“Harvey”: Der Sturm. Die Natur. Der Kapitalismus

Selbstorganisation in der Flut von Houston - wer auf Trumps Retter wartet...August 2017Houston – die viertgrößte Stadt der USA, ist das weltweite Zentrum der Ölverarbeitung. Und das Zentrum des Sturms Harvey gewesen, dessen Folgen noch längst nicht alle zutage getreten sind. „Das Ganze ist das Irrationale“ – und das hat angesichts der zahlreichen Jahrzehnt-, Jahrhundert- oder was auch immer für Stürme, die in diesen Tagen die ganze Welt heimsuchen,  verschiedene Facetten. Südostasien versinkt im Monsun, Westafrika im Schlamm, Texas (und nun auch wieder Louisiana) in Harvey. Und auch wenn die Wassermassen in den beiden ersten Fällen weitaus mehr Todesopfer fordern – Hunderte in Sierra Leone, Tausende in Südasien – stehen die „wichtigeren Leben“ – bisher 45 Todesopfer – in den USA im Mittelpunkt der Medienberichte. Aber dieser strukturell eingebaute Rassismus ist nur eine Facette. Eine andere ist: Houston. „Die Stadt, die keine Grenzen kennt“ – bekommt sie aufgezeigt. Wo alles zubetoniert ist, fließt das Wasser eben anderswohin. Wo überall Chemiefabriken und Ölraffinerien sind, wird die Flut eben giftig. Ist es nötig, darauf zu verweisen, dass überall die Folgen desto übler sind, je ärmer die Menschen? Eben. Oder auf die Peinlichkeiten von Politik und Behörden, die sich darauf konzentrieren, als effektive Krisenmanager zu erscheinen und ansonsten „Plünderer“ verfolgen? Auch nicht. Schon weitaus eher auf die mächtige Bewegung der Selbsthilfe großer Teile der Bevölkerung in all den betroffenen Gebieten. Und erst recht auf gesellschaftliche Alternativen zu den kapitalistischen Lemmingen. Zu den keineswegs ganz natürlichen Katastrophen unsere aktuelle kommentierte Materialsammlung “Noch nicht die Sintflut” vom 03. September 2017:

„Noch nicht die Sintflut“

Wieder ein Sturm, wieder eine Stadt – und wieder dieselben Opfer

Ob sie Katrina, Sandy oder Harvey oder wie auch immer heißen: Stürme sind, keineswegs nur in den USA, immer heftiger geworden, immer zahlreicher – und die Auswirkungen immer gleichartiger. Die städtischen Strukturen auf die Wünsche der Unternehmen zugeschnitten, bedenkenlos bewährte Sicherungen abgeschafft und viele Menschen qua Wohnungspolitik in Viertel hinein gedrängt, die grundsätzlich unsicherer sind, so ungefähr ließe sich die Gemeinsamkeit dieser Katastrophen skizzieren. Und selbst, wenn es Naturkatastrophen wären, wären ihre Auswirkungen immer noch politisch und sozial hergestellt. Wobei von Naturkatastrophen aus der Luft zu sprechen, im Zeitalter der Klima“debatte“ schon an sich zu mindestens fragwürdig ist.

„Harvey: Another Storm of the Century“ von Jack Random am 01. September 2017 bei Counterpunch externer Link ist ein Beitrag, der eben genau die oben erwähnten Parallelen zwischen Katrina in News Orleans, Sandy in New York und Harvey in Houston zieht. Sowohl, was die allgemeine sogenannte Stadtplanung betrifft, die eine Profitplanung sei, als auch die vielen, kleinen schmutzigen Geheimnisse, die im Laufe der Zeit bekannt geworden seien. Beispiel: In der „weißgefluteten“ Stadt New Orleans wurden die Expertisen der Armee-Ingenieure, die lautstark eine beabsichtigte Beseitigung der Sumpfmarschen als gefährlich kritisierten (und dabei Szenarien vorweg nahmen, die ziemlich genau den späteren Ereignissen entsprachen) nicht nur nicht beachtet, sondern weg geschlossen. Von den EinwohnerInnen New Jerseys, die bis heute auf zugesagte Bundeshilfen warten bis zu den vertriebenen Afro-AmerikanerInnen aus New Orleans, von denen Tausende ausgerechnet nach Houston geflüchtet waren, wo sie in Billigwohnungen hausen mussten, weil sie sich aufgrund der Bach-Katrina Spekulation die eigene Stadt nicht mehr leisten konnten, werden die Opfer einer antisozialen, prokapitalistischen Politik dargestellt.

