Willkür in andalusischen Nahrungsfabriken: Solidaritätsbrigade unterstützt den Widerstand gegen die Arbeitsbedingungen – auch bei Zulieferern bundesdeutscher (Bio)Supermärkte

Dossier

almeriaSchon an unserem ersten Tag in Almería besuchten wir Biotec Family, um die Arbeiter*innen bei der Bewerbung der Betriebsratswahlen zu unterstützen, die am nächsten Tag anstehen sollten. Die Arbeiter*innen der Abpackhallen von Biotec Familiy waren vor einigen Monaten aufgrund von Arbeitsrechtsverletzungen auf die SAT zugekommen. Der Mindestlohn wurde teilweise nicht korrekt ausgezahlt. Außerdem gab es Probleme mit dem Vorgesetzten, der mit dem Auswechseln der Belegschaft drohte. SAT Mitglieder beklagen, dass ihre Arbeitszeiten ohne Lohnausgleich gekürzt werden. Nach einem erfolgreichen Arbeitskampf, bei dem die korrekte Auszahlung des Mindestlohns erkämpft wurde, entschieden sich die Arbeiter*innen dazu, einen Betriebsrat zu wählen. Wir begleiteten die Betriebsratswahlen letzten Dienstag als Beobachter, um gemeinsam mit der Gewerkschaft sicherzustellen, dass die Wahlen rechtmäßig abgehalten werden. Die Liste von den bei der SAT organisierten Arbeiter*innen schnitt bei den Wahlen sehr gut ab. Mit 5 von 9 Sitzen stellen sie nun die Mehrheit im Betriebsrat. (…) Die Arbeiter*innen von Campo J. berichten von ähnlichen  Verhältnissen. Hierbei handelt es sich um ein großes Unternehmen, das deutsche Supermarktketten wie Edeka, real, ALDI oder Kaufland beliefert – auch mit Demeter-zertifizierten Bioprodukten. In diesem Unternehmen wird der Mindestlohn und Zuschüsse für Transport et cetera nicht ausgezahlt sowie Pausenzeiten nicht gewährleistet. Die Arbeiter*innen erfahren eine schlechte Behandlung durch ihre Vorarbeiter*innen und der Arbeitsschutz ist mangelhaft...“ – aus dem „1. Bericht der Brigade „Meena Keshwar Kamal““ am 13. März 2019 bei den Interbrigadas externer Link über die aktuelle Solidaritätsreise nach Andalusien (worin auch noch einleitend über die Gründe für die Namensgebung informiert wird) und die Zustände in einer Reihe besuchter Unternehmen… Siehe dazu:

