Dossier

Digitalisierungskongress: Arbeit und Gesellschaft 4.0 mitgestalten digikongress2016 in der ver.di Bundesverwaltung, Berlin, am 17. und 18. Oktober 2016“… Um die Schulen in Deutschland flächendeckend in die Lage zu versetzen, digitale Bildung zu vermitteln, schlägt das BMBF einen DigitalPakt#D mit den Ländern vor. Das BMBF bietet demnach an, über einen Zeitraum von fünf Jahren mit rund fünf Milliarden Euro die rund 40.000 Grundschulen, weiterführenden allgemeinbildenden Schulen und Berufsschulen in Deutschland mit digitaler Ausstattung wie Breitbandanbindung, W-LAN und Geräten zu versorgen. Im Gegenzug sollen sich die Länder verpflichten, die entsprechenden pädagogischen Konzepte, die Aus- und Fortbildung von Lehrerinnen und Lehrern sowie gemeinsame technische Standards umzusetzen…” Aus der Pressemitteilung des Bundesbildungsministeriums vom 12.10.2016 externer Link: “Sprung nach vorn in der digitalen Bildung”. Siehe dazu kontroverse Beiträge:

  • Trojanisches Pferd ‘digitale Bildung’ – Wie lebendig kann ‘digitalisierte Schule’ sein? – Über einige Folgen der Googlofizierung des Erziehungswesens New
    “… Das Konzept “Digitale Bildung” kommt von der Industrie, nicht aus der  Erziehungswissenschaft. (…) Über Lehrermangel, überfüllte Klassen, schlechte Bezahlung und verrottete Schulen braucht man nicht weiter zu diskutieren. Denn: die Digitalisierung wird zu einer mystischen Kraft, die alternativlos ist und die Probleme löst. Doch die New York Times schlägt in einer Analyse Alarm: “How Google Took Over the Classroom” (13.05.2017). Mit ausgeklügelten Methoden, den Hype um digitale Medien nutzend, greift Google nach der Kontrolle des US-Bildungswesens, auch der Kontrolle über die Inhalte. Die NZZ berichtet, wie in der Schweiz Google schon Schulen übernimmt. Samsung rüstet sich dafür. In Afrika versuchen Microsoft, Facebook und die Weltbank mit den Brigde-Schulen das Schulsystem zu  übernehmen. Lehrergewerkschaften verurteilen das als neuen Kolonialismus. (…)  BigData ist ein Kernelement der “Digitalen Bildung”. Geplant ist, das Schulbuch  durch Smartphones oder TabletPCs zu ersetzen. Damit geben wir jedem Schüler eine Superwanze. (…) Es ist naiv zu glauben, ihr Rationalisierungs- und Überwachungspotential mache um die Schule einen Bogen. So wie bei der Industrie 4.0 Roboter die Produktion selbständig steuern, sollen Computer und Algorithmen das Erziehungsgeschehen autonom steuern. (…) Derzeit findet ein Bruch mit dem demokratischen, humanistischen Bildungsauftrag statt. Es geht um Konditionierung in bester behavioristischer Tradition (…) Eine Symbiose von Regierung, Industrie und universitären Drittmittelexperten plant unter dem Begriff “Digitale Bildung” die Umsetzung der neoliberalen Ökonomisierung und Googlification des Bildungswesens. Das verspricht nicht nur ein Milliardengeschäft, sondern auch die Möglichkeit zur behavoristischen Konditionierung der Masse der SchülerInnen für die Verwertungsinteressen des Kapitals…” Die schriftliche Fassung des Vortrags von Peter Hensinger bei der GEW Gelsenkirchen am 18.04.2018  – wir danken und empfehlen den Text wärmstens!