„Boomtown, Flood Town“ am 06. Dezember 2016 in der Texas Tribune externer Link war ein Beitrag über den letztjährigen großen Sturm, Harveys weitaus kleinerer Vorgänger. Schon vor beinahe einem Jahr (und auch das war, wie in dem Artikel ausgeführt wird, keineswegs das erste Mal) wurde darauf hin gewiesen, dass die regelrechte Bauexplosion in Houston dazu geführt habe, dass die einstige große Prärielandschaft der Stadt faktisch verschwunden sei, und die Wasser jedes Jahr weniger abfließen könnten. Und ebenso nicht das erste Mal war die Reaktion der Houstoner Stadtverwaltung eindeutig: Das sei kein wesentliches Problem, das wesentliche Problem der Stadtplanung sei, die Stadtstrukturen dem industriellen Wachstum anzupassen. Aussagen im Übrigen einer Behörde, die wohl nicht ganz zufällig bezirkliche Flutkontrolle heißt…

„Why are the crucial questions about Hurricane Harvey not being asked?“ von George Monbiot am 30. August 2017 im Guardian externer Link ist ein Beitrag, der fragt, warum nicht gefragt wird: Vor allem nach der Klimaentwicklung und der darauf (nicht) reagierenden Politik, eine Erwärmung speziell eben im Golf von Mexiko, die  dazu geführt habe dass Harvey sich von einem mittelmäßigen zu einem gigantischen Sturm entwickelt habe. Dagegen werde gehalten, wie einst bei Katrina, jetzt müsse erst einmal wieder aufgebaut werden, es sei nicht die Zeit für Debatten…

„Trump’s rollback of flood protections risks further Houston-style calamity“ von Benjamin Preston am 29. August 2017 im Guardian externer Link ist ein Beitrag über die Sicherheitsmaßnahmen gegen Flutgefahren, die in Houston in den letzten Jahren zurückgenommen wurden – und die der US Präsident anderen Städten als Vorbild empfiehlt.

„Harvey: Too poor to flee the hurricane“ von James Cook am 27. August 2017 bei der BBC externer Link ist ein Beitrag über jene Menschen, die den Auswirkungen des Monster-Sturms ausgesetzt bleiben müssen – weil sie noch nicht einmal die Ressourcen haben, anderswohin zu fliehen. Wie überall in Us-amerikanischer Meeresnähe gilt auch in der Boomtown wörtlich: Je ärmer, desto weiter unten.

„Stores Accused of Price Gouging in Wake of Hurricane Harvey“ von Jake Johnson am 29. August 2017 bei Common Dreams externer Link ist ein Beitrag, der deutlich macht, dass nicht nur Trumps Politik sich nicht ändert, was Förderung der Gefährdung betrifft, sondern dass auch Unternehmen sich selbst treu bleiben. Stichwort: Beim Trinkwasser die Preise hoch schnellen machen. Der ohnehin verbrecherische Preis für eine Lage Wasserflaschen von Nestlé lag vor Harvey bei den meisten Supermärkten bereits bei 5 Dollar (!) – in diesem Artikel werden Supermarkt-Preisschilder dokumentiert, die für dieselbe Menge nun 14 Dollar fordern. Für dieses doppelte Gangstertum, das Normale und das „Angebot und Nachfrage“ ausnützende, fanden sich sofort auch Wirtschafts-Professoren, die die Maßnahme verteidigten. Finden sich immer, solche billigen Geistesgrößen – und überall…aber wenigstens haben sie durch ihre Eilfertigkeit diesmal die Tatsache bestätigt.

„The Houston flood disaster: A social crime of the American oligarchy“ von Barry Gray am 29. August 2017 bei wsws externer Link ist ein Beitrag, der eine grundsätzliche Kritik am amerikanischen Kapitalismus 12 Jahre nach Katrina übt und darauf verweist, dass man in Holland schon vor 400 Jahren Möglichkeiten geschaffen habe, Städte unterhalb des Meeresspiegels zu bauen.

