Falls die französische Regierung gehofft hatte, der „gelbe Spuk“ wäre nach den Ferien vorbei – die Antwort ist: Nein

Frankreichs umkämpfte Arbeitsrechts-„Reform“ (Nuit debout): CGT-Plakat über PolizeigewaltEin milder Spätsommernachmittag am alten Hafen von Marseille. Die kids aus den ‘Quartiers Populaires’ sind gekommen. Haben ihre Mütter mitgebracht. Alte, müde, stolze Gesichter. Hart von der Mühsal der tagtäglichen Arbeit, die mit einem Hungerlohn entlohnt wird. Sind alle tragen ein Banner vor sich her, die Sonne wirft ihnen heute ein Lächeln ins Gesicht. Sie hüpfen, tanzen, singen, lassen immer wieder die Gilets Jaunes hochleben. Die stehen da an der Mole, wie jeden Sonnabend seit bald einem Jahr, verlegen gerührt. Der eine oder andere alte Gewerkschafter unter ihnen, vielleicht seit Jahrzehnten in der CGT. So viele Kämpfe, so viele Niederlagen, so oft von der Führung verraten und im Stich gelassen. Aber was soll man machen. Man muss sich doch organisieren. Und immer wieder Hoffnung geschöpft. Das sich etwas ändern wird, ändern muss. Die ganz Alten erinnern sich noch an den Mai 68 als sie die CRS durch die Straßen getrieben haben. (…) Gestern war der ‘Acte 43′. Seit 43 Wochen gehen sie nun schon auf die Straßen. 43 Samstage in Folge. Ob es regnet, schneit oder die Sonne brennt. Sie sind in Paris durch die Luxusviertel gezogen und haben sie verwüstet und geplündert. Bei Dior haben sie Uhren und Schmuck für 2 Millionen raus geschleppt. Mit einem Ladestapler haben sie das Tor eines Ministeriums aufgebrochen und sind in das Gebäude eingedrungen. Der Regierungssprecher musste samt seiner Entourage evakuiert werden. Die Bullen haben sie am Arc de Triomphe ordentlich verprügelt und auf den Champs Élysées das ‘Le Fouquet’s angezündet, wo Sarkorzy, der die Vorstädte und den Pöbel hasst, zu feiern pflegte. In ganz Frankreich hat es geknallt, bis in die tiefste Provinz und keiner weiß woher all das Tränengas kommt, das Woche für Woche durch die Innenstädte zieht. Tausende sind festgenommen worden, viele sitzen im Knast. Dutzende haben ihr Augenlicht verloren durch Gummigeschosse, in Marseille haben sie einer alten Frau eine Tränengasgranate an den Kopf geschossen, als sie die Fenster ihrer Wohnung im vierten Stock schließen wollte. Sie ist im Krankenhaus gestorben. Als es ganz heiß herging in Frankreich, stand im Präsidentenpalast ein jederzeit startbereiter Hubschrauber für Macron bereit, zusätzliche militärische Sondereinheiten waren zu seinem Schutz verlegt worden. Die Angst hatte die Seite gewechselt…“ – aus dem Beitrag „Hongkong, Paris, Marseille – Be water my friend“ von S.L. am 08. September 2019 bei de.indymedia externer Link über den Akt 43 der Gelbwesten, der sowohl in Marseille als auch an anderen Orten Frankreichs nach wie vor vorhandene Mobilisierungskraft unterstrich. Siehe zum Akt 43 auch vier weitere Beiträge, darunter ein Videobericht aus Marseille, eine Übersicht über Polizeiübergriffe und ein Muster für bundesdeutsche Berichterstattung im Vergleich etwa zu jener über Hongkong oder Moskau:

  • „”Gelbwesten” machen wieder mobil in Frankreich“ am 07. September bei der Deutschen Welle externer Link gibt sozusagen das Muster bundesdeutscher Medien-Berichterstattung vor: „… In der südfranzösischen Stadt Montpellier protestierten Berichten zufolge bis zu 3000 Menschen. Rund 500 der Demonstranten gehörten dem sogenannten Schwarzen Block an, wie BFMTV nach Angaben der zuständigen Präfektur Hérault berichtete. In der Innenstadt Montpelliers ging ein Polizeiwagen in Flammen auf, die Polizei setzte Tränengas ein. Zwei Menschen seien vorläufig festgenommen worden. Es habe sich nicht um einen friedlichen Protest gehandelt, teilte die Präfektur auf Twitter mit. Die Gewaltakte seien nicht tolerierbar. Auch in der nordfranzösischen Stadt Rouen protestierten mehrere Hundert Menschen, obwohl die Stadt Demonstrationen für Samstag zuvor per Dekret verboten hatte. Mehrere Demonstranten wurden vorläufig festgenommen und mehr als 100 verwarnt, berichtete die Zeitung “Le Parisien” unter Berufung auf die zuständige Präfektur. Kleinere Kundgebungen fanden in den Städten Marseille, Lille, Straßburg, Dijon, Bordeaux und Toulouse statt. Die „Gelbwesten” demonstrieren seit vergangenem November gegen die Reformpolitik der Mitte-Regierung...“ – woraus nicht nur die Frage sich erhebt, was dazu führt, die neoliberale Polizeistaats-Offensive als Reformpolitik der Mitte schön zu reden, sondern auch, warum etwa Polizeiwagen in Hongkong „schöner brennen“ als jene in Frankreich…