Opel Saragossa: Erpressung (knapp) gelungen. Unternehmen dankt Mehrheitsgewerkschaften

Opel Protest Saragossa gegen Lohnverzichtsvertrag - nur Minderheitsgewerkschaften riefen Ende Januar 2018 dazu aufVon einem Verzichtsvertrag zum nächsten – das ist die Wirklichkeit der Automobilindustrie (nicht nur) in Spanien. Nicht etwa, dass darauf verzichtet würde, Autos zu bauen – im Gegenteil. Es sollen ja mehr werden, mit weniger Personal, das länger arbeitet und weniger verdient. Und die untermauernde Drohung kam weder verblümt, noch diplomatisch, sondern offen, direkt und zynisch: Wird der Verzichtstarif nicht unterschrieben, wird anderswo produziert. (In Vigo beispielsweise, wo die Produktionskosten – laut Unternehmen UND Gewerkschaften – 17% niedriger ausfallen). Die 5.400 Vollzeit-Beschäftigten des Werkes in Saragossa waren am 30. Januar 2018 aufgerufen, über einen entsprechenden Verzichtsvertrag, den die beiden Mehrheitsgewerkschaften CCOO und UGT unterzeichnet hatten, abzustimmen. Die beiden Gewerkschaften und das Unternehmen erhielten exakt 2.897 Ja-Stimmen, 2008 Gegenstimmen wurden verzeichnet, weitaus mehr, als jemals in der Vergangenheit. Und die beiden Mehrheitsgewerkschaften, die bei der letzten Gewerkschaftswahl im Betrieb rund 3.300 Stimmen erhalten hatten, kamen erst recht angesichts des Verlustes unter der eigenen Anhängerschaft mächtig ins Schwitzen: PSA-Opel habe, so die auch anderswo nicht unbekannte Behauptung, nicht bekommen, was es gewollt habe, natürlich Dank ihres eigenen gewerkschaftlichen Einsatzes. Peinlich, dass das Unternehmen das gerade andersherum sieht und ihnen für ihren Einsatz dankte. Die Minderheitsgewerkschaften CGT (700 Stimmen bei der Gewerkschaftswahl) und OSTA (Regionalgewerkschaft Aragon, 400 Stimmen) hatten ihre Ablehnung des Vertrages erklärt und zum Nein aufgerufen – und eine betriebliche Vollversammlung gefordert, die mit allen Mitteln verhindert wurde. Siehe in der Materialsammlung zum „Musterfall“ Opel Saragossa zwei Medienberichte und 4 gewerkschaftliche Beiträge unterschiedlicher Ausrichtung, einen Hintergrundbeitrag zur Entwicklung der Autoindustrie in Spanien – sowie den Hinweis auf unseren Beitrag zum letzten mehrjährigen Verzicht in Saragossa im Jahr 2013:

„Los trabajadores de Figueruelas ratifican el acuerdo que salva la planta de Opel“ von Roberto Perez am 31. Januar 2018 bei ABC externer Link ist der Bericht über das Abstimmungsergebnis zugunsten von Lohneinschränkungen für die nächsten 5 Jahre – ein Bericht, der schon in der Überschrift seine ideologische Position deutlich macht, indem berichtet wird, das Werk in Saragossa sei hiermit „gerettet“ (ohne ein Wort über den letzten 5 Jahres Verzicht – und „selbstverständlich“ ohne einzugestehen, dass die Position der Unternehmensleitung eingenommen wird). Darin wird auch klar gemacht, dass neben Unternehmen und Mehrheitsgewerkschaften auch Zentral- und Provinzregierung die Belegschaft zum Verzicht aufgefordert hatten, auch im „Interesse der 3.500 Beschäftigten in Zulieferbertieben“…Konkret sieht der Vertrag vor, dass 2018 die Löhne eingefroren bleiben, danach zwei Jahre lang die Anpassung auf maximal 50% der Inflationsrate begrenzt wird und weitere zwei Jahre auf 60%. In einem anderen Beitrag des Unternehmerblattes werden die „Ersparnisse“ während der 5 Jahre auf rund 8 Milliarden Euro geschätzt…

„Opel aplaude el pacto alcanzado en Figueruelas: «Hemos asegurado el futuro de la fábrica»“ ebenfalls von Roberto Peres am 31. Januar 2018 bei ABC externer Link ist ein Beitrag zur Pressemitteilung der Unternehmensleitung, die, zufällig genau wie die Zeitung, das Werk gerettet sieht. Und sich dafür bei den Gewerkschaften für ihr Mitwirken bedankt – natürlich nur bei den beiden größeren, die den Vertrag unterzeichneten.

