Dossier

Zur Leipziger Buchmesse 2018Zahlreiche linke und alternative Verlage und AutorInnen und sonstige Gruppierungen haben – insbesondere nach den Erfahrungen des rechten Aufmarsches bei der Frankfurter Buchmesse im Oktober letzten Jahres (wir berichteten) – vielfältige Aktivitäten organisiert und auch weitere vorbereitet, um dem „Messe-Kapern“ durch die Rechte entgegen zu treten. Und dies durchaus mit einigen Erfolgen. Messeleitungen wollen Geschäfte machen und verteidigen deswegen die Meinungsfreiheit. Sekundiert wiederum durch diverse Verlage und AutorInnen, auch sie selbstverständlich in Verteidigung der Meinungsfreiheit – an die sie (nur beispielsweise) bei dem völlig willkürlichen Repressionsakt gegen linksunten.indymedia vorübergehend einmal nicht gedacht hatten. Wobei sie insofern, ohne ihr Zutun, an einem Punkt Recht haben, als da Blockade- oder sonstige Protestaktionen oder auch Verbote, so sehr sie nötig und zu begrüßen sind, wenig helfen: Nämlich da, wo die inhaltlichen Schnittstellen der aufmarschierenden Rechten mit dem gutbürgerlichen Mainstream liegen. “Die Rechte und die Buchmesse” ist eine kleine Materialsammlung vom 12. März 2018 zu einem Thema, das sich auch in Zukunft wiederholt stellen wird, sowie die Aktualisierung: Buchmesse eröffnet. Proteste gegen rechte Verlage auch:

Buchmesse eröffnet. Proteste gegen rechte Verlage auch New

Im Schatten von Protesten gegen rechte Verlage ist in Leipzig die Buchmesse eröffnet worden. Bei einem Festakt im Gewandhaus wurde die norwegische Autorin Asne Seierstad mit dem Preis zur Europäischen Verständigung ausgezeichnet. In ihrem dokumentarischen Roman “Einer von uns. Die Geschichte eines Massenmörders” setzt sie sich mit dem Attentäter Anders Breivik und seinen Opfern auseinander. Mehrere hundert Menschen haben in Leipzig gegen rechte Verlage auf der Buchmesse protestiert. Man werde es nicht hinnehmen, dass rechte Ideologien auf der Buchmesse verbreitet würden, sagte Mitinitiator René Arnsburg vor dem Gewandhaus. Es gehe nicht um ein Verbot, sondern um Widerstand. Hinter der Initiative stehen mehr als 70 unabhängige Verlage sowie rund 200 Einzelpersonen, die einen Aufruf gegen rechte Stimmungsmache auf der Buchmesse unterzeichnet haben“ – aus der Meldung „Buchmesse eröffnet – Proteste gegen rechte Verlage“ am 14. März 2018 im Deutschlandfunk externer Link, worin auch auf die geplanten über 3.000 Veranstaltungen hingewiesen wird. Siehe dazu zwei weitere aktuelle Beiträge:

