Dossier

postmodern times. Grafik der FAU Mannheim“Extrem flexible Arbeitszeiten gehen häufig zulasten der Beschäftigten. Dabei sind die Folgen für Frauen andere als für Männer, zeigt eine neue Untersuchung der Hans-Böckler-Stiftung*. Was ist für Arbeitnehmer am besten: feste Bürozeiten, Gleitzeit oder völlige Selbstbestimmung ohne konkrete Zeitvorgaben? Selbstbestimmung klingt gut, ist aber auch eine Einladung zur Selbstausbeutung, wie eine Analyse von Dr. Yvonne Lott zeigt. Die Böckler-Expertin für Arbeitszeiten hat untersucht, welche Zusammenhänge zwischen Arbeitszeitmodellen, Verhalten und Arbeitsbelastungen von Frauen und Männern bestehen. Die Auswertung basiert auf Angaben von gut 10.000 Personen aus der Haushaltsbefragung Sozio-oekonomisches Panel (SOEP) der Jahre 2011 und 2012. Es zeigt sich: – Wer im Homeoffice tätig ist, kann abends oft nicht abschalten. Die Wahrscheinlichkeit liegt bei 45 Prozent und damit mehr als doppelt so hoch wie bei Beschäftigten, die nie zu Hause arbeiten. Offenbar verschwimmen die Grenzen zwischen den Lebensbereichen bei dieser Arbeitsweise besonders leicht. (…) Im Lichte dieser Erkenntnisse sei eine von Unternehmen häufig geforderte weitere Deregulierung der Arbeitszeitbestimmungen äußerst kritisch zu sehen, sagt Lott. Neben den negativen Konsequenzen für die Work-Life-Balance verschärfen Modelle wie die völlige Arbeitszeitautonomie auch die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern…” Pressemitteilung der Hans-Böckler-Stiftung vom 14. August 2017 externer Link, die Mitteilung bezieht sich auf den Policy Brief Nr.003, August 2017 “Selbst organisiertes Arbeiten als Ressource für Beschäftigte nutzen!” von Yvonne Lott externer Link – die Redaktion kein ein Lied davon singen… Siehe dazu eine neue Studie und mehr:

  • Mehr Freiheit durch Homeoffice? New
    Das Arbeiten von zu Hause aus liegt im Trend. Die daraus erwachsenden Probleme und die Unternehmensinteressen, die dahinter stehen, werden aber kaum thematisiert. Wer derzeit in Betrieben der Dienstleistungsbranche oder in Verwaltungsbereichen der Industrie unterwegs ist, wird häufig mit einem Thema konfrontiert, das mit großen Hoffnungen verbunden ist: »Homeoffice« oder »Telearbeit«, wie es der Gesetzgeber im Betriebsverfassungsgesetz nennt. Es geht um das Arbeiten von zu Hause aus. So erlebte ich es erst kürzlich in einem Betrieb: Ein Kollege äußerte gegenüber dem Betriebsrat den Wunsch nach Homeoffice, da es große Probleme mit dem Vorgesetzten gebe. Das Gremium nahm den Wunsch ohne größere Bedenken auf. Die Frage, ob ein Vorgesetzter per Mail und Videokonferenz Beschäftigte nicht ebenso schikanieren könne, wurde gar nicht erst erörtert. Telearbeit wird zunehmend positiv besetzt. (…) Die Erwartungen sind hoch. Jeder dritte Arbeitnehmer würde gern von zu Hause arbeiten, aber nur jeder zehnte tut es. Das ergab eine Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) im Jahr 2016. Es wird darauf verwiesen, dass die Bundesrepublik im europäischen Vergleich zurückliege. (…) Am 4. März äußerte Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) gegenüber dpa: »Ich werde ein Recht auf Homeoffice auf den Weg bringen, das die Balance von Sicherheit und Flexibilität wahrt.« Die Gewerkschaften fordern ebenfalls eine gesetzliche Regelung und verweisen dabei auf den Wunsch vieler Angestellter, Familie und Beruf besser vereinbaren zu können. Seit dem vergangenen Jahr setzt sich der DGB für einen Rechtsanspruch auf Homeoffice ein. Die DGB-Führung ignoriert dabei die Ergebnisse des hauseigenen Thinktanks. (…) Eine Untersuchung der Europäischen Stiftung zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen (Eurofound) und der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), die verschiedene internationale Studien ausgewertet haben, verdeutlicht die Risiken. Die Ergebnisse: Telearbeiter arbeiten länger. Oft ersetzt die Telearbeit die Arbeit in der Firma nicht, sondern erfolgt zusätzlich….” Artikel von Marcus Schwarzbach in der jungen Welt vom 31.05.2019 externer Link

