Die ungarische Regierung setzt ihren Feldzug gegen wissenschaftliche Forschung fort: Jetzt unter anderem gegen die Akademie der Wissenschaften

Georg Lukacs 1952„… Die Ölgemälde der Altvorderen schmücken viele Wände, doch mit der Ruhe ist es vorbei. Die Akademie ist ins Fadenkreuz der Regierung von Ministerpräsident Viktor Orbán geraten – und sie wehrt sich nun nach Kräften. Zu Monatsbeginn hat die regierende Fidesz-Partei einen Gesetzentwurf in das von ihr mit Zweidrittelmehrheit beherrschte Parlament eingebracht, das eine Abtrennung der Forschungsinstitute von der Akademie vorsieht. Sie sollen in einem neuen Netzwerk mit dem Kürzel ELKH zusammengefasst werden, das dann unter Kontrolle der Regierung stünde. Geführt werden soll dieses Gebilde dann von einem Gremium, dessen Mitglieder allesamt von Orbán ernannt werden. Auch das Budget dieses Netzwerks soll von der Regierung festgesetzt und zugewiesen werden. Offiziell argumentiert wird mit einer nötigen Effizienzsteigerung. Die Wissenschaft müsse künftig stärker den wirtschaftlichen Interessen des Landes dienen, heißt es. Die Kontrolle durch die Politik wird damit gerechtfertigt, dass das Forschungsnetzwerk zeigen müsse, “dass es nicht sich selbst, sondern dem öffentlichen Wohl dient”. Kritiker und Betroffene sehen darin jedoch einen Schlag gegen die Freiheit von Wissenschaft und Forschung in Ungarn sowie einen weiteren Versuch der rechtsnationalen Regierung, möglichst alle Bereiche des öffentlichen Lebens auf Linie zu bringen…“ – aus dem Beitrag „Fidesz-Partei setzt Wissenschaftseinrichtung unter Druck“ von Peter Münch am 18. Juni 2019 in SZ online externer Link, worin unter anderem auch noch darauf verwiesen wird, dass dies eben „nur“ ein weiterer Schritt ist, den die regierende ungarische Rechte zur Gleichschaltung der Wissenschaften unternimmt… Siehe dazu auch einen Beitrag über eine Maßnahme gegen ein Geschichtsinstitut und die Verweise auf frühere Beiträge zu diesem Feldzug Orbans & Co:

  •  „Ungarns Wissenschafter proben den Aufstand“ von Ivo Mijnssen am 16. Juni 2019 in der NZZ online externer Link über Gründe für den Widerstand Betroffener eben nicht zufällig in inzwischen allen Bereichen der Gesellschaftswissenschaften: „… Doch das Institut für 1956 stand in den letzten 20 Jahren immer wieder unter dem Beschuss Viktor Orbans und seiner Vertrauten. Bereits 1999 kürzte seine erste Regierung ihm die Zuschüsse, und 2012 wurde es der Nationalbibliothek unterstellt – ohne seine Unabhängigkeit ganz zu verlieren.  Das Institut «Veritas» hingegen wurde 2013 durch ein Dekret Orbans gegründet mit dem Ziel, die Geschichte der letzten 150 Jahre «wahrheitsgetreu» und im Interesse der ungarischen Nation zu schreiben. Seine Mitarbeiter fielen mit kontroversen Äusserungen auf, in denen sie etwa Ungarns Kollaboration mit dem Naziregime im Zweiten Weltkrieg relativierten. Es steht auch der revisionistischen Historikerin Maria Schmidt nahe. Diese ist Leiterin des «Hauses des Terrors» in Budapest und koordinierte 2016 das offizielle Jubiläum des Ungarnaufstands. Sie geriet wegen falscher Angaben zu angeblichen Helden in Konflikt mit dem Institut für 1956. Schmidt betont dabei stets den Beitrag nationalistischer Freiheitskämpfer, verschweigt aber die führende und letztlich tragische Rolle von Reformkommunisten wie Imre Nagy. Laut dem mythologisierend-patriotischen Geschichtsbild, das die Regierung heute im Land propagiert, fanden weder Faschismus noch Kommunismus irgendeine Resonanz im Volk. Diese inhaltlichen Differenzen sind jedoch nur ein Aspekt. Ebenfalls eine Rolle spielt wohl der Wille, das öffentliche Geld von eigenständigen und zuweilen kritischen Institutionen zu loyalen umzuleiten. Dies zeigt sich auch in der Kampagne, welche die Regierung seit einem Jahr gegen die Akademie der Wissenschaften (MTA) führt…“