  • „Versagt der Literaturbetrieb?“ von  Ralf Hutter am 15. März 2018 bei telepolis externer Link, worin es unter anderem heißt: „Zusätzlich zu dem vielleicht noch akzeptablen Argument, die Messe sei ein quasi-öffentlicher Raum, nannte Leipzigs Buchmessenchef Oliver Zille im Januar ein definitiv inakzeptables: “Wir sind einer der wenigen analogen Orte, wo eine Auseinandersetzung mit Rechts stattfinden kann.” Nein, angesichts der bundesweiten AfD-Stammtische und vieler noch schlimmerer solcher Foren gerade im Leipzig umgebenden Dunkeldeutschland besteht kein Bedarf, extra weitere Orte für so eine Auseinandersetzung zu schaffen. Obwohl – nützlich ist so ein Ort ein bisschen, weil sich dort die Literatur-Stars auf neue Weise offenbaren können. So hat das schon am Donnerstag in Dresden vor einem großen Publikum der vielfach preisgekrönte Schriftsteller Uwe Tellkamp (Erfolgsbuch “Der Turm”) getan. (…) Er stimmte anlässlich einer Debatte über das Meinungsspektrum auf der Leipziger Messe das alte Lied vom besorgten Bürger an, der angesichts der vielen Flüchtlinge – von denen 95 Prozent nicht wegen Krieg oder Verfolgung hier seien – und des nicht zu “uns” passenden Islams den “Gesinnungskorridor” von Bundesregierung und “tendenziöser” Presse anprangerte. Tellkamp hatte schon im Herbst gemeinsam mit bekannten Reaktionären wie Michael Klonovsky und Vera Lengsfeld eine windige Solidaritätserklärung für die in Frankfurt verbal wie tätlich angegriffenen Verlage unterschrieben. Nun kassierte er eine Distanzierung seitens seines Verlags Suhrkamp. Wegen der Kritik an Tellkamp hebt wieder das Geheul über angebliche Sprechverbote an, übrigens nicht nur bis hin zu Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) , sondern auch im Deutschlandfunk, wo beklagt wird, dass die Medien “reflexhaft” auf Tellkamps “Weckruf” reagierten, mit dem er seine “Ängste” ausgedrückt habe (“Dass ein Großteil der Flüchtlinge aus wirtschaftlichen Gründen nach Deutschland kommt, ist bekannt”, meint die Journalistin Alexandra Gerlach). Wer solche Stimmen auf der Messe gekontert sehen möchte, kann sich an eine Initiative dranhängen, die kritische Veranstaltungen gegen die einschlägigen Verlage organisiert. Das Bündnis Verlage gegen rechts vereint über 70 Verlage und 160 Einzelpersonen, darunter mit Alexander Vieß angeblich sogar jemanden aus der Öfentlichkeitsarbeit des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. Es hat per Crowdfunding über 11000 Euro gesammelt. (…) Doch dieses seit Monaten arbeitende Bündnis ist gerade kein Beweis dafür, dass die Branche endlich angemessen reagiert. Die teilnehmenden Verlage sind fast ausnahmslos klein, einer größeren Öffentlichkeit dürften nur wenige bekannt sein“.
  • „»Uns geht es um eine Politisierung der Buchbranche«“ am 15. März 2018 in der jungen welt externer Link ist ein Gespräch von Peter Merg mit Lisa Mangold (Sprecherin der Initiative #verlagegegenrechts vom Argument-Verlag mit Ariadne), worin unter anderem zu rechten Publikationen in „normalen Verlagen“ ausgeführt wird: „Das Problem beginnt doch früher. Das sind ja keine neuen Äußerungen von Tellkamp gewesen. Seine Nähe zu AfD und Pegida hat er nicht erst an dem Abend entdeckt, das dürfte auch für Suhrkamp nicht neu gewesen sein. Das werfe ich Suhrkamp an dieser Stelle vor. So ein distanzierender Tweet ist schnell geschrieben, aber ich hoffe, dass sie dabei jetzt nicht stehenbleiben. Deren Motto war doch immer, keine Bücher, sondern Autoren zu verlegen. Jetzt ist der Moment da, eine politische Diskussion zu führen. Verlage sollten sich fragen, ob es wichtiger ist, an rassistischer Stimmungsmache Geld zu verdienen oder mit den eigenen Büchern ein politisches Zeichen zu setzen. Ihnen steht frei zu entscheiden, wen sie publizieren und wen nicht. Da sollten sie einen emanzipatorischen Anspruch an ihre Programme haben“.

“Die Rechte und die Buchmesse”

„Proteste bei Leipziger Buchmesse erwartet“ von Sebastian Bähr am 02. März 2018 in neues deutschland externer Link berichtet unter anderem zur Ausgangslage: „Noch rund zwei Wochen dauert es bis zum Start der Leipziger Buchmesse, doch bereits jetzt sind die geplanten Veranstaltungstage ein Politikum. Im Zentrum der öffentlichen Debatte stehen erneut extrem rechte und rechtspopulistische Medienhäuser wie der »Compact«-Verlag von Jürgen Elsässer, der »Antaios«-Verlag von Götz Kubitschek oder die Wochenzeitung »Junge Freiheit«. Seit Jahren waren diese mit Unterbrechungen auf verschiedenen Buchmessen vertreten, doch seit dem Aufstieg der AfD wuchs der Widerstand gegen ihre Präsenz. Allein im März 2017 protestierten Hunderte bei der Leipziger Buchmesse spontan vor dem »Compact«-Stand, einige Monate später standen sich dann auf der Frankfurter Buchmesse Dutzende Anhänger der völkischen »Identitären Bewegung« und Antifaschisten gegenüber. Es kam zu Tumulten, der protestierende Frankfurter Stadtverordnete Nico Wehnemann (Die Partei) wurde von einem Messe-Sicherheitsmitarbeiter mit Gewalt zu Fall gebracht. Die grundsätzliche Konfliktlinie zieht sich bis heute fort: Kritiker fordern vehement, dass extrem rechte Verlage aufgrund ihrer Positionen von den Buchmessen ausgeschlossen werden müssen, ihre Gegner weisen auf die Bedeutung der Meinungsfreiheit hin. Dies zeigt sich nun auch wieder in Leipzig“.

