Die Hungerstreikenden von Ankara: Überfallen, festgenommen, misshandelt – Erdogans Prügelgarden im Sinne ihres ängstlichen Führers, jeder Protest sei Terror

Die Hungerstreikenden von Istanbul am 50. Tag75 Tage lang waren die Universitätsdozentin Nuriye Gülmen und der Lehrer Semih Özakca im Hungerstreik. Sie sind nur zwei der Zehntausenden von Akademikern, die im Rahmen von Erdogans Krieg gegen Oppositionelle ihre Jobs verloren haben. Davon abgesehen, dass all diese Personen nicht mehr im öffentlichen Dienst arbeiten können, haben sie auch sonst kaum noch Chancen, wieder Arbeit zu finden. Denn da ihre Namen öffentlich verkündet werden, ist bei den meisten Arbeitgebern die Angst groß, selbst auf der Abschussliste zu landen, wenn sie jemanden beschäftigen, der beim Staat in Ungnade gefallen ist“ – so beginnt der Bericht „Türkische Akademiker: Entlassung, Hungerstreik, Haft, Folter“  von Gerrit Wustmann am 23. Mai 2017  bei telepolis externer Link, worin die Information über die aggressive Feigheit des Erdogan-Regimes ergänzt wird: „In den vergangenen zwei Wochen wurde das Protestcamp fast in jeder Nacht von der Polizei angegriffen, Demonstranten verhaftet. Doch alle Versuche, den Hungerstreik zu beenden, schlugen fehl. Am vergangenen Sonntag dann wurden die beiden sichtlich geschwächten Akademiker abgeführt, nachdem Spezialeinheiten ihre Wohnungen gestürmt hatten. Ihre Anwälte mutmaßten, der Staat habe Angst davor, dass sich der Protest ausweiten könnte. Der Gezi-Aufstand ist für die AKP noch immer eine unangenehme Erinnerung, sie will um jeden Preis verhindern, dass es erneut zu landesweiten Massendemonstrationen kommt und setzt daher auf Willkür und Repression. Am Tag ihrer Festnahme verkündete Gülmen via Twitter, sie werde sich nicht ergeben. Inzwischen wurden auch Özakcas Mutter und seine Ehefrau festgenommen, als sie gegen die Festnahmen der beiden protestierten“. Siehe dazu fünf weitere Berichte über Repression und Widerstand:

  • „Angst vor neuen Gezi-Protesten“ von Nick Brauns am 23. Mai 2017 in der jungen welt externer Link, worin es heißt: „Die Staatsanwaltschaft hatte die nun erfolgten Festnahmen mit der Begründung angeordnet, der unbefristete Hungerstreik könne zu einem Todesfasten werden und damit möglicherweise Demonstrationen wie während der Gezi-Proteste auslösen. Im Sommer 2013 hatten der Plan der Bebauung des Gezi-Parks im Herzen Istanbuls mit einem Einkaufszentrum sowie ein brutaler Polizeieinsatz gegen »Baumschützer« wochenlange Proteste von Millionen Menschen in der ganzen Türkei ausgelöst. Sie wandten sich gegen die autoritäre Herrschaft der religiös-nationalistischen Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung, AKP.  »Sie können die Tür aufbrechen, aber den Widerstand brechen sie nicht«, richtete Nuriye Gülmen ihren Unterstützern aus. In den vergangenen Wochen war die Solidarität mit den Hungerstreikenden im In- und Ausland angewachsen“.
  • „Massenentlassungen in der Türkei verletzen Menschenrechte“  am 22. Mai 2017 beim Deutschlandfunk externer Link ist eine Meldung über die Stellungnahme von amnesty international zu Erdogans Säuberungskampagne, worin es heißt: „Die Maßnahmen seien willkürlich und politisch motiviert, heißt es in dem Amnesty-Bericht. Das Recht auf ein ordnungsgemäßes Verfahren und das Diskriminierungsverbot von Zehntausenden Menschen würden missachtet. Darunter seien Militärs, Polizisten, Lehrer, Akademiker und Ärzte. Oftmals seien die Kündigung nicht individuell begründet“.
  • „Turkish court sentences editors to 22 years“ am 22. Mai 2017 bei Turkish Minutes externer Link ist die Meldung über das Urteil gegen Cevheri Güven und Murat Çapan, beide Herausgeber des Magazins Nokta zu 22 Jahren und sechs Monaten Gefängnis durch einen mehr als schäbigen Istanbuler Richter „wegen Aufrufs zum bewaffneten Aufstand“ – die Zeitschrift war eine der vielen gewesen, die im Juli 2016 im Zuge der Operation „stumme Opposition“ des Erdogan-Regimes geschlossen worden war.
  • „Zeitung erscheint mit leeren Seiten“ am 20. Mai 2017 bei Zeit-Online externer Link ist ein Bericht über die Sonderausgabe der Zeitung Sözcü zur Pressefreiheit in der Türkei, die ausschließlich mit leeren Seiten erschien. Darin wird gemeldet: „Sözcü ist mit einer Auflage von 270.000 Exemplaren die drittgrößte Zeitung der Türkei.  Am Tag zuvor waren zwei Zeitungsmitarbeiter festgenommen worden. Zunächst war der Verantwortliche für den Onlineauftritt der Zeitung, später ein Korrespondent aus der westtürkischen Metropole Izmir in Polizeigewahrsam genommen worden, wie die Nachrichtenagentur DHA am Freitagabend meldete“.