Die Bedeutung und Entwicklung der Arbeitskämpfe in der italienischen Logistikbranche

Logistikstreik in Italien - Februar 2015Der Tod des ägyptischen Arbeiters und ehemaligen Lehrers Abd Elsalam Ahmed Eldanf, der an einem Streikposten in Piacenza von einem LKW überfahren wurde, ist nicht das Ergebnis eines Unfalls oder eines Zufalls. Wer die Arbeiterkämpfe der migrantischen Arbeiter in der Logistik verfolgt hat, kennt die Gewalt, die von Unternehmerseite bei den Blockaden ausgeübt wird, die Versuche sie zu durchbrechen und die Polizeieinsätze gegen Streikposten sehr genau. Ich glaube, dass diese Tragödie als ein Moment der Arbeitskämpfe begriffen werden muss, die mit einer Arbeitsorganisation konfrontiert sind, bei der die Gegenseite immer schwerer auszumachen ist und die Kampfformen notwendig machte, die über die traditionellen hinaus gehen“  – das ist die erste Antwort in dem Interview „Hier geht es nicht nur um einen Tarifvertrag“ von Roberto Ciccarelli mit Giorgio Grappi (Übersetzung eines Beitrags in „il manifesto“ vom 16.9.2016, ursprünglich in gekürzter Form am 28. September 2016 in der jungen welt)

„Hier geht es nicht nur um einen Tarifvertrag“

Giorgio Grappi ist Sozialwissenschaftler, Aktivist der Migranten-Koordination von Bologna und des Kollektivs Prekäre Verbindungen “S-Connessioni precarie”

Interview: Roberto Ciccarelli

In der Nacht vom 14. auf den 15.September gab es während eines Streiks bei einem Subunternehmen des Logistikkonzerns GLS einen tragischen Zwischenfall…

Der Tod des ägyptischen Arbeiters und ehemaligen Lehrers Abd Elsalam Ahmed Eldanf, der an einem Streikposten in Piacenza von einem LKW überfahren wurde, ist nicht das Ergebnis eines Unfalls oder eines Zufalls. Wer die Arbeiterkämpfe der migrantischen Arbeiter in der Logistik verfolgt hat, kennt die Gewalt, die von Unternehmerseite bei den Blockaden ausgeübt wird, die Versuche sie zu durchbrechen und die Polizeieinsätze gegen Streikposten sehr genau. Ich glaube, dass diese Tragödie als ein Moment der Arbeitskämpfe begriffen werden muss, die mit einer Arbeitsorganisation konfrontiert sind, bei der die Gegenseite immer schwerer auszumachen ist und die Kampfformen notwendig machte, die über die traditionellen hinaus gehen.

Was ist an diesen Kämpfen neu?

Erstens werden sowohl die Lager als auch die Transporte blockiert. Zweitens spielen die eingewanderten Beschäftigten in diesen Kämpfen eine Vorreiterrolle. Es handelt sich um Arbeiterkämpfe gegen die Prekarität und sie sind das Resultat einer Rebellion gegen eine brutale Ausbeutung. Für gewöhnlich werden sie als improvisierte Episoden oder als Probleme der öffentlichen Ordnung abgetan. In einigen Fällen wurden die Blockaden sogar als Unterbrechung existenzieller Dienste betrachtet.

Wie muss man sie interpretieren?

Diese Kämpfe sind die Antwort auf das Fehlen fundamentaler Schutzbestimmungen, aber auch auf die politischen Erpressungsversuche der zugewanderten Arbeitskräfte. Diese Arbeiter sind im Besitz einer Aufenthaltserlaubnis und unterliegen dem Regime des während Silvio Berlusconis Regierungszeit von den beiden Parteichefs der (rechtspopulistischen; jW) Lega Nord und der (aus dem neofaschistischen MSI hervorgegangenen; jW) Alleanza Nazionale, Umberto Bossi bzw. Gianfranco Fini, geschaffenen Einwanderungsgesetzes. Der Verlust des Arbeitsplatzes kann zu ihrer Ausweisung führen oder sie in die Illegalität drängen. Darüber hinaus leiden sie unter den prekären Arbeitsbedingungen in Italien. Genau wie in anderen Branchen wurde das Wachstum der Logistik als industrielles System und die Wettbewerbsfähigkeit fast ausschließlich über das Drücken der Arbeitskosten erreicht. So hat man die Beschäftigten auch für die schlechte italienische Infrastruktur blechen lassen. Es ist dieser Gewalt allerdings nicht gelungen, die Kämpfe aufzuhalten, auch wenn sie zu einer – manchmal nicht begriffenen – Spaltung zwischen den Migranten und den anderen Arbeitern führt. Die Aktionen dieser Malocher wurden nur als Kämpfe einer speziellen Branche betrachtet. In Wirklichkeit geht es hier nicht nur um einen Tarifvertrag, sondern um die politischen Bedingungen, die zur Prekarität der gesamten Arbeitswelt führen.

Wo haben sich die Kämpfe entwickelt?