„Blick auf Dresden“ am 07. März 2018 ebenfalls in neues deutschland externer Link ist eine Meldung zu einer Debatte nebenan: „Für die bevorstehende Buchmesse vom 15. bis 18. März in Leipzig hatte sich der dortige Stadtrat gegen ein Verbot extrem rechter und rechtspopulistischer Verlage ausgesprochen. Er begründete dies mit der Meinungsfreiheit. Dresdner Autoren, Publizisten und Buchhändler, darunter Tellkamp, hatten 2017 schwere Vorwürfe gegen den Börsenverein des Deutschen Buchhandels als Organisator der Frankfurter Buchmesse erhoben. In einer »Charta 2017« warfen sie ihm »ideologische Einflussnahme« vor, »mit der die Freiheit der Kunst beschnitten wird«. Mehr als 7000 Personen haben den Appell bisher unterzeichnet“.

„Distanzierung nach Debatte“ am 10. März 2018 in neues deutschland externer Link schließlich meldet zu den Ergebnissen jener zuvor angekündigten Dresdner Debatte, worin der Vorkämpfer für Meinungsfreiheit sich verwirklicht hatte: „Als Reaktion auf umstrittene Äußerungen des Schriftstellers Uwe Tellkamp hat sich der Suhrkamp-Verlag von seinem Autor distanziert. Tellkamp (»Der Turm«) hatte am Donnerstag in Dresden bei einer Diskussion Positionen der AfD und der islam- und ausländerfeindlichen Pegida-Bewegung vertreten. »Aus gegebenem Anlass: Die Haltung, die in Äußerungen von Autoren des Hauses zum Ausdruck kommt, ist nicht mit der des Verlags zu verwechseln. Tellkamp«, twitterte Suhrkamp am Freitag. Tellkamp und der Dichter Durs Grünbein hatten sich einen verbalen Schlagabtausch um die Flüchtlingspolitik und Meinungsfreiheit geliefert. Bei der Debatte vor mehreren Hundert Zuschauern im Dresdner Kulturpalast sagte der 49-jährige Tellkamp zu den Motiven von Flüchtlingen unter anderem: »Die meisten fliehen nicht vor Krieg und Verfolgung, sondern kommen her, um in die Sozialsysteme einzuwandern, über 95 Prozent.«“.

„Aktionsbündnis von Verlagen  gegen rassistisches, antifeministisches und homofeindliches  Gedankengut auf der Leipziger Buchmesse“  ist die Dokumentation des Aufrufs der Verlage beim Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller in ver.di externer Link, in dem es einleitend heißt: „»Wir, die unterzeichnenden Verlage, stehen für eine offene Debatte, einen Streit um die richtigen Ideen, um die Gesellschaft voranzubringen. Wir treten für die Teilhabe möglichst vieler Menschen an Literatur, Kultur und Bildung ein. Dabei spielt es keine Rolle, welche Herkunft, Sprache, sexuelle Identität und Orientierung oder Religion jemand hat. Wir wehren uns gegen die Ausgrenzung von Menschen aus diesen Gründen in jeder Form – politisch, sozial oder kulturell. In krassem Gegensatz zu solch einer grundsätzlich offenen Haltung stehen rechte Medien, die seit Jahren auf der Leipziger Buchmesse präsent sind. Gerade Compact als Sprachrohr von PEGIDA und insbesondere des rechten Flügels der AfD steht nicht für Freiheit – weder für die Freiheit der Menschen noch für die Freiheit der Worte. Rechte Medien hetzen gegen die Presse, verbreiten Verschwörungsmythen und treten offen rassistisch, frauenverachtend und homofeindlich auf. Ihre Positionen sind keine Diskussionsbeiträge, denn an einem Austausch sind sie nicht interessiert. Sie sind die Scharfmacherinnen/Scharfmacher, in deren Windschatten sich Gewalttäterinnen/Gewalttäter bewegen. Die Zunahme der Angriffe gegen Geflüchtete und deren Unterkünfte in Deutschland sowie gegen Menschen, die optisch vermeintlich keine »Deutschen« sind, ist ein Beleg dafür“.

