Der „Mittwoch der Entscheidung“ im Sudan? Regime und Berufsverbände riefen zu Demonstrationen auf – Überfälle der Polizei auf Demo und Krankenhäuser

Nach sechs Tagen Proteste im ganzen Sudan erreichte die Bewegung auch die Hauptstadt Khartoum: Das Regime ist gut ausgerüstet - nicht zuletzt durch berlin...Von nicht wenigen Beobachtern der Entwicklung im Sudan – offensichtlich weniger von den Beteiligten selbst – war am Mittwoch, 09. Januar 2019 eine Art Entscheidung über die Zukunft der Bewegung im Sudan erwartet worden, die längst von einer Protestbewegung gegen die Teuerung zu einer geworden ist, die den Sturz des Regimes fordert. Viel Aufmerksamkeit fand dabei der Aufruf der Regierung, an diesem Tag in der Hauptstadt Khartum für sie zu demonstrieren, um eine Absage an die „Verräter“ deutlich zu machen, die die Proteste nach Ansicht des Regimes lanciert haben sollen. Diese Unterstützungsbekundung ist nicht besonders gut gelungen: Die Zahl der Menschen, die daran teilnahm, war jedenfalls weitaus geringer, als jene der Anti-Regime Demonstration in der Nachbarstadt Omdurman. Für diese Demonstration hatten, außer einem heterogenen Parteienbündnis und den Berufsverbänden, auch erstmals traditionelle gewerkschaftliche Organisationen – die in der Vergangenheit im Sudan immer eine wichtige Rolle inne hatten – mobilisiert, wie auch verschiedene Kräfte der politischen Linken deutlicher sichtbar agierten, als es bisher der Fall gewesen war. Zu den Protesten und Jubelarien am Mittwoch und ihren Folgen mehrere aktuelle Beiträge und der Hinweis auf den bisher letzten unserer zahlreichen Berichte:

„Future unclear as Sudan protesters and president at loggerheads“ von Arwa Ibrahim am 08. Januar 2019 bei Al Jazeera externer Link ist ein Beitrag vom Mittwoch, an dem in Khartum für und in Omdurman gegen das Regime demonstriert wurde. Darin wird eine Weichenstellung an diesem Tag erwartet, die dann so nicht eingetreten ist. Verschiedene Sprecher oppositioneller Parteien kommen darin zu Wort, die nicht daran vorbeikommen, die Rolle der Berufsverbände zu betonen.

„Sudan’s Omar al-Bashir vows to stay in power as protests rage“ am 09. Januar 2019 ebenfalls bei Al Jazeera externer Link ist ein Bericht vom Tag zuvor, in dem die Zahl der TeilnehmerInnen der pro-Regime-Demonstration mit „mehreren Tausend“ angegeben wird, ohne genauer zu werden. Bashir betonte seine Kampfbereitschaft gegen jene, die im Dienste ausländischer Mächte stünden…

„9 January 2019, Omdurman witnessed the largest popular march with over 20,000 protestors demanding NCP and Bashir to go” am 09. Januar 2019 beim Twitter-Kanal Sudan change now externer Link ist ein Videobericht von der Demonstration in Omdurman, an der sich rund 20.000 Menschen beteiligten, die abermals das Ende des Regimes forderten. Wenige Augenblicke nach diesen Aufnahmen überfiel die Polizei auch diese Demonstration und eröffnete das Feuer – und überfiel später auch noch, auf der Suche nach verletzten Demonstranten mehrere Krankenhäuser, wobei Ärzte misshandelt und Patienten verschleppt wurden.

“Soudan: La grève générale est l’arme la plus puissante“ von Houssam Al Hamlaoui, am 05. Januar 2019 bei Europe Solidaire externer Link dokumentiert (in der Übersetzung von Luiza Toscane) ist die Stellungnahme eines Sprechers der revolutionären Sozialisten zur Debatte darum, welche Kampfformen am besten geeignet seien, den Sturz des Regimes Bashir voran zu bringen. Während offensichtlich eine wachsende Zahl Aktiver daran denkt, eine Massenversammlung im Stil des Tahrir-Platzes in Kairo 2011 zu organisieren, vertritt der Autor die Notwendigkeit – und Wirksamkeit – eines Generalstreiks.

„Alliance statement: Solidarity with the popular uprising in Sudan“ am 08. Januar 2019 bei der Allianz nahöstlicher revolutionärer Sozialisten externer Link ist Solidaritätsaufruf und aktuelle Analyse in einem. Die Berufsverbände und Gewerkschaften, insbesondere des Gesundheitswesens, hätten bei der Organisation der Proteste eine wesentliche und wachsende Rolle gespielt – und würden deshalb, unter anderem durch eine Reihe von Festnahmen leitender Aktivisten in den letzten Tagen, zunehmend verfolgt. Dies betreffe ebenso diverse linke Gruppierungen, insbesondere aber die KP des Sudan. Im weiteren wird unterstrichen, dass die Politik des Regimes in den drei Jahrzehnten seiner Macht immer wieder darin bestanden habe, ethnische Differenzierungen anzuheizen und für sich auszunutzen, was diesmal unbedingt verhindert werden müsse.

„SudanUprising Germany“ externer Link  (Facebook) ist eine Unterstützerseite (die es auch in anderen Ländern gibt), die unter anderem mehrere Videoberichte von den Protestdemonstrationen der letzten Tage publiziert hat. Es wurde auch bereits zu Veranstaltungen und Solidaritätsaktionen unter anderem in Berlin aufgerufen.