[Flugblatt der Basisgewerkschaft IP] Ein Erfolg: Gewerkschaften handeln mit Amazon in Polen eine Vereinbarung über die Aussetzung der Leistungsbewertung (und einen Weihnachtsbonus) aus

Polnische Gewerkschaft fordert höhere Löhne für Amazon-MitarbeiterAmazon Polen hat am letzten Donnerstag zum ersten Mal mit den beiden Gewerkschaften (IP und Solidarnosc) eine Vereinbarung unterzeichnet. Es ging eigentlich nur um den Weihnachtbonus (der für ununterbrochene Arbeitsanwesenheit bezahlt wird). Warum das Management (anders als in den Vorjahren) den Bonus nicht einfach verordnete, sondern die Gewerkschaften zum Gespräch einlud und eine Vereinbarung unterschreiben wollte, ist nicht klar. Möglicherweise spüren sie den Druck der öffentlichen Diskussion über die schlechten Arbeitsbedingungen (siehe auch die Lohnerhöhungen in den USA und Großbritannien), haben Probleme, angesichts der Arbeitskräfteknappheit Leute zu finden, oder die Amazon-Unternehmensleitung in Luxemburg (oder Seattle) hat die Manager in Polen angewiesen, den Laden etwas in Ordnung zu bringen, nachdem selbst das polnische Arbeitsministerium und die Gewerbeaufsicht in letzter Zeit Druck ausübten. Wie gesagt, es ging eigentlich nur um den Bonus, aber in den Verhandlungen stand plötzlich auch das Vorgabensystem zur Disposition. Dagegen haben die IP und Solidarnosc in letzter Zeit protestiert, u.a. in einem Brief an den Europaproduktionschef Harman (auf den hin eine ziemlich dämliche Antwort zurückkam). Am Donnerstag konnten sich die Gewerkschaften beim Bonus nicht durchsetzen, gewannen aber die Aussetzung des Vorgabensystems. Das ist ein Sieg, setzen die Vorgaben (und die Verwarnungen, “feedbacks”, die eine Nichterreichung nach sich zogen) die ArbeiterInnen doch erheblich unter Druck. Schließlich drohten Entlassungen bei mehrmaligem Nichterreichen“ –  Die Erklärung der IP „Amazon Polen setzt die umstrittene Leistungsbewertung aus und zahlt einen Weihnachtsbonus“ vom 05. Oktober 2018 , die sie gleich nach den Verhandlungen veröffentlichte und am Freitag auch in Poznan vor dem Lager als Flugblatt verteilte (übersetzt – und hier per Korrespondenz kommentiert – von RR in Deutsch und Englisch, was wir hier beides – mit Dank! – dokumentieren). See also the IP Declaration (and leaflet) in English: “Amazon Poland suspends the controversial performance evaluation and pays a Christmas bonus”

Amazon Polen setzt die umstrittene Leistungsbewertung aus
und zahlt einen Weihnachtsbonus

Nach Verhandlungen zwischen den beiden Gewerkschaften [Inicjatywa Pracownicza (IP) und Solidarność] mit Managementvertretern von Amazon Polen wurde das umstrittene Personalbewertungssystem [“feedback”] für vier Monate ausgesetzt. Die IP hatte das System seit Monaten kritisiert.

Vom 30. September bis zum 4. Oktober haben wir für die Inicjatywa Pracownicza bei Amazon zusammen mit VertreterInnen der zweiten Gewerkschaft [Solidarność] über den Weihnachtsbonus verhandelt. Die Gespräche waren nicht einfach. Amazon bot am Anfang einen Bonus zwischen 900 und 1.200 Zloty, je nach Lager, für vier Wochen [ununterbrochene Anwesenheit]. Die Gewerkschaften forderten einen höheren Bonus, das heißt nicht niedriger als der im letzten Jahr und für alle Lager denselben Betrag. Die Firma machte klar, dass es keinen Bonus geben würde, wenn die Gewerkschaften die vorgeschlagenen Beträge nicht akzeptierten.