Die giftige Flut

Das kurz skizzierte enorme Wachstum der Stadt Houston in den letzten Jahrzehnten hat vor allem damit zu tun, dass die Region zu einem Zentrum der petrochemischen Industrie geworden ist, gemacht wurde (andere Diskussion). Die Anlagen, für die alle Abflussflächen zubetoniert wurden, sind nun den Fluten ausgesetzt und verbreiten ihre Inhalte – eine Besonderheit der Katastrophe in Houston.

Ecowatch Houstonexterner Link ist eine Webseite, die insgesamt einen Überblick über die Gefahren des Sturmes in der chemischen Industrie in der Region Houston geben will – und das mit einer wachsenden Zahl von Beiträgen tut, die aktuell verschiedene Lecks, Brände und Brüche in mehreren chemischen Werken der Region dokumentieren und dies auch weiterhin tun werden.

„Arkema Plant Explosion Sparks Criticism of Trump EPA Relaxing Chemical Safety Rules“ von Lorraine Chow am 01. September 2017 bei EcoWatch Houston externer Link ist der jüngste dieser Beiträge über die Explosion in einem Arkema-Werk in der nahe liegenden Stadt Crosby und deren potenzielle Gefahren. Dabei wird auch darauf verwiesen, dass der neue Leiter der Umweltbehörde  EPA seit zwei Jahren die Umsetzung von Sicherheits-Bestimmungen der Regierung Obama blockiere – weil erst noch die Einwände der Unternehmen entgegen nehmen müsse…

„REVEALED: Burning Houston chemical plant successfully lobbied Trump to strike down safety rules“ von Brad Reed am 31. August 2017 bei der Enthüllungsplattform Raw Story externer Link ist ein Beitrag, in dem berichtet wird, dass eben das Unternehmen Arkema seinerseits per Lobbyisten erfolgreich darauf gedrängt hatte, die anstehenden neuen Bestimmungen nicht anzuwenden. Weil diese – könnte in seiner plumpen Einfallslosigkeit auch aus der BRD sein – eben, natürlich, was denn sonst, die Schaffung von (dementsprechend giftigen) Arbeitsplätzen behinderten.

“ExxonMobil refineries damaged in Harvey, releasing hazardous pollutants“ von Steven Hufson am 29. August 2017 in der Chicago Tribune externer Link ist ein Bericht über einen Einsturz einer Anlage in der Raffinerie von Baystown bei Houston, der zweitgrößten Raffinerie der USA, wodurch laut Unternehmen die Gefahr bestehe, organische Substanzen könnten frei werden. Obwohl sich Hunderte von AnwohnerInnen über intensiven Gestank beschwerten, wusste das Unternehmen bereits in seiner ersten Stellungnahme, dass es keine Gefhrensituation für die Bevölkerung gegeben habe – wollte allerdings keine Information darüber geben, was sich in der Anlage befand.

Gefahrenstufe ultrarot: Papierlose in Houston

Ein Zentrum des „Wirtschaftswachstums“ ist schon immer auf der ganzen Welt – auch ein Zentrum der Migration. Sowohl mit, als auch ohne Papiere und Stempel. In der heutigen Situation von Trumps Politik der Hetzjagd auf MigrantInnen ist für diese Menschen eine solche Katstrophe besonders gefährlich: Sich an die Behörden wenden? Vielleicht, um statt Hilfe zu bekommen, abgeschoben zu werden?

„Immigrants in Houston Face Triple Threat: Flooding, Racist Texas Law SB4 and Potentially Losing DACA“ von Amy Goodman und Juan Gonzalez am 29. August 2017 bei Truthout externer Link ist das dokumentierte Transkript einer Radiosendung von Democracy Now! über die dreifache Gefahr, in der sich MigrantInnen in Houston aktuell befinden: Neben der Flut ist es vor allem das rassistische texanische Bundesstaatsgesetz SB4 (dessen Inhalt in der Sendung näher erläutert wird) und der neueste Kürzungswunsch des Präsidenten bezüglich Wohnbeihilfe Daca. Um zu verstehen, was das bedeutet, sollte man eingangs wissen, dass in Houston etwa 600.000 Menschen leben und arbeiten, die keine entsprechenden Papiere haben – Boomtown eben.

