»Rot für die Bildung« – Riesige Beteiligung am Streik der LehrerInnen in Arizona

Artikel von Jonah Furman, erschienen in express, Zeitung für sozialistische Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit 5/2018

express, Zeitung für sozialistische Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit

75.000 LehrerInnen und UnterstützerInnen in roten T-Shirts füllten die Straßen von Phoenix, als die Lehrkräfte Arizonas am 26. April 2018 zu einem landesweiten Streik für eine Erhöhung des Schuletats und die bessere Bezahlung aller an Schulen Beschäftigten aufgerufen hatten. »In West Virginia sind sie aufgestanden, in Kentucky stehen sie auf, in Oklahoma«, sagte Brittani Karbginsky, Lehrerin einer sechsten Klasse in Phoenix. »Jetzt kommen wir.«
Monatelang hatte der Multimillionär und Gouverneur von Arizona, Doug Ducey, darauf bestanden, der bescheidenen ein-prozentigen Lohnerhöhung für LehrerInnen im nächsten Jahr wiederum nur eine Erhöhung um ein Prozent folgen zu lassen.

Unter dem wachsenden Druck der Graswurzelbewegung #RedforEd (Red for Education / Rot für die Bildung) gab er am 20. April bekannt, dass LehrerInnen im Jahr 2020 eine 20-prozentige Lohnerhöhung bekommen sollen.

Klingt nach Sieg? Die LehrerInnen sahen das nicht so. Die landesweite Organisation AEU (Arizona Educators United -Vereinte Lehrkräfte Arizonas), die in den letzten zwei Monaten aufgebaut wurde, betonte, dass die Erhöhung im Staatshaushalt nicht eingerechnet war. Sie bestand auf eine ausgewiesene Finanzierungsquelle, um sicherzugehen, dass sie mehr als ein leeres Versprechen erreicht hatte. AEU besteht außerdem darauf, dass Ducey und die Legislative sich auch der anderen Forderungen annehmen soll, die bei einer Demonstration am 28. März aufgestellt wurden:

  • Deutliche Lohnerhöhungen für alle Schulbeschäftigten, nicht nur die Lehrkräfte,
  • Wiederherstellung der Schulfinanzierung auf dem Niveau von 2008,
  • keine neuen Steuererleichterungen, bevor die Ausgaben Arizonas pro SchülerIn den nationalen Durchschnitt erreicht haben und
  • jährliche Lohnerhöhungen für LehrerInnen, damit sie das nationale Durchschnittsgehalt erreichen.

Werden die Lebenshaltungskosten eingerechnet, liegt das Gehalt von LehrerInnen im Vergleich der Bundesstaaten auf dem letzten Platz. Das durchschnittliche LehrerInnengehalt ist in Arizona seit 2003 um 9.000 Dollar zurückgegangen. Steuererleichterungen für Unternehmen haben der Staatskasse im vergangenen Jahrzehnt vier Milliarden Dollar entzogen; die Ausgaben pro SchülerIn sind um 14 Prozent gefallen. Also ging die Eskalationskampagne weiter; die Arbeitsniederlegungen führten zur Schließung von Schulen in den 30 größten Distrikten des Bundesstaates.

#RedforEd

Die LehrerInnen Arizonas begannen ihre Bewegung mit einer ganz einfachen Aktion: Sie kleideten sich jeden Mittwoch »rot für die Bildung«. Die Idee war in der Twitter-Kommunikation zwischen einem Lehrer und dem Gewerkschaftsvorsitzenden des Bundesstaates während des Streiks in West Virginia aufgekommen. »Wir hatten drei Tage, das vorzubereiten, und wir bekamen tausende Bilder, aus fast jeder Schule«, sagt Karbginsky.

Seitdem sind stetig wachsende Teile Arizonas vom »Rot« erfasst worden. Zuerst waren es rote T-Shirts – getragen in der Schule, bei Demos anlässlich von Duceys Radioauftritten, bei Versammlungen vor dem Parlamentsgebäude, bei Wochenendausflügen in den Lebensmittelladen, auf Fußball- und auf Baseballfeldern. Rot gekleidete LehrerInnen standen an vielbefahrenen Straßen im ganzen Staat. Über eine volle Durchfahrtsstraße in Tucson berichtet der Highschool-Lehrer Jim Byrne: »An jeder Ecke über zehn Meilen gab es rote T-Shirts und hupende Autos.«

Als die Shirts nicht ausreichten, organisierten die LehrerInnen sich, um »den Staat anzumalen«.

