In der Türkei beginnt 2019, wie 2018 und all die Jahre davor: 155 Todesopfer kapitalistischer Ausbeutung

Istanbul Juli 2015: Protest gegen Rekord an tödlichen Arbeits-UnfällenDie Zahl der tödlichen Arbeitsunfälle ist in der Türkei so hoch wie in kaum einem anderen Land. Die meisten Opfer sind prekär Beschäftigte. Die Gewerkschaften sprechen daher von „Arbeitsmorden“. Der gewerkschaftsnahe Verband für Arbeitsplatzsicherheit (İşçi Sağlığı ve İş Güvenliği, İSİG) hat im ersten Monat des neuen Jahres 155 tödliche Arbeitsunfälle gezählt. Die „Arbeitsmorde“ gehören in der Türkei zum Alltag und zeigen die dunkle Seite des türkischen Wirtschaftsbooms, in dem die industrielle Produktion seit Jahren zurückgeht. Allein im letzten Jahr starben in dem Land mindestens 1923 Menschen bei der Arbeit. Die meisten tödlichen Unglücke ereignen sich in der Baubranche. Seit dem Amtstritt der Regierungspartei AKP hat İSİG mehr als 22.000 tödliche Arbeitsunfälle gezählt, was einem Massenmord an Arbeiter*innen gleichkommt. Die vom türkischen Arbeitsministerium veröffentlichen Zahlen fallen allerdings deutlich niedriger aus. (…)Bei elf der im Januar tödlich verunglückten 155 Arbeiter*innen handelt es sich um Frauen, zehn der Getöteten waren Kinder zwischen drei und 14 Jahren und weitere 19 Menschen Flüchtlinge oder Migrant*innen. Nur zwei Prozent der im Vormonat tödlich verunglückten Arbeiter*innen waren gewerkschaftlich organisiert. Die regierende AKP hatte das Jahr 2018 zum „Kampfjahr gegen Kinderarbeit“ erklärt. Allein in den ersten elf Monaten des vergangenen Jahres starben mindestens 66 Kinder bei der Arbeit. Laut İSİG sei es das Jahr mit den meisten Kinderarbeiter*innen, die tödlich verunglückten. „Diese Tatsache verdeutlicht nur, dass die AKP lediglich Propaganda betreibt und nicht anstrebt, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen“, kritisiert İSİG…“ – aus der Meldung „Mindestens 155 „Arbeitsmorde” im Januar in der Türkei“ am 04. Februar 2019 bei der ANF externer Link, worin auch noch darüber informiert wird, dass Istanbul an der Spitze der tödlichen Bilanz steht… Siehe dazu auch einen Hintergrundbeitrag über den Todesfeldzug des (auch bundesdeutschen) Kapitals in der Türkei:

  • „Ein unsichtbarer Krieg“ von Nelli Tügel am 15. Januar 2019 bei analyse&kritik externer Link (Ausgabe 645) zu den Berichten über diese Entwicklung des Krieges gegen die Arbeiterinnen und Arbeiter in der Türkei, wie sie eine Gewerkschaftsdelegation auf einer Rundreise in der BRD gab, unter vielem anderen: „2002 wurde die AKP an die Regierung gewählt und leitete zunächst mit Unterstützung des Internationalen Währungsfonds Wirtschaftsreformen in dem damals schwer krisengebeutelten Land ein – darunter die größten Privatisierungsprogramme der türkischen Geschichte. Seitdem starben in dem Land 20.000 Menschen bei 2,03 Millionen Arbeitsunfällen, Zehntausende trugen Behinderungen davon. Zum Vergleich: In Deutschland gab es laut der deutschen gesetzlichen Unfallversicherung im selben Zeitraum 8.558 Arbeitsunfälle bei 44,3 bis 44,8 Millionen Erwerbstätigen. Zählt man alle mit, gibt es in der Türkei etwa 31,3 Millionen Erwerbstätige. Ein entscheidender Unterschied ist zudem: Während in Deutschland die Zahl der Arbeitsunfälle stagniert beziehungsweise zurückgeht, steigt sie in der Türkei seit 2003 deutlich an. Gewerkschaftsangaben zufolge gab es 2003 76.668 Arbeitsunfälle – und 2017 mit 359.653 Unfällen fast fünf Mal so viele. Bekannt wurden – neben der Flughafenbaustelle, auf der offiziellen Angaben zufolge 52 Arbeiter ihr Leben ließen, die Gewerkschaft spricht von deutlich mehr – in den vergangenen Jahren auch die 301 toten Kumpel, die beim Minenunglück von Soma starben. In Soma brach sich 2014 indes nicht nur Trauer Bahn, sondern vor allem Wut. Diese Wut ist auch Aslan von Gida-Is deutlich anzuhören, als er sagt: »Nicht ein einziger Arbeitgeber wurde je verurteilt, nicht einer.« Warum nicht? »Es wird Druck auf die Familien ausgeübt«, erklärt er. Ihnen werde beispielsweise etwas Geld gezahlt, damit sie Anzeigen zurückziehen. Gilt die Geringschätzung von Arbeitsschutz auch für deutsche Firmen in der Türkei? »Die Firmen achten in Deutschland Arbeitnehmerrechte, in der Türkei achten sie sie nicht«, so Aslan. Derzeit sind mehr als 7.100 deutsche Firmen in der Türkei ansässig. Wie die Zahl der Arbeitsunfälle ist auch die Anzahl der deutschen Niederlassungen und Unternehmensbeteiligungen stark angestiegen, seit die AKP an der Macht ist. Zu ihnen gehören große Firmen wie Bosch oder Daimler. Diese Firmen sind Teil des unsichtbaren Krieges, den das Kapital in Zusammenarbeit mit der AKP-Regierung gegen Gewerkschaften, Arbeiterrechte führt – und letztlich auch gegen Menschen, die mit ihrem Leben bezahlen müssen. Sie – also die Kapitalisten – halten gut zusammen, findet Durmus von der Journalistengewerkschaft. Die Regierungen der beiden Länder sowieso. Er und seine Kolleg_innen sind also nicht zufällig nach Deutschland gekommen, um hier das Gespräch mit Gleichgesinnten und Gewerkschaften zu suchen. Vielmehr geht es darum, sich etwas abzuschauen von dem, was Unternehmer und Regierungen ganz gut hinkriegen. Es geht um eine Wahrheit, die banal klingt, es aber keineswegs ist: »Wenn die sich zusammentun, müssen wir das auch tun«…“

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