Über 600 Festnahmen im tunesischen Notstand gegen Erwerbslosenproteste – die weiter gehen

„Die Polizei spricht jeden Abend um 20 Uhr zu Euch“: ein Pariser Plakat vom Mai 1968 wird für Tunesien wiederverwertetBei den schwersten sozialen Unruhen in Tunesien seit dem Ausbruch des arabischen Aufstands vor fünf Jahren haben Sicherheitskräfte knapp 600 Menschen festgenommen. Sie sollen in den vergangenen Tagen in Akte von »Vandalismus und Gewalt« verwickelt gewesen sein, erklärte das tunesische Innenministerium am Sonntag. Nach der Verhängung einer nächtlichen Ausgangssperre habe es am Freitagabend in einigen Regionen noch Zusammenstöße gegeben, das Wochenende über sei aber Ruhe eingekehrt. Die teilweise gewaltsamen Proteste gegen die schlechte wirtschaftliche Lage und hohe Arbeitslosigkeit hatten vor einer Woche in Kassérine im Westen des Landes begonnen. Sie dehnten sich in der Nacht zum Freitag auf mehrere Regionen des nordafrikanischen Landes aus. Demonstranten griffen nach Behördenangaben in mehreren Städten Posten der Polizei an und setzten deren Wagen in Brand“ – aus „Knapp 600 Festnahmen nach sozialen Protesten in Tunesien“ am 24. Januar 2016 in neues deutschland externer Link, worin auch noch darauf verwiesen wird, dass der Staatspräsident – so originell wie klug – ausländische Kräfte verantwortlich macht. Siehe dazu auch zwei Beiträge zu den inländischen Ursachen (unter anderem auf unsere Anfrage übersetzt von den FreundInnen von Tlaxcala, vielen Dank dafür) sowie je einen Bericht über einen beschlossenen, aber nicht durchgeführten Generalstreik und den aktuellen Stand:

  • „Tunesien, Januar 2016: ein Volk unter Hausarrest“ von Rym Ben Fradj externer Link (bei Tlaxcala übersetzt am 26. Januar 2016 von Milena Rampoldi), worin es unter anderem heißt: „Zwischen 20 und 5 Uhr wegen der Sperrstunde zum Hausarrest gezwungen, werden wir somit zum Zappen verdonnert: Man hat die Wahl zwischen Burhan Bsaies, Mariem Belkadhi und Mohamed Boughalleb, den drei Chef-Manipulatoren. Sie sind dort, in den Studios, um das Gerede der eingeladenen Bullen zu unterstützen und zu rechtfertigen. Und hinzu ziehen sie die berühmte „unsichtbare Hand“ hervor, die die Fäden der Aufstände zieht, die die Stabilität (?) und den Wohlstand (?) des Landes bedrohen. Und so werden die Arbeitslosen mit oder ohne Studienabschluss in diabolische Marionetten und kleine Dämonen verwandelt werden, die man zertreten muss. Es ist alles so grob, dass man sich fragt, ob sie auch wirklich so doof sind, um uns auch wirklich für doof zu halten
  • „Peaceful protests continue throughout the country“ von Vanessa Szakal am 25. Januar 2016 bei Nawaat externer Link – nicht nur ein aktueller Überblick vom Montagabend über die weitergehenden Proteste, sondern auch mit einem konkreteren Demonstrationsbericht aus Sidi Bouzid, zu der die Vereinigung der erwerbslosen AkademikerInnen, der Gewerkschaftsbund UGTT und die tunesische Menschenrechtsliga aufgerufen hatten und mit einer (englischen) Übersetzung der öffentlichen Erklärung der Aktiven des Sit-Ins von Kasserine über die Fortsetzung der Proteste