Der Bonus, dem schließlich zugestimmt wurde, liegt bei 1.300 Zloty für POZ (Poznan) und WRO (Wroclaw) und 1.000 Zloty für KTW (Katowice) und SZZ (Szczecin), jeweils sowohl für direkt Beschäftigte und für LeiharbeiterInnen. Das ist nicht zufriedenstellend, aber wir haben uns entschieden, das zu akzeptieren, unter der Bedingung, dass Amazon die umstrittene Leistungsbewertung aussetzt (also die negativen “Feedbacks” zu Arbeitsproduktivität und -qualität, wie sie im Anhang Nr. 3 von Amazons betrieblichen Arbeitsbestimmungen geregelt sind). Wir haben es auch geschafft, den Zeitabschnitt der obligatorischen Anwesenheit bei der Arbeit zu verkürzen, der eingehalten werden muss, um den Bonus zu bekommen, und zwar auf derei Wochen (zwischen dem 9. und dem 29. Dezember). Außerdem wurden zusätzliche Ausnahmen für die Abwesenheit aufgenommen, die nicht zum Verlust des Bonus führen (Sonderurlaub, Besuch bei Amcare für weniger als eine Stunde, gerichtliche Vorladungen).

Die Aussetzung von Anhang Nr. 3, also der negativen “feedback” für Arbeitsleistung und -qualität, kann als Durchbruch gesehen werden im Kampf für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in den Amazon-Lagern in Polen. Die Gewerkschaften haben dem Anhang nie zugestimmt, der Amazon erlaubte, Beschäftigte zu entlassen, wenn sie die Leistungs- oder Qualitätsvorgaben nicht erreichten. Von einem Lagerarbeiter oder einer Lagerarbeiterin wurde erwartet, dass er oder sie 100 Prozent erreicht, und wenn er oder sie das nicht schaffte und sechs negative Feedbacks innerhalb von zwölf Monaten oder vier nacheinander (also in vier aufeinander folgenden Wochen) erhielt, wurde er oder sie für eine Entlassung vorgeschlagen – auch wenn 99 Prozent der Vorgaben erreicht wurden.

Inicjatywa Pracownicza hat dieses Bewertungssystem in Flugblättern, auf Protestaktionen und in Gerichtsverhandlungen kritisiert, weil es verfälscht, Unterbrechungen, die gar nichts mit den Beschäftigten zu tun haben, nicht berücksichtigt und die Arbeiter und Arbeiterinnen psychisch unter Druck setzt. Das System war ein Anhaltspunkt für einen Gerichtsexperten, der in einem juristischen Gutachten schrieb, dass “die Arbeit bei Amazon die physischen und mentalen Möglichkeiten eines Beschäftigten nicht berücksichtigt.” Die Anhebung der Vorgaben (ohne Abstimmung mit den Gewerkschaften) führte zu Erschöpfung und einer nie endenden Hetze zur Erreichung der Vorgaben. Das gefährdete auch die Gesundheit der Arbeiter und Arbeiterinnen. Im August 2018 beschrieben wir das Problem in einem Brief an Amazons Produktionsleiter Steven Harman. Zudem informierten wir die polnische Gewerbeaufsicht über das Problem, das darauf hinwies, dass der Arbeitgeber verpflichtet ist, die Gewerkschaften in Fragen des Lohns und der Lohnbestandteile anzuhören. Bisher hatte Amazon Polen das nicht gemacht.

Der Anhang Nr. 3 von Amazons betrieblichen Arbeitsbestimmungen wurde für den Zeitraum vom 8. Oktober 2018 bis zum 31. Januar 2019 ausgesetzt. In dem Zeitraum wird keine Arbeiterin und kein Arbeiter ein negatives Feedback bekommen, weil sie oder er die die Leistungs- oder Qualitätsvorgaben nicht erreicht hat, und auch der Arbeitsvertrag wird nicht aufgrund von Feedbacks gekündigt. Bis Ende Januar 2019 werden die Gewerkschaften mit Vertretern des Managements neue Bestimmungen aushandeln. Das erste Treffen wird am 18. Oktober 2018 stattfinden. Sollte die Firma bis zum 31. Januar 2019 keine Vereinbarung zum Anhang erreichen, wird die Frist bis zum 28. Februar 2019 verlängert.