  • Homeoffice: Irgendwann fehlt sogar die missmutige Chefin 
    “Viele Arbeitnehmer wünschen sich das Homeoffice, die SPD will sogar ein Recht darauf. Unser Autor mahnt zur Vorsicht: Die Heimarbeit kann einen fertigmachen. (…) Ich habe gute acht Monate zu annähernd hundert Prozent im Homeoffice gearbeitet, von September 2017 bis Juni 2018. Diese Zeit war hochgradig produktiv. Obwohl ich eine volle 40-Stunden-Stelle hatte, konnte ich die Erziehungs- und Betreuungsarbeit für unsere zwei Kinder fifty-fifty mit meiner Frau aufteilen. Die Form der Arbeit – Textbetreuung für ein alle zwei Monate erscheinendes Magazin – erlaubte eine gewisse Flexibilität. Ich konnte sowohl im Arbeitsleben auf private Notfälle als auch im Privatleben auf Arbeitsnotfälle schnell und gut reagieren. Dabei habe ich, durchaus branchenüblich, mehr gearbeitet als 40 Stunden pro Woche. Ich hatte aber nie das Gefühl, in Ansprüchen zu ertrinken, weder privaten noch dienstlichen noch in der Kombination aus beidem. (…) Trotzdem hat mich das Homeoffice fertiggemacht – und ich frage mich bis heute: Warum eigentlich? Warum hatte ich dort so viele körperliche Ausfallerscheinungen wie nie zuvor und nie danach in meinem Berufsleben? Den ständigen Druck auf der Brust, das nervöse Zittern, die Magenprobleme, das flaue Gefühl in den Unterarmen. Gerade wollte ich endlich mal zum Arzt gehen, da nahm das alles ein jähes Ende, aus anderen Gründen. Seither habe ich das Homeoffice im Verdacht, bei all seinen Vorteilen auf Dauer eine potenziell brutale Arbeitsform zu sein. Zumindest für all jene, die nicht über das lässige Selbstmanagement versierter Freiberufler verfügen, sondern in der Ferne dem Rhythmus eines Büros unterliegen, den sie zugleich nur wenig beeinflussen können…” Erfahrungsbericht von Johannes Schneider vom 3. Juni 2019 bei der Zeit online externer Link
  • Mehr Freiheit durch Homeoffice?
    Das Arbeiten von zu Hause aus liegt im Trend. Die daraus erwachsenden Probleme und die Unternehmensinteressen, die dahinter stehen, werden aber kaum thematisiert. Wer derzeit in Betrieben der Dienstleistungsbranche oder in Verwaltungsbereichen der Industrie unterwegs ist, wird häufig mit einem Thema konfrontiert, das mit großen Hoffnungen verbunden ist: »Homeoffice« oder »Telearbeit«, wie es der Gesetzgeber im Betriebsverfassungsgesetz nennt. Es geht um das Arbeiten von zu Hause aus. So erlebte ich es erst kürzlich in einem Betrieb: Ein Kollege äußerte gegenüber dem Betriebsrat den Wunsch nach Homeoffice, da es große Probleme mit dem Vorgesetzten gebe. Das Gremium nahm den Wunsch ohne größere Bedenken auf. Die Frage, ob ein Vorgesetzter per Mail und Videokonferenz Beschäftigte nicht ebenso schikanieren könne, wurde gar nicht erst erörtert. Telearbeit wird zunehmend positiv besetzt. (…) Die Erwartungen sind hoch. Jeder dritte Arbeitnehmer würde gern von zu Hause arbeiten, aber nur jeder zehnte tut es. Das ergab eine Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) im Jahr 2016. Es wird darauf verwiesen, dass die Bundesrepublik im europäischen Vergleich zurückliege. (…) Am 4. März äußerte Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) gegenüber dpa: »Ich werde ein Recht auf Homeoffice auf den Weg bringen, das die Balance von Sicherheit und Flexibilität wahrt.« Die Gewerkschaften fordern ebenfalls eine gesetzliche Regelung und verweisen dabei auf den Wunsch vieler Angestellter, Familie und Beruf besser vereinbaren zu können. Seit dem vergangenen Jahr setzt sich der DGB für einen Rechtsanspruch auf Homeoffice ein. Die DGB-Führung ignoriert dabei die Ergebnisse des hauseigenen Thinktanks. (…) Eine Untersuchung der Europäischen Stiftung zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen (Eurofound) und der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), die verschiedene internationale Studien ausgewertet haben, verdeutlicht die Risiken. Die Ergebnisse: Telearbeiter arbeiten länger. Oft ersetzt die Telearbeit die Arbeit in der Firma nicht, sondern erfolgt zusätzlich….” Artikel von Marcus Schwarzbach in der jungen Welt vom 31.05.2019 externer Link