  • Digitalisierung der Schulen endet mit Elektroschrott
    “Zumindest, wenn Lehrer sie allein stemmen müssen. 15 Überstunden pro Woche sind unzumutbar – und schaden nicht nur den Lehrkräften. (…) Wer will, dass die Digitalisierung an deutschen Schulen gelingt, darf nicht nur an die zweifellos fehlenden Rechner und Breitbandverbindungen denken, sondern auch an die Lehrer – und sie vor Zusatzaufgaben schützen…” Artikel von Matthias Kohlmaier vom 11. Juli 2017 bei der Süddeutschen Zeitung online externer Link
  • „DigitalPakt Schule der Kultusminister: Irrweg der Bildungspolitik“ vom Bündnis für Humane Bildung aus dem Juni 2017 externer Link ist ein offener Brief an die Kultusministerkonferenz (den man über einen Link als Petition auch unterzeichnen kann) in dem der sogenannte DigitalPakt von einer Reihe von ProfessorInnen ausführlich und konkret kritisiert wird, etwa, indem angeführt wird: „Anstelle von Fünfjahresplänen und Technikfixierung sollten gerade Sie als Kultusministerinnen und Kultusminister der Länder für eine Vielfalt der Unterrichtsmethoden plädieren. Sie sollten die Individualität der Lehrpersönlichkeiten als die entscheidende Größe für gute Schule und Unterricht begreifen statt Unterricht digital zu standardisieren und alle Lernschritte zu kontrollieren. Denn Begriffe wie „Individualisierung und Personalisierung des Lernens“ sowie psychometrische Vermessung des Menschen“ und „Learning Analytics“ (Big Data für Schulen) sind die zwei Seiten der selben Medaille: Der Mensch wird zum Datensatz und Muster – und damit entindividualisiert. Das kann kein Ziel von Schule und Unterricht in demokratischen und humanen Gesellschaften sein“.
  • Milliardenprogramm für digitales Lernen: Profitiert außer Computerfirmen noch jemand davon?
    Nach Berechnungen von Andreas Breiter und Kollegen (Uni Bremen) für die die Bertelsmann-Stiftung reicht dieses Geld für gerade einmal 18 Prozent der tatsächlichen Kosten für das Szenario, dass sich fünf Schulkinder im Unterricht einen Rechner teilen müssen, und für nur sieben Prozent, wenn jeder Schüler ein Notebook oder Tablet gestellt bekommt. Demnach müssten die Schulen aus ihrem Budget mehrere 10.000 € bzw. einige 100.000 € in Digitaltechnik investieren – pro Jahr wohlgemerkt. Dadurch werden die Budgets der beteiligten Schulen für Jahre im Voraus für Digitaltechnik verplant – und stehen damit für nicht technikbasierte pädagogische Konzepte nicht zur Verfügung. Die Schulen werden de facto handlungsunfähig“ – so antwortet Professor Ralf Lankau auf die Frage des Interviewers Torsten Engelbrecht, wie weit die beschlossenen 5 Milliarden DM der Bundesregierung für Hardware reichen, in dem Gespräch „Technologie in unseren Schulen schadet mehr, als sie nützt„ am 07. Juli 2017 bei telepolis externer Link, in dem die zahlreichen Bedingungen und Auswirkungen ebenso Gegenstand sind, wie die Ideologie, es müsse vor allem digital sein.
  • »Gegen den Algorithmus kann es kein Aufbegehren geben«. Ein Gespräch mit Matthias Burchardt über den digitalen Angriff auf die Schulen, asoziale soziale Netzwerke und die Morgendämmerung des Maschinenmenschen
    Darin weist Matthias Burchardt vom Akademischer Rat am »Institut für Bildungsphilosophie, Anthropologie und Pädagogik der Lebensspanne« an der Universität zu Köln und stellvertretender Geschäftsführer der Gesellschaft für Bildung und Wissen (GBW) u.a. daraufhin: “… In der Tat nimmt die Präsenz der digitalen Endgeräte monströse Ausmaße an. Wenn Sie mit offenen Augen in der U- Bahn sitzen, sehen Sie um sich herum ruhiggestellte Menschen, die von kybernetischen Exoparasiten kontrolliert werden. (…) Bisher galt aus guten Gründen, dass Lernen in Beziehung stattfindet, verantwortet von einer in Fach und Vermittlung souveränen Lehrperson. Diese soziale Dimension von Bildung wird aber verdrängt, wenn der Bildschirm zunehmend zum Bezugspunkt wird. Es ist übrigens eine Illusion zu glauben, dass diese Geräte ein neutrales Instrument wären, das in den Händen der richtigen Leute zu mehr Bildungsgerechtigkeit beitragen würde. Zum einen vergrößert digitalisierter Unterricht die soziale Spaltung, anstatt sie zu überwinden. Mehr denn je wird dann nämlich das kulturelle Kapital der Eltern ausschlaggebend für den Bildungserfolg sein. (…) Sicher wird man hier behaupten, dass dies alles der Optimierung von Lernen dienen soll. Aber worin besteht dieses Optimum? Mündigkeit oder Anpassung an Sachzwänge, die uns die sture Maschine präsentiert – als Einübung für die Insassen der »Industrie 4.0«?…” Ralf Wurzbacher im Gespräch mit Matthias Burchardt in der jungen Welt vom 19. November 2016 externer Link – ein auch darüber hinaus sehr empfehlenswerter Beitrag
  • Bildung: Löst die Unterschichtsfabriken auf!
