Streik an Polens Schulen: Massenhaft befolgt – trotz Streikbruchversuch von Solidarnosc

Streik an Polens Schulen 2019Am Montag morgen hat in Polen ein seit langem diskutierter Streik der Lehrer begonnen. Zur Teilnahme aufgerufen sind etwa 200.000 Mitglieder der Gewerkschaften ZNP und FZZ. Die Beteiligung am Ausstand war am ersten Streiktag offenbar rege. Die Stadtverwaltung Warschau gab bekannt, dass gut 8.000 der insgesamt 10.000 Lehrer in der Stadt die Arbeit niedergelegt hätten. Aus Gdansk wurde berichtet, dass zwei Drittel der Schulen lahmgelegt seien. In der südostpolnischen Stadt Rzeszow, einer Hochburg der Regierungspartei PiS, erschienen an einer Schule nur zwei von 53 Pädagogen zum Dienst. Teilweise haben sich auch Erzieherinnen und Erzieher sowie Hausmeister dem Ausstand angeschlossen, zudem haben sich viele Lehrer offenbar gezielt krankgemeldet. Allgemein hieß es, die Zahl der Streikenden könne noch wachsen. Denn – und das ist einer der Streikgründe – durch eine Organisationsreform der Regierungspartei PiS muss in vielen Schulen in zwei Schichten unterrichtet werden. Hauptsächlich geht es jedoch um Gehaltsforderungen. Polens Lehrer sind nicht nur im Vergleich zu den meisten anderen EU-Staaten schlecht bezahlt, sondern auch zur sogenannten freien Wirtschaft im eigenen Land. Berufsanfänger bekommen etwa 1.800 Zloty (420 Euro) auf die Hand, ein Lehrer mit 15jähriger Berufserfahrung kommt nicht über 5.000 Zloty (1.250 Euro) brutto hinaus. (…) ZNP und FZZ fordern rückwirkend zum 1. Januar 15 Prozent mehr Gehalt und eine weitere Lohnerhöhung um 15 Prozent zum neuen Schuljahr im September. (…) Ein unrühmliches Beispiel fehlender Solidarität lieferte die PiS-nahe Gewerkschaft »Solidarnosc«. Sie unterzeichnete das von Szydlo unterbreitete Angebot und forderte ihre Mitglieder zum Streikbruch auf. Allerdings vertritt sie an den Schulen nur eine Minderheit der Beschäftigten. Zudem zeigten sich an der Basis viele der »Solidarnosc« angehörenden Lehrer mit ihren Kolleginnen und Kollegen solidarisch…“ – aus dem Beitrag „Schulen bleiben zu“ von Reinhard Lauterbach am 09. April 2019 in der jungen Welt externer Link zum Streikbeginn an Polens Schulen. Siehe dazu auch einen Beitrag zur Propaganda der Regierung gegen den Streik, sowie einen weiteren aktuellen Beitrag, der auch die Vorgeschichte der Auseinandersetzung beleuchtet:

  • „”Wir wollen in Würde arbeiten”“ von Olaf Bock am 08. April 2019 in der tagesschau externer Link unter anderem zur Reaktion der polnischen Rechtsregierung: „… Auf Teile dieses Angebots ging die eher regierungsnahe Solidarnosc-Gewerkschaft gestern Abend ein und unterschrieb. Die größere ZNP-Gewerkschaft dagegen nicht, so begann heute der Streik. Polnischen Gewerkschaftsangaben zufolge waren 80 Prozent der polnischen Schulen betroffen, die Regierung sprach von 50 Prozent. Überlagert ist das ganze Thema auch durch gegenseitige politische Vorwürfe: Regierungsnahe Stimmen halten den Lehrern vor, das Ganze auf den Rücken der Schüler auszutragen, denn gerade jetzt beginnen die Zeiten wichtiger Zwischenprüfungen, die nun gefährdet sind. Manche PiS-Politiker halten den Lehrern auch vor, der Opposition im Wahljahr in die Hände spielen zu wollen. Gewerkschafter hingegen fragen, warum es jetzt bei der Regierung zwar milliardenschwere Sozialprogramme und Hilfe für Bauern gebe, aber eben nicht für die Lehrer. In Umfragen für oder gegen den Pädagogen-Streik bilden sich in etwa zwei gleich große Lager. Von den PiS-Anhängern sind fast 80 Prozent gegen den Streik. Der Lehrerstreik ist ein Politikum in Polen…“
  • „Polish teachers launch nationwide strike“ von Clara Weiss am 09. April 2019 bei wsws externer Link berichtet von einer Streikbeteiligung von 86% der 400.000 Lehrerinnen und Lehrer Polens, die die Gewerkschaft ZNP (Związek Nauczycielstwa Polskiego, Gewerkschaft Polnischer Lehrer) angegeben habe. Womit es nicht nur der erste landesweite Streik nach rund 25 Jahren sei, sondern auch einer der größten der letzten Jahrzehnte überhaupt. In dem Artikel wird auch berichtet, dass es bereits eine ganze Reihe lokaler Proteste in den letzten Monaten gegeben habe, inklusive der Besetzung der Schulbehörde in Krakau.