Ohne Kampf können wir nicht mit einem besseren Leben rechnen!

Gewerkschaft Inicjatywa Pracownicza bei Amazon Polen
Kontakt: 0048-721-852-897 oder ipamazon@wp.pl

www.facebook.com/IPAmazon externer Link

Siehe zum Hintergrund das Dossier: Kampf bei Amazon in Poznan/Polen: Flugblätter, Berichte etc. zu den Arbeitsbedingungen und Arbeiterkämpfen

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ENGLISH:

Amazon Poland suspends the controversial performance evaluation
and pays a Christmas bonus

After negotiations between both trade unions [Inicjatywa Pracownicza and Solidarność] and management representatives from Amazon Poland, the controversial system of employee evaluation [“feedback”] was suspended for a period of four months. The system has been criticized by Inicjatywa Pracownicza base union for many months.

From September 30 to October 4, we negotiated the Christmas Bonus Regulations on behalf of Inicjatywa Pracownicza at Amazon together with the second trade union [Solidarność]. The talks were not easy. Amazon initially offered a bonus between 900 and 1,200 zlotys, depending on the warehouse, for a 4-week period [of uninterrupted attendance]. The unions demanded a higher bonus, i.e., not lower than last year’s and the same amount for all warehouses. The company made clear that no bonus would be paid if the unions did not approve the amounts it proposed.

The final bonus amounts agreed are 1,300 zlotys for POZ [Poznan] and WRO [Wroclaw] and 1,000 zlotys for KTW [Katowice] and SZZ [Szczecin], both for directly employed and for agency workers. That is not satisfying, but we decided to accept it on the condition that Amazon suspends the controversial performance evaluation (i.e. negative “feedback” on labor productivity and quality as regulated by Appendix no. 3 to Amazon’s Labor Regulations). We also managed to shorten the period of obligatory attendance at work that is required to obtain the bonus to 3 weeks (in the period December 9 to 29) and to introduce additional exceptions for absence which do not lead to the cancellation of the bonus (special leave, visit at Amcare of less then one hour, court summons).

The suspension of Appendix no. 3, i.e., negative “feedback” for labor performance and quality, can be considered as a breakthrough in the fight for the improvement of working conditions in Amazon warehouses in Poland. The unions have never agreed to the appendix that allowed Amazon to lay off employees for not meeting the performance targets or quality rates. A warehouse worker was expected to reach 100 percent, and if a worker did not reach that and received six negative feedbacks within twelve months or four in a row (i.e., four weeks in a row), the employee was recommended for dismissal, even if meeting 99 percent of the target.

Inicjatywa Pracownicza has been criticizing the evaluation system in leaflets, during protests, and in court trials, claiming that it is biased, that it does not consider stoppages that have nothing to do with the employee, and that it leads to psychological pressure for the workers. The system was a reference point of a court expert who wrote in a legal expertise that “work at Amazon is not adjusted to the physical and mental capabilities of an employee.” The increase of targets (without consultation with the unions) led to exhaustion and a never-ending hustle to reach the targets, thus endangering the workers’ health. In August 2018, we described this problem in a letter to the director of Amazon’s Operations, Steven Harman. Moreover, we informed the [Polish] Labor Inspectorate about the problem which pointed out that the employer is obliged to consult the unions on wages and wage components. Amazon Poland has not done that so far.

The Appendix no. 3 to Amazon’s Labor Regulations was suspended for the period from October 8, 2018, to January 31, 2019. During that period, no worker will receive a negative feedback due to insufficient labor productivity or quality and will not receive a termination of the contract on that basis. Until the end of January 2019, the unions will negotiate new provisions regarding the Appendix in eight meetings with the representatives of the management board. The first meeting will take place on October 18, 2018. If, by January 31, 2019, the company is unable to reach an agreement on the Appendix, the deadline will be extended to February 28, 2019.

Without a fight, do not count on a better life!

Union Inicjatywa Pracownicza at Amazon Fulfillment Poland
Kontakt: 0048-721-852-897 oder ipamazon@wp.pl
www.facebook.com/IPAmazon externer Link