hilfe e.V.Rote-Hilfe-Bundesvorstand am 18.03.19 externer Link
  • Siehe auch die mehrfache inhaltliche Kritik dokumentiert in der jungen Welt vom 22.3.19 externer Link und eine Auswahl weiterer Proteste:
  • Leo Schwarz, Vertraute Melodien / Repression in der DDR /  Jäger des verlorenen Gegenstands: Die Zeitschrift der Roten Hilfe versucht sich an der Aufarbeitung der Repression gegen Linke in der DDR, in: Junge Welt vom 22.3.2019, S. 11 externer Link
  • O.N., Kritik an Rote Hilfe / Zum aktuellen Schwerpunkt des quartalsweise erscheinenden Mitgliedermagazins Die Rote Hilfe (siehe Seite 11) verfassten die Vorstände der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) und der Gesellschaft zur rechtlichen und humanitären Unterstützung (GRH) einen offenen Brief an den Bundesvorstand des Rote Hilfe e. V., in: Junge Welt vom 22.3.2019, S. 8 externer Link
  • Ulla Jelpke, Offener Brief an die Rote Hilfe bezüglich des Schwerpunktes der Rote Hilfe Zeitung 1.2019 „Repression gegen linke Oppositionelle in der DDR“, publiziert am 18.3.2019 externer Link
  • Sebastian Bähr, Schmerzhaftes Erinnern / Die »Rote Hilfe«-Zeitung setzt sich in ihrer neuen Ausgabe mit der DDR-Repression gegen oppositionelle Linke auseinander, in: neues deutschland vom 12.3.2019 externer Link
  • Klaus Hartmann, (Bundesvorsitzender des Deutschen Freidenker-Verbandes), Rote Hilfe für die Schwarzen, auf: freidenker vom 15.3.2019 externer Link