In dem Gebiet mit der höchsten logistischen Dichte Italiens, das vom Mailänder Hinterland bis nach Piacenza reicht. Die ersten Erfolge führten zu einer Kettenreaktion in den Lagern des Raumes Bologna und weiteten sich auf die ganze Emilia Romagna aus. Das ist die Region mit der höchsten Unternehmenskonzentration überhaupt. Danach griffen die Kämpfe auch in Venetien um sich.

Welche Rolle spielten die eigenständigen linken Basisgewerkschaften?

USB, AdL Cobas und SI Cobas waren dabei entscheidend. Die expansive Rolle ist allerdings nicht nur auf diese oder jene Gewerkschaft zurückzuführen, sondern auch auf die Fähigkeit der Arbeiter selbst, die Gewerkschaften unter Druck zu setzen und die in einem bestimmten Moment unentbehrlichen Kampfmittel zu finden. Diese Beschäftigten haben die Gewerkschaften, die bereit waren, sie zu unterstützen, als Werkzeuge ihres Kampfes benutzt. Deshalb haben viele von ihnen die größeren Gewerkschaften CGIL, CISL und UIL, bei denen sie vorher Mitglied waren, (wegen deren Untätigkeit oder Sozialpartnerschaft; jW) verlassen.

Eine entscheidende Rolle bei der Nutzung dieser Arbeitskraft kommt den Kooperativen zu. Wie kann man sie beschreiben?

In der Logistik gibt es eine klare Trennung, wobei die Migranten die schwersten Arbeiten verrichten. Die Kooperativen wurden von den Arbeitgebern benutzt, um diese Arbeitskräfte in abnormer Weise zu rekrutieren. Die Genossenschaften sind flinke Instrumente, die je nach den Erfordernissen offen oder geschlossen sein können. Dort Mitglied zu sein, erlaubt eine Verlängerung der Aufenthaltserlaubnis, verschleiert aber, wer der eigentliche Arbeitgeber ist. Hinter den schönen Reden haben wir gesehen, dass die Kooperativen Bosse genau wie alle anderen sind. Diese Faktoren zusammengenommen schufen eine unerträgliche Situation. Nicht unterschätzt werden darf die Tatsache, dass diese Faktoren nur dank der direkten Aktion der Arbeiter ans Tageslicht gelangten und begriffen wurden.

In Ihrem Buch sprechen Sie von drei Paradoxien der Logistik. Welche sind das?

Zum einen das Paradox der Arbeit: Die Logistik und die Umgestaltung der Produktion fördern die Suche nach einer zunehmenden Automatisierung. Es hat den Anschein als könne man auf die menschliche Arbeitskraft verzichten. In Wahrheit besteht aber ein großes Interesse daran die spezifischen Aufgaben der Arbeitskräfte zu organisieren, die wie immer auf die Arbeiter aus Fleisch und Blut zurückfallen. Zum anderen gibt es das politische Paradox, das einerseits eine Tendenz zur Zentralisierung des Arbeitskommandos existiert und wir andererseits ein Um-sich-greifen besonderer und spezifischer Bedingungen erleben. Das dritte Paradox betrifft die globalen Veränderungen der Produktion, die die geopolitischen Dynamiken und die Organisation der Staaten beeinflussen, welche zu Standortverlagerungen führen und im Rahmen ein und desselben Produktionsprozesses ganz unterschiedliche Orte miteinander verbinden. Auf diese Weise entstehen neue politische Machtzentren, die wir noch Mühe haben zu erkennen.

Wie werden sich die Kämpfe im Logistikbereich in diesem Rahmen entwickeln?

Die Spaltungen zwischen den Berufsgruppen haben sich heute in vielen Fällen in Rauch aufgelöst. Es ist wichtig, stärkere Verbindungen zwischen den verschiedenen Anliegen und Forderungen herzustellen. Die Arbeit der Migranten ist ein Beispiel dafür, dass die Arbeitskräfte heute unterschiedlichen politischen Bedingungen unterliegen. Die gigantische Umwälzung, die derzeit stattfindet, macht es immer schwerer, wenn nicht unmöglich, eindeutig zwischen politischen und gewerkschaftlichen Fragen zu unterscheiden. Deshalb ist die Logistikbranche sehr viel mehr als eine Ansammlung von Lagerhallen, Verkehr und Verteilung. Ihre Logik ist eine Antwort auf die globalen Koordinaten der heutigen Politik. Ich spreche hier nicht von einem Superstaat, der die einzelnen Staaten ersetzt. Aber wir müssen uns darüber klar werden, wie wir unser Handeln, angesichts der Existenz von transnationalen Infrastrukturkorridoren und Versorgungsketten, ausrichten. Wir müssen die Dynamiken einer Macht erkennen, die durch internationale Übereinkünfte in Form von Protokollen, Standards und Messsystemen ausgeübt wird. Wir sehen das oftmals nicht, weil wir uns auf das einzelne Unternehmen konzentrieren. Man muss die Reorganisation des Produktionszyklus berücksichtigen, die das Lokale immer mehr mit den globalen Dynamiken verbindet.

Dieses Interview erschien zuerst in der linken italienischen Tageszeitung „il manifesto“ vom 16.9.2016

Übersetzung: Andreas Schuchardt