„CGT Opel: Yo no soy tonto“ am 19. Januar 2018 bei der CGT Region Aragon externer Link war der Aufruf der drittstärksten (von insgesamt sechs präsenten) Gewerkschaft im Werk, bei der Urabstimmung mit „Nein!“ zu stimmen (weil: „Ich bin doch nicht blöd!“) – alle bisherige Erfahrung, so wird bei der anarcho-syndikalistischen Gewerkschaft argumentiert, habe gezeigt, dass jeder verzicht nur weiteren Verzicht, aber keine positiven Ergebnisse für die Beschäftigten bringe. Was, so wird unterstrichen, selbstverständlich auch die beiden größeren Gewerkschaften wissen.

„Valoración de OSTA sobre el resultado del Convenio de Opel España“ am 31. Januar 2018 bei der OSTA externer Link (Organizacion Sindical de Trabajadores de Aragon) ist die Bewertung des Ergebnisses der Urabstimmung über den Tarifvertrag. Darin werden auch noch weitere Zugeständnisse kritisiert, wie etwa eine Aufspreizung der Lohnskala (geringere Einstiegslöhne etwa) und die Ausweitung der Wochenend-Arbeit und Kürzungen von sozialen Zulagen – und auf der anderen Seite gebe es keine einzige konkrete Zusage  – außer Produktionszahlen, die gar nichts bedeuteten.

„CCOO y UGT ceden al chantaje empresarial en la Opel de Figueruelas. ¡No al preacuerdo!!“ am 30. Januar 2018 bei GanemosCCOO externer Link ist der Aufruf der Gewerkschaftsopposition in der CCOO gegen den Vertrag zu stimmen, den die eigene Gewerkschaft vorschlägt. Darin wird das Vorgehen der Gewerkschaftsführung als „Kniefall“ vor der Unternehmensleitung kritisiert, die einen Kurs verfolge, der von jeher bei Opel mehr als bei allen anderen Autofirmen verfolgt worden sei, egal ob GM oder PSA: Ein Werk gegen das andere auszuspielen, offene Drohungen auszustoßen. Dies wird mit einem kurzen geschichtlichen Abriss dokumentiert.

„El 58% de la plantilla de Opel dice sí al futuro de Aragón“ am 01. Februar 2018 bei der CCOO Aragon externer Link ist die Mitteilung des Föderationsbezirks, dass die Belegschaft mehrheitlich der Empfehlung der Gewerkschaft gefolgt sei und so die Zukunft der Corsa-Produktion garantiert habe. Nach einigem murmeln wird dann – aus welchem Grund auch immer – hinzugefügt, es sei schon so, dass die Autoindustrie ein Motor der Wirtschaft sei und sein müsse, aber dies könne kein Niedriglohn-Modell sein. Womit sich eigentlich einige Fragen erheben würden, die in diesem Text natürlich niemand stellt – die Antwort müssten wohl ohnehin andere geben…

„Las multinacionales automovilísticas imponen recortes salariales y laborales mientras duplican las ventas“ von Eduardo Bayona am 01. Februar 2018 bei kaosenlared externer Link ist ein Beitrag, der diese Entwicklung in Saragossa einordnet in die Entwicklung der Autoindustrie in Spanien insgesamt: Von den Ausführungen über diverse aktuelle Verzichtsdiktate ähnlicher Art wie bei Opel Saragossa – etwa bei Ford Valencia – bis hin zu einer Analyse, die nachvollziehbar macht, warum die Konzerne dies tun zu einem Zeitpunkt, da Umsatz und Gewinne regelrecht explodieren (nannte man früher: Notwendigkeit des Maximalprofits). Das Vorgehen wird in einer Zusammenschau aus verschiedenen Unternehmen dargestellt…