Eingangstürensuche – Ein Besuch bei der selbstverwalteten Baustofffabrik VIO.ME in Thessaloniki

Artikel von John Malamatinas und Anna Dohm* in express, Zeitung für sozialistische Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit, 3/2013

Lauwarm schlägt uns der Fahrtwind entgegen, während wir durch eine Mischung aus Industrie- und Gewerbegebiet am Rande Thessalonikis fahren und Ausschau nach IKEA halten. Dort in der Nähe sollen wir die besetzte und selbstverwaltete VIO.ME-Fabrik finden. Ein kleines verrostetes Schild an einer Ecke verweist uns glücklicherweise auf VIO.ME. Wir fahren vorbei an kleinen Wohnhäuschen, kleinen, offenbar bestellten Feldern und immer mal wieder kleineren verrosteten Fabrikanlagen. Eine andere Art Industriegebiet, als man das vielleicht kennt. Wir kurven suchend um eine größere Fabrikanlage, an welcher wir zwar einen Parkplatz mit dem Schriftzug VIO.ME entdecken können, nicht aber einen Eingang. An anderer Stelle des Geländes befindet sich ein Pförtner, der uns erklärt, dass verschiedene Firmen (drei verschiedene Produktionszweige und damit drei verschiedene Firmen) auf diesem Gelände arbeiten und wir zu dem Parkplatz zurückkehren sollten. Dort parken wir und suchen nach einem Eingang. Ein provisorisch aussehendes Tor soll doch wohl nicht der Werkseingang sein? Wir rufen einen der Arbeiter direkt an und er holt uns am Parkplatz ab. Und doch: Es ist das Werkstor, der Eingang zur Welt von VIO.ME – ein provisorisch errichtetes eigenes Werkstor. Später werden wir auch die Geschichte dazu hören, wie das neue Werkstor errichtet worden ist, und was es mit den drei (Tochter-)Firmen auf sich hat.

VIO.ME stellt Baumaterialien wie Fugenkleber und anderes her. Eigentlich lief die Produktion gut; die Fabrik lieferte Produkte nach ganz Griechenland und ins benachbarte Ausland. Doch von einem Tag auf den anderen tauchte die Chefetage ab, wollte die Produktion von VIO.ME den Bach runter gehen lassen und die Arbeiter ihrem Schicksal überlassen. Wie absurd, solch eine Firma aufzugeben, wo das ganze Lager voll mit verkaufsbereiten Materialien liegt, dachte sich die Belegschaft und nahm ihr Geschick selbst in die Hand. Was vor zwei Jahren noch als Utopie galt, ist heute praktizierter, realer Alltag der ArbeiterInnen. Seit vergangenem September ist das Arbeitslosengeld ausgelaufen, das ihnen zustand. Seitdem finanzieren sie sich gemeinsam über Solidaritätsspenden und den Verkauf ihrer Produkte. Noch können sie sich den erhofften Lohn nicht auszahlen, sondern unterstützen sich je nach Bedarf der Familie. „Meine Frau zum Beispiel verdient noch, im Gegensatz zu anderen Kollegen, wo es gar kein Einkommen mehr in der Familie gibt; dementsprechend bekommen die dann als erste Geld aus unserer Kasse“, erklärt uns Makis. Ursprünglich beschäftigte die Firma etwa 80 Menschen; heute versuchen 38 von ihnen, Mitglieder der ArbeiterInnengewerkschaft von VIO.ME, die Situation und somit ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen.

Nachdem wir unser Mitbringsel, ein Kilo Gebäck, abgegeben und allen Arbeitern die Hand geschüttelt haben, bekommen wir eine ausgiebige Führung über das Gelände. Unser erster Ansprechpartner, Makis, erklärt uns stolz, dass er gerade von einer Reise aus Wien zurück ist, wo er über das Projekt berichtet hat. Die Maschinen sind alt, taugen aber. Er erklärt, dass sich die Belegschaft verschiedene Optionen für die Zukunft offengehalten halt: Falls die geplante Versteigerung der fertigen Produkte im Lager nicht klappt und die erwarteten Einnahmen daraus nicht reichen, um die Produktion wieder aufzunehmen, müssen Alternativen her. Die Rezepturen und das Wissen um andere Materialien und Produkte, wie bspw. die Herstellung von Putzmitteln, existieren. Damit könnten die ArbeiterInnen von Vio.Me sich perspektivisch auch in die bereits existierenden und in den letzten Krisenjahren entwickelten Kollektivstrukturen rund um Konsum, Bildung und Kultur oder Gesundheit in und um Thessaloniki eingliedern. Aufträge aus der Bevölkerung gibt es schon en masse. Vielleicht treffen sich hier künftig Produktion und Reproduktion? Im Lager warten jedoch noch kiloweise Baumaterialien auf ihren Verkauf. Die Arbeiter erhoffen sich erst mal, über den Verkauf ihrer Materialien die selbstverwaltete Produktion in die Gänge zu bekommen: Online ist ein mehrseitiger Katalog einsehbar, über den alle Produkte bestellt werden können. Jeden Tag melden sich unterschiedlichste Leute, die ihnen Waren abnehmen: von kleineren Unternehmen bis Menschen aus Solidaritätsnetzwerken.

Eine unterstützens- und anstrebenswerte Maßnahme wäre es, aus der BRD Solidarität jenseits der notwendigen finanziellen Unterstützung dieses konkreten Kampfes in der Krise zu organisieren. Die könnte beispielsweise in größeren kollektiven Bestellungen und der Abnahme von Produkten bestehen. Zu denken ist hier etwa an bestehende Netzwerke wie das Mietshäusersyndikat. Doch vor allem ist zunächst die weitere Verbreitung und mehr Öffentlichkeit zum Vorhaben der Arbeiter notwendig. Auf der transnationalen Seite www.viome.org soll mehrsprachig informiert werden, und es werden Unterschriften namhafter Menschen und Organisationen gesammelt, die die Initiative unterstützen. Die Arbeiter selber sagten uns, dass die Idee der Selbstverwaltung längerfristig nur überlebt, wenn weitere Menschen sich dem Vorhaben anschließen. Sie begreifen die selbstverwaltete Fabrik nicht als einsame ‘Insel im Ozean des Kapitals‘, sondern als ein Symbol für weitere Projekte. Ein Arbeiter antwortete auf eine der letzten Fragen, die mit der uns allen bekannten „Inselproblematik“ zusammenhing: „Hoffentlich entstehen viele solcher Inseln wie unsere, die zu einer Halbinsel werden. Die Halbinsel soll sich entwickeln, kontinental werden und sich vergrößern. Wir erklären: Wir wollen die ganze Welt.“

* John Malamatinas lebt in Köln und Thessaloniki. Er ist in verschiedenen antikapitalistischen Gruppen und Projekten aktiv. Seine vornehmliche Beschäftigung gilt den Themengebieten Nationalismus und soziale Kämpfe, mit besonderem Fokus auf Griechenland.

Anna Dohm lebt in Berlin. Sie ist organisiert in der Interventionistischen Linken und aktiv in europäischen Antikrisennetzwerken. Sie arbeitet zum Thema „ Krise der Reproduktion“ und zu zivilgesellschaftlichen, sozialen Kämpfen in Italien.