„Climate Change and the Deportation Machine: A Match Forged In Hell, Hurricane Harvey Edition“ von Kate Aronoff am 25. August 2017 bei In These Times ist ein Beitrag darüber, dass die betroffenen Menschen nicht nur von Trumps rassistischer Abschiebungsmaschine noch stärker betroffen sind, als sie es von Obamas waren: Viele sind wegen Auswirkungen der Klimakatastrophe geflohen – nach Houston, zu Harvey…

„Deportation fears prevent many Houston immigrants from seeking emergency shelter“ von Eric London  am 31. August 2017 bei wsws externer Link ist ein Beitrag darüber, dass die Abschiebebehörde ICE auch in den Tagen des Sturms „ihren Job“ gemacht hat – in Supermärkten, bei Ärzten oder sonstwo, wo betroffene Menschen vor allem hin müssen, haben sie festgenommen, statt zu helfen, was nahe liegender Weise dazu führt, dass viele versuchen, einen möglichst großen Bogen um Behörden zu machen…

Eine regelrechte Bewegung der Selbsthilfe

Dass ein gewisser Herr Trump eine Million aus seinem Privatvermögen spenden wolle für die Opfer in Houston, war großes Thema. Weniger großes Thema war, dass dies ein Bruchteil jener Kosten ist, die er investiert, um eine seiner Golfanlagen auf den karibischen Inseln was zu machen? Hochwasser sicher… Und dass im Bewusstsein aller Erfahrungen mit Katastrophen in den USA samt schießender Nationalgarde und verschwundenen Hilfsgeldern eine regelrechte Selbsthilfe-Bewegung entstanden ist, die – ob bewusst oder nicht – immer auch einen kleinen Bestandteil gesellschaftlicher Alternativen in sich trägt

„Left to Fend for Themselves, These Houston Communities Are Coming to Their Own Rescue“ am 29. August 2017 bei In These Times externer Link ist ein Gespräch von Sarah Lazard mit Malik Muhammad einem Organizer der National Black United Front (NBUF) über die zahlreichen und wachsenden selbstorganisierten Hilfsinitiativen keineswegs nur der NBUF, sondern einer ganzen Reihe von Community Organisationen in Houston und Umgebung. Grundlage dafür sei ein ganz klarer und jederzeit sichtbarer Sozialrassimsus der Behörden und offiziellen Hilfsorganisationen, die niemals bis zu den schwerer zugänglichen und abgelegenen Vierteln vordingen würden, sondern diese sich selbst überlassen, wie früher auch schon. Deswegen gäbe es auch Hilfsinitiativen, die bereits vor Harvey existierten und schnell wirken konnten.

„NNU Union Sends Over A Thousand Volunteer Nurses To Houston“ am 31. August 2017 bei den Workers Independent News externer Link ist die Meldung darüber, dass die Krankenschwesterngewerkschaft National Nurses Unites (NNU) beschlossen hat, 1.000 freiwillige Krankenschwestern nach Houston zu schicken – statt Soldaten…

„Texas Working People Step Up in Worst Storm Ever“ am 28. August 2017 beim Gewerkschaftsbund AFL_CIO Bundesstaat Texas externer Link ist ein Überblick über die Aktivitäten gewerkschaftlicher Selbsthilfe der Betroffenen in Houston und Umgebung. Die Soforthelfer „First Responders“ sind eine weitgehend gewerkschaftliche geprägte Organisation und der Texas Workers Relief Fund trägt dazu bei, solche Initiativen zu finanzieren.

„Hurricane Harvey: 5 reasons looting is essential for survival“ von Mike Harman am 30. August 2017 bei libcom. org externer Link befasst sich mit dem bei Katastrophen stets aktuellen Thema Plünderungen – und vertritt, dass es fünf Gründe gebe, warum plündern für das Überleben wichtig sei. Diese Gründe drehen sich allesamt um das vorne bereits angesprochene Thema der absurden Teuerung – und berichten unter anderem davon, dass Angestellte mehrerer Supermärkte Esswaren verteilt hätten, ohne irgendwelche ohnehin nicht anwesende Chefs zu fragen.