„Voller Erfolg der Initiative #verlagegegenrechts: Junge Freiheit sagt Messestand ab“ am 07. März 2018 beim manifest-Verlag externer Link dokumentiert ist eine gemeinsame Erklärung zum Rückzug der JF, in der unterstrichen wird: „Die Initiative freut sich über die Abmeldung der Junge Freiheit und sieht sich in ihrer aufklärerischen Strategie bestätigt: »Wir reagieren auf die Präsenz rechter Verlage mit Aufklärung und emanzipatorischen Inhalten. Uns geht es nicht um ein Verbot, sondern um Widerstand. Wir laden die Buchbranche zu einer politische und engagierten Diskussion über rechte Verlage auf der Leipziger Buchmesse ein. Dass dies zu einer Absage der Jungen Freiheit geführt hat, werten wir als vollen Erfolg.« so Lisa Mangold, Mitinitiatorin von #verlagegegenrechts. Die Junge Freiheit kritisiert, dass der Direktor der Leipziger Buchmesse Oliver Zille sich nicht politisch neutral verhalten habe. »Kultur ist politisch. Daher finden wir es richtig, dass die Leipziger Buchmesse den Raum für politische Diskussionen schützt und fördert. Dass Verlage, die sich, wie die Junge Freiheit, zwischen Konservatismus und Neonazismus bewegen nun um politische Neutralität bitten zeigt, dass sie einer ernsthaften politischen Auseinandersetzung nicht standhalten können.“ so René Arnsburg, Mitinitiator von #verlagegegenrechts. Das Bündnis hält am bisherigen Rahmenprogramm fest und lädt alle Interessierten ein, zu der Kundgebung zur Eröffnung der Leipziger Buchmesse am 14. März um 17.30 Uhr auf den Augustusplatz zu kommen. Lisa Mangold sagte dazu: “Der Rückzug der Jungen Freiheit ist ein erster Erfolg unserer Kampagne, doch es kann keine Entwarnung geben, solange rechte Positionen öffentlichen Anklang finden.”“.

„Literaturinstitute fordern Ausschluss rechter Verlage“ am 09. März 2018 beim Deutschlandfunk externer Link meldet: „Knapp eine Woche vor Beginn der Leipziger Buchmesse kritisieren Studierende und Beschäftigte deutschsprachiger Literaturinstitute die Teilnahme rechter Verlage an der Messe.  In einem offenen Brief werfen sie der Messeleitung vor, “eine Mitverantwortung für die Normalisierung rassistischer und sexistischer Positionen im Parlament und auf der Straße” zu tragen. Hausordnung und Teilnahmebedingung der Leipziger Messe seien änderbar, wenn der politische Wille dazu bestehe. Die Initiatoren fordern zudem eine klare Position der Stadt Leipzig. Unterzeichnet ist der Brief von Studierenden und Beschäftigten der Literaturinstitute in Leipzig, Hildesheim, Wien und dem schweizerischen Biel sowie von Autoren“.

„Autoritär, elitär, reaktionär − die Neue Rechte“ bei kritisch-lesen.de, in der  Ausgabe Nr. 44 vom 11. Juli 2017 externer Link heißt es einleitend zu den dort besprochenen Büchern: „Jahrelang befassten sich nur Wissenschaftler_innen, Fachjournalist_innen und Antifa-Nerds mit ihnen, heute kennen sie alle, die einigermaßen das Tagesgeschehen verfolgen: die Neue Rechte. Damit sind nicht einfach Rechte gemeint, die jetzt erst politisch aktiv werden, also „neu“ dabei sind. Die Neue Rechte machte sich von Frankreich ausgehend in den 1960er Jahren daran, rechtes Denken − zumindest in Westeuropa − zu erneuern. Sie orientiert sich ideologisch an der „Konservativen Revolution“ beziehungsweise dem Jungkonservatismus der 1920er Jahre. In Anlehnung an Konzepte der Neuen Linken fokussiert die Neue Rechte auf „kulturelle Hegemonie“; ihr Ziel ist die Hoheit über die herrschenden Diskurse, um so ein antiliberales und antiegalitäres Programm gesellschaftlich durchsetzbar zu machen. Nachdem die Neue Rechte in Deutschland jahrzehntelang kaum sichtbar war, befindet sie sich seit dem Aufstieg der AfD im Aufwind − wenngleich die inhaltlichen Differenzen deutlich werden: Ihr Realo-Flügel setzt auf Parlamentarismus, will breite Schichten der Bevölkerung ansprechen, ihr Fundi-Flügel setzt hingegen auf Fundamentalopposition gegen diesen Staat. Diese Ausgabe sieht sich die Neue Rechte sehr genau an, ihre Entwicklungen, ihre Programmatik, ihre Verknüpfungen, ihre Differenzen“.

