Mit großer öffentlicher Unterstützung: Der Streik der Lehrerinnen und Lehrer in Polen geht weiter – auch finanzielle Solidarität gefragt!

Streik an Polens Schulen 2019Woher kamen die Forderungen von ZNP und FZZ? Das Grundgehalt des pädagogischen Personals lag 2018 zwischen 2.400 (Lehrer*innen im Praktikum) und 3.300 Zloty brutto (diplomierte Lehrer*innen) – d.h. deutlich unter dem landesweiten statistischen Durchschnittslohn (4.700 Zloty). Genau deshalb stellten ZNP und FZZ die Forderung „1000 Zloty für alle” auf, und da die Regierung sich weigerte, die Forderung zu erfüllen, begannen sie mit Streikvorbereitungen.  (…)  Der Lohnkonflikt hätte sich vielleicht nicht so zugespitzt, wenn es nicht 2017 die Reform zur Abschaffung des Gimnazjum und damit verbunden Veränderungen in der Lehrercharta (die detailliert die Entlohnungskriterien des pädagogischen Personals definiert und einem Branchentarifvertrag entspricht) gegeben hätte. Beide Änderungen wurden von Bildungsministerin Anna Zalewska durchgedrückt. Durch die Abschaffung des Gimnazjum verloren 2017 6.600 Lehrer*innen (ca. 1%) ihren Job, aber noch viel gravierendere Folgen hatten die Veränderungen in der Lehrercharta: Abschaffung des landesweit an ein Drittel aller Lehrer*innen (168.000) gezahlten Wohngeldes und der Bewirtschaftungszulage (eine einmalige Zahlung in Höhe von zwei Monatsgrundgehältern für Lehrer*innen mit zweijähriger Dienstzeit nach Erlangung des Dienstgrades Vertragslehrer), zeitliche Verlängerung der Beförderungslaufbahn von 10 auf 15 Jahre und Abschaffung des Rechts auf Wohnraum (für Lehrer*innen auf dem Land und in Ortschaften unter 5.000 Einwohnern und Lehrer*innen, die in Rente oder Berufsunfähigkeitsrente gegangen sind oder sogenannte „Kompensationsleistungen für Lehrer” erhalten)…” – aus dem Artikel „Vollstreik in der Bildung – Bilanz nach der ersten Woche“ von Jakub Grzegorczyk am 19. April 2019 auf deutsch bei Inicjatywa Pracownicza externer Link (ursprünglich bei der IP am 15. April). Der Beitrag endet mit einem (englischen) Aufruf zur Unterstützung des Solidaritätsfonds, den IP unterstützt, was angesichts der Bedeutung dieser Streikbewegung ausdrücklich empfohlen wird – denn es gibt keine Streikunterstützung für die vielen Beteiligten, die nicht Gewerkschaftsmitglied sind (vor allem in kleineren Städten). Siehe dazu den Link zur Solidaritäts-Plattform, einen weiteren aktuellen Beitrag und ein (französisches) Interview, beide mit dem Schwerpunkt Solidarität der polnischen Öffentlichkeit, eine Solidaritätserklärung des Internationalen Gewerkschaftlichen Netzwerkes für Solidarität und Kampf (dem auch LabourNet Germany angehört) und den Hinweis auf unseren bisher letzten Beitrag zum Streik, den Bericht von kapturak im LabourNet Germany:

  • „Polnischer Lehrerstreik geht in die zweite Woche: Regierung will Lohnerhöhungen verhindern“ von Clara Weiss am 18. April 2019 bei wsws externer Link, worin zu Beginn der zweiten Streikwoche unter anderem zur Unterstützung durch die Öffentlichkeit berichtet wird: „… Im ganzen Land kam es zu spontanen Schüler- und Studentendemonstrationen. Am Freitag demonstrierten Akademiker und Studenten der Universität Białystok, einer der ärmsten Städte im Nordosten Polens, zur Unterstützung der Lehrer. Am Gebäude der Universität hingen tagelang Transparente mit der Aufschrift: „Wir unterstützen die Forderungen der Lehrer.“ Am Dienstag demonstrierten Eltern, Schüler und Lehrer in der Innenstadt von Olsztyn im Nordwesten des Landes. In Łódź, der drittgrößten Industriestadt des Landes, haben Mittel- und Oberschüler für Samstag zu einer Demonstration aufgerufen. Laut Umfragen unterstützen etwa 80 Prozent der Mittel- und Oberschüler den Kampf ihrer Lehrer für höhere Gehälter. Auch Eltern äußerten ihre Unterstützung für den Streik. Nachdem Regierungsvertreter und die Medien tagelang gegen die Lehrer gehetzt hatten, schrieb ein Elternteil aus Warschau einen wütenden Brief an das Bildungsministerium, der auf Facebook tausende Male angesehen wurde. Darin hieß es: „Sie wollen uns Eltern weismachen, die Lehrer hätten diese Krise heraufbeschworen. Doch in Wahrheit haben nicht die Lehrer die Schüler im Stich gelassen, sondern Sie!“ Eine andere Mutter schrieb in einem Kommentar zum Video einer Demonstration in Olsztyn: „Ich bin für die Lehrer. Auch sie verdienen ein würdevolles Leben. Ich habe Lehrer in der Familie, und sie bekommen wirklich Hungerlöhne.“…“
  • “SUPPORT THE TEACHERS´ STRIKE IN POLAND”
    vom 20. April 2019 ist die Solidaritätserklärung des Internationalen Gewerkschaftlichen Netzwerkes für Solidarität und Kampf mit dem Streik der polnischen Lehrerinnen und Lehrer, die wir im folgenden dokumentieren – und die ebenfalls mit einem Aufruf zur Unterstützung des Solidaritättsfonds der IP abgeschlossen wird:
    The general strike in the education sector in Poland began on Monday, April 8. According to organizers from the two unions that initiated the strike (Związek Nauczycielstwa Polskiego (ZNP) – Polish Teachers’ Union and Forum Związków Zawodowych (FZZ) – Trade Union Forum), on the first day of the strike 14,000 schools and kindergartens out of 20,400 such institutions joined the walkout (68%).  The immediate reason for the strike is that the wage bargaining between ZNP, FZZ and the government that had been going on since March of this year ended without reaching any results. Last year, the basic salary of teaching staff ranged from 2,400 zlotys (before tax for a teacher during apprenticeship) to 3,300 zlotys (before tax for a certified teacher) per month, i.e., it was significantly lower than the average salary in Poland (4,700 zlotys). This prompted ZNP and FZZ to put forward a demand of “1,000 zlotys for everyone”, but the government refused to implement it. Other factors threaten the education sector in Poland. As a result of the abolition of junior high schools in 2017, 6,600 teachers (about 1%) lost their jobs, but the consequences of the changes in the Teacher’s Charter were much more severe: the liquidation of the housing benefit, which was paid to one third of the teachers in the country (186,000), and of other bonuses (the one-off payment of two months’ basic remuneration for teachers with two years’ experience after obtaining the rank of a contracted teacher), the extension of the career path from 10 to 15 years and the abolition of the right to housing for teachers from rural areas and towns up to 5,000 inhabitants and for teachers who retired, those with a disability pension or those receiving the so-called “teacher’s compensatory benefits”. All this, combined with the chaos caused by the reform (overcrowded schools, inconvenient working hours and two-shift schools, etc.), has led to a confrontation between the government and the sectorial trade unions”.