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»Migranten werden auch mit Knüppeln geschlagen«

Philippinische Hausangestellte in Griechenland haben sich organisiert. Schwere Vorwürfe gegen die Polizei. Ein Interview von Wolfgang Pomrehn mit Debbie Valencia, Sprecherin Casapi Hellas, einer Vereinigung philippinischer Hausangestellter in Griechenland, zuerst erschienen in einer gekürzten Fassung in der jungen Welt vom 19.06.2013

Ihr Verband kämpft für die Rechte der Hausangestellten.

Ja, Casapi Hellas ist Mitglied im europaweiten RESPECT-Netzwerk, dass sich für den Schutz von ausländischen Hausangestellten einsetzt. Wir machen zum Beispiel Werbung dafür, dass die neue Konvention der Internationalen Arbeitsorganisation ILO über die Rechte der Hausangestellten ratifiziert wird.

Wie ist die Lage der Migranten in Griechenland in der sich ausbreitenden Krise?

Sehr, sehr schwierig. Für die Griechen sind die Auswirkung der Krise verheerend, aber den ausländischen Hausangestellten ergeht es noch schlimmer. Viele haben ihre Arbeit verloren. Anderen wird weniger für die gleiche Arbeit bezahlt. Sie arbeiten zehn bis zwölf Stunden am Tag, sechs Tage in der Woche. Dafür bekommen sie oft nur noch 500 Euro im Monat. Viele haben Griechenland inzwischen verlassen, sind zum Beispiel in ein anderes europäisches Land weiter gezogen, was nicht ganz einfach ist. Einige sind auch in ihre Heimatländer zurück, weil sie in Griechenland keine Zukunft sehen.

Gibt es Probleme mit dem Aufenthaltsrecht?

Ja. Damit die Aufenthaltsgenehmigung verlängert wird, muss man einen bestimmten Mindestbetrag in die Sozialversicherungen eingezahlt haben. Aber wer keine Arbeit hat, ist dazu nicht in der Lage, und verliert deshalb sein Aufenthaltsrecht. Dadurch werden ausländische Hausangestellte zu Papierlosen, zu sogenannten Illegalen. Früher wurden Aufenthaltsgenehmigungen für fünf Jahre oder zum Teil auch unbefristet vergeben, doch das ist vorbei. Die Genehmigungen werden nur noch für ein oder zwei Jahre ausgestellt.

Das heißt, es kann passieren, dass eine Hausangestellte 20 Jahre in Griechenland gearbeitet hat und dann das Land verlassen muss, weil sie ihre Aufenthaltsgenehmigung verliert?

Ja. Wir haben zum Beispiel ein Mitglied, das seit 35 Jahren in Griechenland lebt. Jetzt ist sie 70 und arbeitslos. Ginge sie zurück in ihre Heimat, hätte sie keine Rentenansprüche. Ihre Ersparnisse hat sie inzwischen in der Zeit aufgebraucht, in der sie nach einer neuen Anstellung suchte. Für sie ist das eine richtige Sackgasse. Andere sind ähnlich lange hier und haben auch einen Teil ihrer Familie hier.
Hinzu kommen gewalttätige Angriffe von den Rechtsextremen der „Goldenen Morgenröte“. Viele philippinische Hausangestellte fürchten sich auch vor der Polizei. Wenn du nicht wie ein Grieche aussiehst, kann es dir ohne weiteres passieren, dass du auf der Straße kontrolliert wirst. Einfach so. Und wenn etwas mit deinen Papiere nicht stimmt, kannst du für eine unbegrenzte Zahl von Tagen festgehalten werden. Oder auch, wenn den Polizisten einfach danach ist. Als wir zum Beispiel neulich unser Vorbereitungstreffen für den Alternativgipfel in Athen hatten, wurde eines unserer Mitglieder einfach von der Polizei verhaftet, weil die Beamten behaupteten, ihre Papiere könnten gefälscht sein.

Wie verhalten sich die Beamten bei solchen Gelegenheiten?

Sehr barsch. Manchmal werden die Migranten oder Flüchtlinge auch mit Knüppeln geschlagen. Sogar zwei koreanischen Touristen ist soetwas schon passiert. Sie wurden auf der Straße ohne konkreten Anlass angehalten, kontrolliert und festgenommen. Sie mussten ihre Botschaft anrufen, damit diese sie wieder heraus holt. Und wenn man zum Beispiel zur Polizei muss, um die Aufenthaltsverlängerung zu beantragen, dann kann es einem passieren, dass man dort angeschrien wird.

Wie sehen die Bedingungen in den Arrestzellen aus?

Die Zellen, auch die Zellen in den Internierungslagern, sind in wirklich abstoßendem Zustand. Oftmals gibt es nicht einmal eine Toilette. Den Inhaftierten wird einfach gesagt, sie sollen ihre Notdurft in der Zelle verrichten. Man lässt sie nicht raus. Außerdem sind die Zellen total überfüllt und das Essen ist oft ungenießbar. Wir bringen unseren Leuten manchmal Essen Kleidung und auch Decken. Sie müssen auf dem Boden schlafen.

Was sind ihre Forderungen?

Wir wollen Schutz für die ausländischen Hausgestellten; auch vor der Polizei. Unsere Menschen sind verängstigt. Wenn sie angegriffen werden, können sie nicht einmal zur Polizei gehen, weil diese sie nicht beschützt. Eher laufen sie noch Gefahr festgenommen zu werden.

Kurzlink: https://www.labournet.de/?p=38849
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