Wie Armut in Japan bekämpft wird: Durch polizeiliche Räumung eines sozialen Zentrums

Das besetzte Zentrum in Osaka wurde Ende April 2019 geräumtJapan hat in der Nachkriegszeit einen mit dem deutschen vergleichbaren Wirtschaftsboom erlebt. Die Tagelöhner von Kamagasaki der sechziger und siebziger Jahre fanden ­daher schnell immer wieder Anstellung, wenngleich sie prekär lebten. Als die japanische Spekulationsblase in den späten Achtzigern platzte und damit eine 20jährige Stagnationphase begann, in der die Automatisierung Einzug hielt, verloren viele, auch bislang regulär Beschäftigte ihre materielle Existenzgrundlage. Viele zogen die Obdachlosigkeit der Schande vor (als die es in Japan immer noch gilt), ihrer Familie den ­Arbeitsplatzverlust einzugestehen. Der nationale Traum der Boomzeit, in einer Mittelschichtsgesellschaft zu leben, wich der Ernüchterung angesichts des sozialen Elends der ­Arbeitslosigkeit und der Obdachlosigkeit. Perspektivlosigkeit und organisierte Kriminalität dominieren das Straßenbild Kamagasakis von den Neunzigern bis heute. Begleitet hat den Auf- und Niedergang der Arbeiterschaft Kamagasakis das sogenannte Airin Center, das von Land und Stadt im Oktober 1970 auf der Südseite der Bahnstation Shin-Imamiya errichtet worden ist (…) Fast einen Monat nach der Besetzung, am 24. April, haben Stadt und Land schließlich die Räumung und Verriegelung des Airin Centers veranlasst. Über 100 Polizisten, diverse Beamte der Präfektur Osaka und Mitarbeiter des Arbeitsamts waren daran beteiligt. Anders als bei einer Besetzung üblich, hatte niemand Barrikaden errichtet. Das Airin Center blieb zeit seiner Besetzung für alle Bedürftigen und Interessierten ­geöffnet. Schon kurz nach der Räumung kursierten Demonstrationsankündigungen für die kommenden Tage in den sozialen Medien…“ – aus dem Beitrag „Die Lebensader der Arbeiter“ von Sabri Deniz Martin am 02. Mai 2019 in der Jungle World externer Link über Armut in Japan und deren polizeiliche „Betreuung“… Siehe dazu auch einen Beitrag zur nun geräumten Besetzung und eine Meldung über die Drohungen gegen die letzte Hausbesetzung Japans:

  • „Besetzung des Airin-Centers in Osaka“ am 08. April 2019 bei Zatsudan externer Link war ein Bericht über die Besetzung des Zentrums, in dem unter anderem unterstrichen wurde: „Am 31.3. sollte das Erdgeschoß des Airin-Center endgültig geschlossen werden. Eben jener Bereich, welcher den Obdachlose und TagelöhnerInnen als Aufenthaltsort diente. Anstatt des Airin-Centers versucht die Stadt eine neue Institution in der Nähe zu etablieren. Bisher schaut diese Lösung so aus, dass ein paar wenige Bänke unter einem Zelt aufgestellt wurden. Ein Krasses Gegenteil zum belebten Airin-Center, welches von der teilweisen Selbstverwaltung durch die TagelöhnerInnen lebte. Laut AktivistInnen vor ort ist die einzige Person, welche das Ersatzzelt benutzt, der abkommandierte Secuity-Mann. Als Grund für die Schließung des Erdgeschoßes wird mangelnde Erdbebensicherheit angegeben. Angesichts der Tatsache, dass im ersten Stock des Airin-Centers immer noch die medizinischen Einrichtungen arbeiten, scheint diese Behauptung vollkommen aus der Luft gegriffen. Am Tag der Schließung versammelten sich etwa 300 Personen im Airin-Center, blockierten die Schließung des Erdgeschoßes mittels ihren Körpern und hielten ein sogenanntes Takidashi (炊き出し) ab. Dabei handelt es sich um eine in ganz Japan verbreitete Art der Obdachlosenspeisung, bei welcher Obdachlose und AktivistInnen zusammen kochen und essen. Takidashis sind eines der wichtigsten sozialen und politischen Events bzw. Happenings innerhalb der japanischen Obdachlosenbewegung. Mittlerweile ist das Airin-Center von mehreren hundert Personen besetzt und neben Takidashis findet auch ein Kulturprogramm statt. Bisher haben die BesetzerInnen drei Forderungen veröffentlicht: 1. Keine Schließung der Tore des Erdgeschoßes des Airin-Centers / 2. Zugang zu den Toiletten und Badezimmern des Centers / 3. Fortführung des Dialogs und Verhandlungen bezüglich der Zukunft des Airin-Centers…