    “… Na endlich. Vor 15 Jahren hat eine Bildungsministerin erstmals jedem Schüler einen Laptop versprochen. Nun soll es so weit sein. Der Bund hat sich bereit erklärt, den Schulen mit einer Milliardenspritze für moderne Medien unter die Arme zu greifen. Das ist sinnvoll, denn die Bundesländer haben selbst nicht genug Geld, um Lehrer und Schulen aufs 21. Jahrhundert vorzubereiten. (…) Dennoch hat das Digitalisierungsgeschenk von Bildungsministerin Johanna Wanka auch etwas Unsoziales, ja Perverses. Die Nation wartet ja seit vielen Jahren nicht nur vergeblich auf Laptops, sondern auf Hilfen für die Zentren der Bildungsarmut in diesem Land. Die Rede ist von Risikoschulen, die in deutschen Banlieues wie Hamburg-Wilhelmsburg, Dortmund-Nord oder München-Hasenbergl lauern. Dort werden Sozialarbeiter, zusätzliche Lehrer und Schulpsychologen dringend benötigt – aber die Verfassung verbietet es dem Bund, zu helfen. So charmant es ist, dass die Bildungsministerin jetzt einen Artikel im Grundgesetz entdeckt hat, der Überweisungen für WLAN und Tablets erlauben soll. Am Ende bleibt der fade Beigeschmack, dass Milliardenprogramme, von denen die Internet-Industrie profitiert, möglich sind. Aber Bundesgelder für Ganztagsschulen, Sozialarbeit und Inklusion sollen weiter vom Grundgesetz verboten bleiben? Das darf nicht sein. (…) Ein Drittel der Kinder und Jugendlichen gilt als Risikoschüler. Das bedeutet, sie können Texte zwar entziffern – aber sie verstehen nicht, was sie bedeuten. (…) Es kann sein, dass diese Kinder auch in der Schule gerne daddeln wollen. Aber es ist ganz sicher, dass sie das nicht aus der Bildungsarmut holen wird. Dabei helfen Lehrer besser als Laptops.” Artikel von Christian Füller aus der Freitag vom 21. Oktober 2016 externer Link
  • GEW: „Digitalpakt erster Schritt zur Schulmodernisierung“
    “… Als einen „ersten Schritt in die richtige Richtung“ hat die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) den „DigitalPakt#D“ bezeichnet, den Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) heute in Berlin vorgestellt hat. GEW-Vorsitzende Marlis Tepe machte aber auch deutlich, dass dieser Pakt nur einen Teil der Infrastrukturmodernisierung an den Schulen des Landes abdecke. „Die Schulen brauchen dringend den Anschluss an das digitale Zeitalter. Aber was nützt uns die Breitbandverbindung, wenn der Putz von den Decken und Wänden der Klassenzimmer bröckelt“, sagte Tepe am Mittwoch in Frankfurt a.M. Sie erinnerte noch einmal daran, dass sich die GEW mit ihren Forderungen zur Bundestagswahl 2017 für ein umfassendes Sanierungs- und Modernisierungsprogramm für allgemein- und berufsbildende Schulen stark gemacht habe. Der Sanierungsstau betrage rund 34 Milliarden Euro…”
    GEW-Pressemitteilung vom 12. Oktober 2016 externer Link