»Alle sagten immer: wir brauchen eine Werbetafel«, sagt Rebecca Garelli, Mathe- und Naturwissenschaftslehrerin in der Siebten. »Ich meinte eher: Nein, brauchen wir nicht, wir haben alle fahrbare Werbetafeln« – nämlich Autos. »Ich bin losgegangen, hab mir im Baumarkt Fensterstifte gekauft, #RedforEd auf mein Auto geschrieben, ein Foto gemacht und gesagt: ›Gut, ich hab einen Arbeitsweg von 30 Meilen.‹ Da sind viele aufgesprungen, so weit, dass es hier in der Gegend keine rote Fensterfarbe mehr zu kaufen gab.«

Die LehrerInnen veranstalteten außerdem sogenannte morgendliche Walk-ins, bei denen sie sich vor der Schule trafen, um vor Arbeitsbeginn Flugblätter zu verteilen und dann geschlossen reinzugehen. In der Woche des Streiks, der an einem Donnerstag begann, gab es diese Walk-ins am Montag, Dienstag und Mittwoch. »Ich finde das eine ziemlich gute Idee, die Walk-ins an drei Tagen in Folge durchzuziehen«, sagt Byrne, »weil wir so unsere Botschaft an die Eltern und die SchülerInnen weitergeben können und da sind, falls es aus ihren Reihen Fragen gibt«.

Parallele Organisierungen

AEU hat schnell ein Kommunikationsnetz aufgebaut, einschließlich 1.000 »Vor-Ort-Verbindungen«. »Wir brauchten einen Vertreter oder eine Vertreterin in jeder Schule des Bundesstaates«, sagt Garelli, eine treibende Kraft der Gruppe. »Wir haben Leute gebeten, sich freiwillig zu melden, unabhängig davon, ob sie Mitglied der Vereinigung waren oder nicht.« Zu den Freiwilligen zählten nicht nur LehrerInnen, sondern auch BusfahrerInnen und Geistliche.

Diese Verbindungsleute wurden mit einem steten Fluss an Informationen und Materialien aus der zentralen Gruppe versorgt, etwa mit Petitionen, Kärtchen zur Dokumentation von Selbstverpflichtungen und Liederzetteln. Und es gibt eine Facebook-Gruppe mit 50.000 Mitgliedern, in der die Führungsgruppe von AEU Neuigkeiten weitergibt; eine kleinere, weniger zentral organisierte Diskussionsgruppe sowie lokale AEU-Facebook-Gruppen in jedem Distrikt.

Die Köpfe der AEU haben zum Ausdruck gebracht, dass sie »parallel« zur Lehrergewerkschaft, der Arizona Education Association arbeiten, die die Bewegung unterstützt. Manche der lokalen Verbindungsleute sind zugleich als Vertrauensleute der Gewerkschaft aktiv. Es waren die AEU-Verbindungsleute, die am 17. und 18. April Schule für Schule die Abstimmungen über die Arbeitsniederlegung durchführten. Aufbauend auf die Walk-Ins veranstalteten die Lehrkräfte »Vote-Ins«, bei denen sie sich vor Unterrichtsbeginn versammelten, um ihre Stimme abzugeben. In jeder Schule bauten die LehrerInnen ihre Wahlurnen selbst – Anleitungen dazu gab es in Videos auf der AEU-Facebook-Seite und in E-Mails an die Verbindungsleute – und schmückten sie mit den Logos ihrer jeweiligen Schule.

Zwei Wochen vor der Abstimmung berichteten die OrganisatorInnen von 110.000 TeilnehmerInnen bei den Walk-ins in 1.100 Schulen. Eine Petition mit den oben genannten Forderungen von AEU gewann 35.000 weitere Unterschriften. Schließlich gaben 57.000 LehrerInnen und weitere Beschäftigte ihre Stimme zur Arbeitsniederlegung ab – 78 Prozent waren dafür. Der Termin wurde auf eine Woche später gelegt. Am 26. April, dem ersten Tag des Streiks, liefen 75.000 LehrerInnen und UnterstützerInnen, allesamt in Rot gekleidet, durch Phoenix.

Die Lorbeeren dafür gebühren den Energien, die an der Basis freigesetzt wurden. »Es gibt immer noch Leute, die mir Nachrichten wie diese schreiben: ›Ist es in Ordnung, wenn ich dies oder das …?‹«, sagt Garelli. »Ich antworte dann: ›Was meinst Du? Frag nicht! Leg los!‹ Graswurzel heißt Loslegen!«

Jonah Furman

  • Übersetzung: Stefan Schoppengerd
  • Quelle: Labor Notes, Online-Ausgabe vom 27. April 2018

Siehe auch:

  • »Sturm in der Staubglocke« – Neun Tage Streik der LehrerInnen Oklahomas
    Artikel von Samantha Winslow, erschienen in express, Zeitung für sozialistische Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit 5/2018 über Ziele und ein offenes Ende
  • »Lehren aus dem Lehrerprotest« – Klassenkämpfe um Klassenzimmer
    Artikel von Samantha Winslow, erschienen in express, Zeitung für sozialistische Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit 5/2018