„Der Zweit-Abfluss des Philosophen“ von Rudolf Walter am 13. Juli 2017 in der taz externer Link war eine Kritik des damals neuen (?) Buches von Herrn Sloterdijk im Suhrkamp-Verlag, in der unter anderem thematisiert wurde: „Als eine Epoche der Beseelung gilt ihm auch die Aufklärung mit ihrem „Ideal der Mündigkeit“. Dabei tritt er allerdings in die Falle der vulgär-etymologischen Scharlatanerie. Er führt das Wort „Mündigkeit“ auf „Mund“ zurück und spricht von Mündigkeit als dem „Phantasma der in die politische Sphäre verlängerten Oralität“ beziehungsweise vom „oralen Substantialismus.“ Er folgt damit seinem Lehrmeister ­Heidegger, dem Ernst Bloch einmal unterstellte, er würde in seinem etymologischen Furor wohl auch das Wort „ Rose“ vom „Gerösteten“ herleiten. (…)Sloterdijks Versuch, „Mündigkeit“, den zentralen Begriff der Aufklärung, ein Synonym für Autonomie und Selbstbestimmung, als orale Selbstüberschätzung und Großsprecherei zu denunzieren, ist ein Schlag ins Wasser. Die Spekulationen über den Zusammenhang der „oralen Schicksale des Menschen mit dem Weltlauf moderner Epochen“ sind – ganz ohne „drittes Ohr“ des „psychoanalytisch trainierten Lesers“ (Sloterdijk über sich selbst) – als substanzloses Geklingel zu erkennen wie über weite Strecken das ganze Buch“.

„Der Sarrazin für Alphabetisierte“ von Christoph Baumgarten am 26. März 2016 ebenfalls in der taz externer Link war ein Kommentar mit unter anderem folgender Schlussfolgerung: „Man darf sich wieder fürchten. Vor Selbstzerstörung. Überrollung. Souveränitätsverlust. Was in den vergangenen Monaten in den gutbürgerlichen Döblinger und Charlottenburger Salons nur geraunt wurde – mit dem kleinbürgerlichen Pöbel von Pegida wollte man sich auch nicht zu deutlich gemeinmachen –, darf jetzt offen ausgesprochen werden. Wer es für übertrieben hält, sich vor Flüchtlingen zu fürchten und noch nicht das finis Germaniae oder finis Austriae unmittelbar bevorstehen sieht, gilt von Döbling bis Charlottenburg nicht mehr nur als „Realitätsverweigerer“, nein, er ist ein „Kläffer“ mit „Beißreflex“. Man hat es ja quasi amtlich: Peter Sloterdijk, von manchen irrigerweise als Vorzeigeliberaler unter den Philosophen gefeiert, hat all dem seinen Segen erteilt, indem er prominente Kritiker seiner Untergangsrhetorik öffentlich auf Wadenbeißerformat zurechtgestutzt hat.Die verwendeten Sprachbilder zeugen von einer wachsenden Radikalisierung und Menschenverachtung der sich selbst für gebildet haltenden Schichten. Sie sind auch ein weiteres Anzeichen dafür, dass die soziale Barriere bald brechen könnte, die bislang das deutschsprachige Bildungsbürgertum von den „besorgten Bürgern“ von Pegida und AfD getrennt hat“.