  • Arbeitskämpfe verbinden und praktische Solidarität stärken – 3. Bericht der Brigade New
    Der 3. Bericht der Brigade “Meena Keshwar Kamal”“ am 18. April 2019 bei den Interbrigadas externer Link unterstreicht unter anderem: „Am Tag der Demonstration empfingen uns viele freudige und bekannte Gesichter am zentralen Kreisverkehr in Campohermoso. Es versammelten sich überwältigend viele Menschen in einem kraftvollen und stimmungsgeladenen Demozug, den wir mit unser roten Saida als Lautsprecherwagen unterstützten. An der Spitze der Demonstration lief ein gut sichtbarer Frauen*block, der zusammen mit den Redner*innen vom Lauti einen lautstarken Protest formte. Mit Vertreter*innen der Partei Podemos, der Gewerkschaft CNT und Unterstützug von andalusienweit angereisten SAT-Mitgliedern liefen wir die Strecke von Campohermoso nach San Isidro. Mit schätzungsweise 2000 Personen, lauten Parolen und einem bunten Flaggen- und Schildermeer zog die Demo noch weitere umher stehende Menschen an. Auch der passierende Autoverkehr stimmte mit einem Hupkonzert ein. In San Isidro wurde die Demonstration von vielen am Straßenrand wartenden Gruppen empfangen, sodass die polizeiliche Schätzung von 3000 Demonstranten zeitweise realistisch scheint. In starken Redebeiträgen von Arbeiter*innen und Gewerkschaftsmitgliedern auf spanisch, arabisch und französisch fand die Demo auf dem Vorplatz der Kirche einen fulminanten Abschluss…“
  • [Video und Petition] Über die Arbeitsbedingungen für Migrantinnen in der andalusischen Landwirtschaft
    Als Ergänzung zum 1. Bericht der Brigade Meena Keshwar Kamal zu den Arbeitsbedingungen in der andalusischen Landwirtschaft nun ein Video derselben Brigade „Abuso y maltrato laboral en tres actos“  am 19. März 2019 bei You Tube externer Link eingestellt – drei Akte der alltäglichen Ausbeutung, die so eingeleitet werden: „Was du im Folgenden siehst, sollte nie an einem Arbeitsplatz passieren. Damit wollen wir weder eine Verallgemeinerung vornehmen noch das Bild von anständigen Bauern auf den Feldern Andalusiens beflecken. Diese Art von Misshandlung, von schamloser Ausbeutung durch einige sogenannte Geschäftsleute ist leider weit verbreitet, weshalb wir sie ein für allemal aus der Arbeitswelt verbannen müssen. Von hier aus rufen wir die Arbeitsaufsicht auf mit Nachdruck zu handeln, die Regierung mehr technische und menschliche Kräfte zur Kontrolle der Arbeitsplätze zu finanzieren…“ – der Text geht weiter und führt zu einer Petition externer Link, die zu unterzeichnen selbstverständlich sein müsste…
  • Prekarität hat viele Gesichter – 2. Bericht der Brigade “Meena Keshwar Kamal”
    Unsere regelmäßigen Gewerkschaftsaktionen (acciones sindicales) finden zumeist bei Sonnenaufgang zwischen den endlosen Weiten der Gewächshäuser statt. Dass dies nicht das einzige Arbeitsfeld der SOC-SAT ist, zeigt unsere Informations- und Protestaktion in der vergangenen Woche. Wir unterstützten zweimal den Protest von Arbeiter*innen vor einer Schule in Retamar, einer kleinen Stadt in der Nähe von Almeria. Zwei Frauen, die während der Mittagspausen auf die Kinder aufpassen, hatten die Gewerkschaft wegen ihrer schlechten Arbeitsbedingungen kontaktiert. Ihre Tätigkeiten werden weit über die vertraglich festgelegten Arbeitsfelder ausgeweitet. Tätschlich müssen sie das Essen vorbereiten und putzen nach ihrer Schicht noch eine halbe Stunde ohne Bezahlung. (…) Für die Beschäftigung in Akkordarbeit gelten in Spanien enge Regeln. So muss vertraglich genau festgehalten werden, wie bezahlt und in welchem Arbeitsfeld gearbeitet wird. Gleichzeitig muss die Vergütung der Arbeiter*innen mindestens einer Bezahlung nach Mindestlohn entsprechen. Aus unternehmerischer Sicht ist die Akkordarbeit eine Maßnahme, um Arbeiter*innen zu einer sehr hohen Arbeitsleistung zu motivieren und eine hohe Flexibilitat zu behalten. Die eigentlich strengen Regeln für die Akkordarbeit werden von den Unternehmer*innen übergangen und die Beschäftigungsmodelle nach Stundenlohn und Akkordarbeit gegeneinander ausgespielt. Dies führt bei den Arbeiter*innen zu einem sehr hohen physischen und psychischem Druck, da sie viele Überstunden unter harten Bedingungen arbeiten. Eine betriebsinterne Strategie ist es, Arbeiter*innen zur Bestrafung übergangsweise zur Arbeit nach Stundenlohn einzusetzen. Dabei werden ihnen nur wenige Arbeitsstunden zugeteilt und sie kommen nicht auf ihren normalen Lohn, obwohl das nicht in ihren Arbeitsverträgen festgehalten ist. Weiterhin sind sowohl das Lohnniveau als auch der Akkordlohn so niedrig, dass die Arbeiter*innen für ihre Arbeit nicht den Mindestlohn erhalten. Die finanzielle Situation der Arbeiter*innen würde sich wesentlich verbessern, wenn ein Gehalt nach Stundenlohn ausgezahlt wird, denn dann müssten Überstunden und Feiertage auch als solche ausgezahlt werden…” 2. Bericht vom 22.3.2019 bei den Interbrigadas externer Link