  • Neue WSI-Studie: Homeoffice und flexible Arbeitszeiten: Väter machen Überstunden, Mütter auch – und kümmern sich zusätzlich mehr um die Kinder 
    Frauen und Männer mit Kindern nutzen flexible Arbeitsmodelle wie Gleitzeit, Vertrauensarbeitszeit und Homeoffice unterschiedlich: Während die Väter sehr viel mehr Zeit in den Job stecken, machen Mütter etwas mehr Überstunden, vor allem nehmen sie sich aber deutlich mehr Zeit für die Kinderbetreuung. Damit hilft flexibles Arbeiten zwar bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie, es kann zugleich aber auch die klassische Rollenverteilung zwischen Frauen und Männern festigen oder sogar verstärken. Dagegen helfen könnten klarere Regelungen, etwa eine Zeiterfassung im Homeoffice, und stärkere Anreize für Väter, sich ausführlicher um ihre Kinder zu kümmern. Mehr Freizeit haben weder Mütter noch Väter durch flexible Arbeitszeiten. Das zeigt eine Studie von Dr. Yvonne Lott, Gender- und Arbeitszeitforscherin am Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung. (…) Zusätzliche Erholungszeit, also etwa für mehr Schlaf, individuell gestaltete Freizeit oder Sport, haben Beschäftigte mit Kindern im Haushalt durch flexible Arbeitszeiten generell nicht. Lotts Fazit ist eindeutig: „Einen Freizeitgewinn mit flexiblen Arbeitsarrangements gibt es weder für Mütter noch für Väter.“ Grundsätzlich führen flexible Modelle also bei beiden Geschlechtern im Schnitt zu längeren Arbeitszeiten im Job, zeigt Lott. Bei Männern sei dieser Effekt deutlicher ausgeprägt als bei Frauen. Wobei Letztere gleichzeitig mehr Zeit für die Kinder aufwenden und so häufig doppelt belastet sind. Der Abstand bei den Zeiten, die Mütter und Väter jeweils mit Erwerbstätigkeit und mit Kinderbetreuung verbringen, wächst mit der Flexibilität der Arbeit. Flexibles Arbeiten, das als wichtige Hilfe bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf gilt, hat damit durchaus eine Schattenseite, warnt die Forscherin: Ohne bessere Leitplanken als es sie heute in vielen Unternehmen gibt, kann es die traditionelle Rollenverteilung befördern…” WSI-Mitteilung vom 05.03.2019 externer Link zum WSI-Report Nr.47 “Weniger Arbeit, mehr Freizeit? Wofür Mütter und Väter flexible Arbeitsarrangements nutzen” von Yvonne Lott vom März 2019 externer Link (16 Seiten) – siehe dazu weitere Meldungen:

    • Homeoffice darf Frauen nicht stärker belasten. “Männer müssen zu Hause nicht nur mehr mitanpacken, sie müssen Aufgaben auch komplett übernehmen.“
      “Frauen und Männer mit Kindern nutzen flexible Arbeitszeiten sehr unterschiedlich, zeigt eine Studie des WSI der Böckler-Stiftung: Väter stecken mehr Zeit in den Job, Mütter in die Kinderbetreuung. DGB-Vize Elke Hannack fordert deshalb “mehr Bewegung in den Köpfen bei Männern und Frauen. (…) Männer und Frauen müssen die neue Flexibilität auch so nutzen, dass sie die Erwerbsarbeit und Kinderbetreuung (bzw. Erwerbs- und häusliche Sorgearbeit) untereinander partnerschaftlich aufteilen. Denn immer noch leisten Frauen den Löwenanteil der unbezahlten Sorgearbeit, während sie immer öfter auch einen bezahlten Job haben. Wir wollen, dass sich das ändert. Damit mehr Homeoffice nicht zu mehr Doppelbelastung der Frauen führt, müssen sich auch die Männer einsichtig zeigen. Die Männer müssen zu Hause nicht nur mehr mitanpacken, sie müssen Aufgaben auch komplett übernehmen.” Elke Hannack zur WSI-Studie beim DGB am 5. März 2019 externer Link
    • Geschlechtergerechtigkeit: Mehr Flexibilität bedeutet mehr Arbeit – vor allem für Mütter