„Die Normalität des Irrationalen“ von Werner Seppmann am 09. Januar 2018 in der jungen welt externer Link war ein Vorabdruck aus den Marxistischen Blättern, worin es unter anderem heißt: „Unmittelbare Konsequenz ist ein wachsendes Bedürfnis nach Abgrenzung. Viele, die »Angst vor dem Absturz« haben, sind bemüht, nach »unten«, wohin man abzusinken befürchtet, einen Trennstrich zu ziehen. Unter Druck geraten, wird auf vermeintlich angestammte »Vorrechte« verwiesen (»Arbeitsplätze zuerst für Deutsche«). In der Zeit nach der Weltwirtschaftskrise 2009 waren es dann auch nicht zufällig überdurchschnittlich viele »Besserverdienende«, die ein Unsicherheitsgefühl artikulierten und auch Sündenböcke »identifizierten«, beispielsweise Langzeitarbeitslose in bisher nicht gekannter Intensität stigmatisierten. Abgewertet werden alle Gruppen, die den herrschenden Leistungs- und Nützlichkeitskriterien nicht mehr entsprechen. Neben den Arbeitslosen auch die »Ausländer« und dann in wachsendem Maße »die Flüchtlinge«. Noch vor wenigen Jahren resistent gegen allzu plumpe Verunglimpfungen, reihten sich nun auch Teile einer »gutbürgerlichen Mitte« in eine Bevölkerungsmehrheit ein, die zu fast sechzig Prozent meint, dass die Arbeitslosen willensschwach und an ihrer Lage selbst schuld seien und es »empörend sei«, wenn sich die Langzeitarbeitslosen »auf Kosten der Gesellschaft ein bequemes Leben« machten. Zum Besseren hat sich die Stimmungslage seitdem nicht verändert“.

„Gutbürgerlich bis ultrarechts: Gründungs- und Existenzmythen der FU Berlin“ von Michael Zander im Glasnost-Archiv externer Link ist ein Beitrag aus dem Jahr 1999 zum Jubiläum der Freien Universität, hier als Beispiel einer Kontinuität bestimmter rechter Haltungen eine Passage: „Die Wissenschaftstheorie, der die FU-Obrigkeit anhängt, zeigt sich in Schlichts Darstellung der Kampagnen gegen marxistische Wissenschaftler nach 1968. “Der Staat reagierte auf die linke Unterwanderung der Universität mit einem Zickzackkurs zwischen Entschlossenheit und Hilflosigkeit” (S.55). Nachdem der Senat zunächst eine gerichtliche Klage gegen “marxistische” Lehrveranstaltungen in der Germanistik verloren hatte, habe er, so Schlicht, das “nächste Mal… Härte” gezeigt, als “er sich weigerte, den Marxisten Hans-Heinz Holz auf einen Lehrstuhl zu berufen. (…) Auch der belgische Trotzkistenführer Ernest Mandel wurde von Senator Stein nicht an die FU berufen: Der Senator warf der Universität vor, ihn nie zuvor durch einen Berufungsvorschlag so herausgefordert zu haben.” – ‘Unterwanderung’ bezeichnet das heimliche Eindringen von Leuten in ein Gebiet, in dem sie angeblich nichts zu suchen haben. Die der gesamten Linken unterstellte Heimlichkeit wird von Schlicht an anderer Stelle selbst bestritten. Bemerkenswert ist, dass Schlicht die verlorene Klage des Senats nicht als Versuch ungeheuerlicher Einmischung des Staates in wissenschaftliche Angelegenheiten wertet, sondern als “Hilflosigkeit”. Dass Mandel ein international anerkannter Wirtschaftswissenschaftler war und Holz ein nicht weniger berühmter Philosoph ist, wird verschwiegen. “Der Marxismus als Wissenschaft war nicht in dem KPD-Urteil von 1956 verboten worden. Aber die Frage, ob der Marxismus von unabhängigen Wissenschaftlern gelehrt werden müsse oder ob auch überzeugte Marxisten die marxistische Theorie… zum Gegenstand der Wissenschaft machen dürfen, wurde nicht beantwortet.” Falsch. Die Frage wurde beantwortet, allerdings unterschiedlich, und nicht immer so, wie es Herrn Schlicht gefallen würde. Außerdem ist die Frage selbst recht merkwürdig. Wenn marxistische Theorie Teil der kontroversen wissenschaftlichen Auseinandersetzung ist, dann muss sie auch von denen vertreten werden können, die von ihr überzeugt sind. Andernfalls dürften auch bürgerliche Wissenschaftler nicht Theorien vertreten, die sie für richtig halten und die für die Rechtfertigung der herrschenden Verhältnisse erstaunlich gut geeignet sind“.