Millionenbetrug an Bauarbeitern in der Schweiz: Was die Verteidigung des Lohnschutzes erst recht nötig macht…

unia: Ausgerechnet im Tessin: Ein Mindestlohn, den keiner braucht…Mit der Holzverkleidung wirkt die schmucklose Wohnung in einer kleinen Aargauer Gemeinde wie ein rustikales Feriendomizil. Alles hier drin ist ordentlich aufgeräumt, persönliche Gegenstände der beiden Bewohner fehlen. Szilagyi und Balogh leben hier jeweils nur für einige Wochen, dazwischen besuchen sie ihre Familien in Ungarn. Arbeiten, schlafen, arbeiten, ein paar Tage in der Heimat: ein Leben, wie es viele ausländische BauarbeiterInnen in der Schweiz führen. Elf Euro und achtzig Cent in der Stunde. So lautete das Versprechen, das Szilagyi und Balogh einst in die Schweiz brachte. Ein Lohn, weit höher, als man ihn in Ungarn je als Gipser verdienen kann. Und deutlich tiefer, als ihn jeder Gesamtarbeitsvertrag (GAV) in der Schweiz garantiert. Balogh erinnert sich noch genau an die Episode auf der Baustelle, als klar wurde, dass man ihn und seine Landsmänner ausnutzt: «Wir haben alle unseren Lohn auf eine Tafel geschrieben. Zuerst die Schweizer Kollegen, danach wir. Sie haben uns ausgelacht.» Jahrelang haben die beiden Arbeiter seither für ihre Rechte gekämpft: Sie haben ihren Job verloren, mussten langwierige Prozesse erdulden und sich schwerwiegende Vorwürfe gefallen lassen. Wie Recherchen der WOZ und des SRF-Magazins «Rundschau» nun nahelegen, waren Balogh und Szilagyi die ganze Zeit über im Recht. Der Skandal um Goger-Swiss hat eine weit grössere Dimension als bisher bekannt. Und er zielt mitten in eine der hitzigsten Politdebatten der Schweiz: jene um das EU-Rahmenabkommen und einen angemessenen Lohnschutz…“ – aus dem Bericht „Und Goger spielt Golf“ von Anna Jikhareva und Kaspar Surber am 09. Mai 2019 in der WoZ externer Link (Ausgabe 19/2019) über einen der größten Schweizer Lohndumpingskandale, bei dem ungarische Mitarbeiter um mehrere Millionen geprellt wurden – mitten in der gesellschaftlichen Auseinandersetzung um das EU-Rahmenabkommen und einen angemessenen Lohnschutz. Siehe dazu auch zwei Beiträge der Gewerkschaft Unia – sowohl zur Geschichte der Aufdeckung und des Kampfes gegen den skandalösen Betrug (mit vielen Mitwissern), als auch einen Artikel von 2015 als der Betrug erstmals an die Öffentlichkeit gebracht wurde – und als Hintergrund die Kampagne zum Abkommen Schweiz – EU: Löhne statt Grenzen schützen!:

  • „Unia deckt in Zürich grössten Lohndumpingfall Europas auf“ am 08. Mai 2019 bei der Unia externer Link zeichnet nochmals die Geschichte des Kampfes gegen diesen Mllionenbetrug nach – und verweist darauf, dass dies allseits bekannt war: „Alle haben es gewusst – die Arbeitnehmenden auf den Baustellen, die Unia, die Konkurrenten von Goger und auch die meisten Auftraggeber: Die Goger-Swiss AG hat bei den Löhnen massiv beschissen. / Fast durchgekommen mit dem Beschiss / Aber die bestehenden Mitteln reichten gegen die Machenschaften von Goger nicht aus; und da wo mehr möglich gewesen wäre, haben die Verantwortlichen weggeschaut. Statt dem Lohndumper Goger wurde die Unia bekämpft und kriminalisiert. Fazit: Die um Zehntausende Franken geprellten Arbeiter sahen bis heute keinen müden Rappen. Und fast wäre Kurt Goger mit dem grössten Beschiss in der Geschichte der flankierenden Massnahmen durchgekommen … / Arbeitnehmende um bis zu 10 Millionen betrogen / Erst eine detaillierte Kontrolle und unzählige Verfahren beweisen, dass die Unia auf der ganzen Linie Recht hatte! Die Goger-Swiss AG verantwortet den mit Abstand grössten Lohndumpingfall auf dem Platz Zürich. Um bis zu 10 Millionen hat die Goger-Swiss AG ihre Arbeitnehmenden betrogen. / Toni Areal, Fifa Museum, Tic Tric Trac etc. / Die Gipserfirma Goger Swiss-AG unter der Leitung von Kurt Goger ergatterte seit 2012 auf dem Platz Zürich zahlreiche Aufträge – notabene auf fast allen grossen Baustellen, wie z.B. Toni Areal, Fifa Museum, Tic Tric Trac etc. Seither hat die Goger-Swiss AG ihre Arbeitnehmenden um die bis zu 10 Millionen betrogen. Beschissen wurde, wo es nur ging…“
  • „Unia Zürich stellt erneut mehrere Baustellen wegen Lohndumping ein“ am 09. April 2015 bei der Unia externer Link berichtete damals einleitend: „Diese Woche stellte die Unia Zürich zwei Baustellen der Swiss Life aufgrund von Lohndumping ein. Auf beiden Baustellen betreibt das Gipserunternehmen Goger Swiss AG Lohndumping. Am Mittwochmorgen hat deshalb der Gipsermeisterverband der Stadt Zürich zusammen mit der Unia die Arbeiten der Firma Goger eingestellt und die Bauherrin Swiss Life aufgefordert, das Lohndumping auf ihren Baustellen endlich zu unterbinden. Seit März kommt es im vollen Wissen der Bauherrin Swiss Life zu massivem Lohndumping auf den Baustellen FIFA-Museum und Tic Tric und Trac in Zürich. Die Firma Goger Swiss AG beschäftigt dabei Gipser zu Dumpinglöhnen.  Arbeiter werden grossmehrheitlich als Hilfsarbeiter angestellt, die Arbeitsstunden mit gefälschten Rapporten tief gehalten. Zudem werden ihnen viel zu hohe Lohnabzüge gemacht und zum bitteren Ende müssen die Betroffenen einen Teil des Lohns in bar zurückgeben. Am Schluss bleibt noch ein absoluter Dumpinglohn von nur etwas mehr als 11 Franken pro Stunden übrig. Dabei ist die Firma keine Unbekannte: Es gibt bereits Verfahren und Verurteilungen durch die zuständigen Paritätischen Kommissionen…