      “… Das Kind mit weniger Zeitdruck zur Kita bringen und es am Nachmittag selbst abholen – statt es bis zum Abend von einem Babysitter oder einer Babysitterin betreuen zu lassen. Morgens eine halbe Stunde länger schlafen können, weil die Nacht schlecht war und der Weg zum Schreibtisch nur wenige Sekunden dauert. Gleitzeit, selbstbestimmte Arbeitszeiten und Homeoffice versprechen, Job und Familienleben besser vereinbaren zu können. Besser heißt: mit weniger Stress und mehr Freiräumen zur Erholung. In der Realität trifft diese Annahme jedoch nicht zu, wie eine Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung zeigt. Mehr noch: Das traditionelle Bild der für die Kinderbetreuung zuständigen Frau wird durch flexibles Arbeiten nur noch verstärkt. Mütter, die von zu Hause aus arbeiten, investieren demnach pro Woche drei Stunden mehr in die Betreuung ihrer Kinder als Mütter, die täglich ins Büro fahren. Mütter, die ihre Arbeitszeiten selbst bestimmen können, kümmern sich pro Woche eineinhalb Stunden mehr um ihren Nachwuchs als Mütter mit festen Arbeitszeiten. Mehr Zeit also für Musikschule oder Schwimmkurs. Schafft die Flexibilität folglich einen Mehrwert? “Ein Gewinn ist nicht zu beobachten”, sagt Studienautorin Yvonne Lott. Im Gegenteil: “Die Ergebnisse deuten auf eine Doppelbelastung von Müttern hin.” (…) Durch flexible Arbeitsmodelle können Beschäftigte neben der Kinderbetreuung auch mehr Zeit für sich selbst gewinnen – etwa für Sport, Schlafen oder Nichtstun. Die Studienergebnisse zeigen aber, dass die Flexibilität kein Mehr an Freizeit bietet und viel mehr zu Lasten sowohl von Müttern als auch von Vätern geht. Während selbstbestimmte Arbeitszeiten allerdings für beide Geschlechter weniger Erholung bedeuten, sind Homeoffice und Gleitzeit allein für Mütter nachteilig. Sie kommen mit Gleitzeit auf 4,5 Stunden Freizeit in der Woche, bei Männern sind es im Durchschnitt sechs Stunden…” Artikel von Sarah Lena Grahn vom 5. März 2019 bei der Zeit online  externer Link
  • Damit das Recht kein Zwang wird: Vom Homeoffice würden fast nur Angestellte profitieren. Und längst nicht alle wollen gerne Zuhause arbeiten
    “Die Handwerker*innen sollen kommen, das Kind ist krank, oder die lange Anfahrt zum Arbeitsplatz strengt einfach nur an: Es gibt einige gute Gründe für Beschäftigte, warum sie Homeoffice nutzen wollen. Nachdem bereits die Grünen und der DGB sich für ein »Recht auf Homeoffice« ausgesprochen haben, will nun auch die SPD und Arbeitsminister Hubertus Heil das Thema angehen. Noch in diesem Jahr soll laut Heil ein entsprechendes Gesetz im Bundestag beschlossen werden. (…) Auf nd-Anfrage konnte das zuständige Arbeitsministerium noch keine genaueren Angaben machen, bis wann ein Gesetzesentwurf vorgelegt werden soll. Auch zur Frage, wie geregelt werden soll, dass Zuhause-Arbeitende keine Überstunden machen, wollte sich das Ministerium noch nicht äußern. Absehbar ist, dass der Umfang des Rechts auf Homeoffice – ob Beschäftigte beispielsweise »Vollzeit-Homeoffice« machen können – Verhandlungssache bleiben wird. (…) Derzeit arbeiten laut dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung etwa zwölf Prozent aller Beschäftigten gelegentlich im Homeoffice. Bei rund 40 Prozent der Beschäftigten wären die technischen Voraussetzungen dafür gegeben. Allerdings: Dies trifft vor allem Angestellte. In einer Auswertung des Bundesarbeitsministeriums von 2015 geht hervor, dass während 60 Prozent der Angestellten Heimarbeit wahrnehmen können, das nur bei zwei Prozent der Arbeiter*innen der Fall ist. Und: Nicht jeder möchte das Angebot nutzen. Zehn Prozent der Beschäftigten wollen laut Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung auch bei vorhandener Möglichkeit keine Heimarbeit. Die Gewerkschaften sehen das Vorhaben mit gemischten Gefühlen. Sie möchten zwar eine Humanisierung der Arbeit, fürchten aber zugleich, dass sie Zuhause Arbeitende schlechter erreichen können…” Beitrag von Alina Leimbach bei neues Deutschland vom 4. März 2019 externer Link