„French bashing“ in US-Magazin „Newsweek“: Ein Katastrophenbericht aus dem vermeintlich „sozialistischen“ Frankreich. Gespickt von haarsträubenden Fehlern

Artikel von Bernard Schmid vom 17.1.2014

Wie man im Handumdrehen Einigkeit gegen sich stiften kann, bewiesen jüngst zwei Korrespondentinnen des US-amerikanischen Magazins Newsweek mit ihren angeblichen Sittengemälden aus Frankreich. Das Land zu entmystifizieren und vom Sockel herunterzuholen – das hatten sie sich vorgeblich vorgenommen. Aufzuzeigen, „wie das Land mit dem (gallischen) Hahn zu jenem des Vogelstrauß wurde“, also den Kopf in den Sand steckt, hatte sich eine von ihnen laut eigenen Worten zum Ziel gesteckt. 

Dass das Ergebnis weithin und gründlich missfiel, lag nicht daran, dass man beim französischen Publikum nirgendwo „Miesmacherei“ am eigenen Land goutieren würde. Ganz im Gegenteil sogar: Weit entfernt davon, ständig den Nationalstolz gegen jegliche Kritik in Anschlag zu bringen, sind Teile der bürgerlichen Rechten im Gegenteil begeisterte Verfechter des hohen Lieds vom „Niedergang Frankreichs“. Erlaubt es ihnen doch, Druck zu entfalten für die von ihnen vehement geforderte „Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit“. Seit der Revolution von 1789-1793 misstrauen manche konservative Kreise gerne dem eigenen Land und berufen sich auf das vernünftigere europäische Ausland. Auf dass auch in Frankreich alles wieder ins Lot kommen möge.

Der wirtschaftsliberale Einpeitscher, Leitartikler (Le Point, Les Echos, früher auch Le Monde), Buchautor und Anwalt Nicolas Baverez hat ihn etwa seit langen Jahren beschworen. Und ihm zu Ehren hat man sogar einen eigenen Begriff dafür geschaffen: Man spricht vom déclinisme, also dem ständigen Beschwören des déclin (Nieder-, Rückgangs). Im Jahr 2003 verfasste er ein für diese Denkrichtung ziemlich grundlegendes Buch: La France qui tombe. Also „das Frankreich, das fällt“.

Nicht viel anders inspiriert war auch die Newsweek-Journalistin Janine di Giovanni, die angeblich seit zehn Jahren in Paris lebt – in einem Luxusviertel -, als sie ihren vielleicht aufsehenerregendsten Artikel verfasste. Er erschien am 03. Januar 14 unter dem Artikel The fall of France. Also gar nicht so weit von den Thesen eines Baverez entfernt, bis hinein in die Wortwahl des Titels. Nur war der Erfolg bei weitem nicht so durchschlagend wie beim französischen Beststeller-Autor. Hohngelächter und Spott waren weitaus eher die Folge als Applaus.

Und dies nicht nur, weil arrogante Franzosen sich vielleicht unliebsame Wahrheiten weniger gern von einer Ausländerin sagen lassen. Sondern auch, weil das Niveau derart dürftig und die Beispiele so falsch gewählt waren, dass es einfach auffallen musste. Nur ein Beispiel: Di Giovanni behauptet, die französische Misere komme darin zum Ausdruck, dass es – wie sie ihrem englischsprachigen Publikum erklärt – „im Französischen kein Wort für ,entrepreneur’ gibt“. Volltreffer: Das Wort (für „Unternehmer“) ist, wie viele  englische Begriffe im juristischen oder kommerziellen Bereich, ein Direktimport aus dem Französischen. Die Journalistin echauffiert sich darüber, dass Windeln für Mütter im französischen sozialistischen Paradies „gratis“ seien, was schlicht nicht stimmt. Sie stellt prekäre Kulturschaffende als Privilegierte hin, nur weil sie Anrecht auf Arbeitslosengeld haben, und sieht überall vermeintliche Frührentner. Und so sprudeln die Thesen munter weiter.

Die Wirtschaftszeitung Les Echos, ansonsten dem déclinisme nicht immer abhold, spricht von „einem Fehler pro Absatz“ und „einem Weltrekord für schlechten Journalismus“. Finanzminister Pierre Moscovici, ein wirtschaftsliberaler Sozialdemokrat, sah ebenso „wenigstens einen Grund zur Heiterkeit“ wie die eng mit New York verbundene französische Journalistin Anne Sinclair (Herausgeberin der Huffington Post). Ausnahmsweise waren sich wirklich fast alle einig.

Das US-amerikanische Magazin legte jedoch mit einem zweiten, ähnlich gestrickten Artikel am 07. Januar nach, dieses Mal aus der Feder von Leath McGrath Goodman. Sie erläuterte, nichts sei falsch, aber in Frankreich habe man „ein Problem mit der freien Meinungsäußerung“, besonders „beim Thema Wirtschaftsreformen“.

Newsweek war im Jahr 2013 monatelang nur noch als Internetausgabe erschien, hatte aber im Dezember das Erscheinen einer neuen Papierausgabe angekündigt. Mit deren Aufmachung von Anfang Januar ist es der Redaktion zumindest gelungen, internationales Aufsehen zu erregen.

Post scriptum: Inzwischen gibt es auch in Grossbritannien eine „French bashing“-Affâre. Am 07. Januar 14 publizierte die Gratis-Wirtschaftszeitung City AM – das hinterletzte Drecksblatt – einen Katastrophen-Artikel über „die Tragödie des Scheiterns des sozialistischen Experiments in Frankreich“ (sic). Der Artikel echauffiert sich u.a. über „den verallgemeinerten Hass gegen das Geschäftsleben, gegen den Kapitalismus, gegen Erfolg und Leistung“, welcher angeblich (gar schröcklich!) jenseits des Ärmelkanals grassiere. Auch dieses Fantasieprodukt war, ähnlich wie der oben zitierte Newsweek-Artikel, mit Fehlern gespickt. Die französische Botschaft in London kofferte zurück und publizierte eine Antwort, in welcher auf einige flagrante Fehler hingewiesen wurde. Das Antwortschreiben wies aber auch auf Erscheinungen der britischen Staatsbürokratie hin, als Antwort auf die Auslassungen des Artikels über die französische Ausgabe der Staatsbürokratie. Der britische Minister Jeremy Hunt zeigte sich daraufhin ganz empört über die (huch! shocking!) „wenig diplomatische Sprache“ des französischen Botschafters. Vgl. http://www.lemonde.fr/societe/article/2014/01/16/la-riposte-de-l-ambassade-de-france-a-un-article-de-french-bashing-fait-des-remous_4348742_3224.html externer Link

Man könnte es aber auch gänzlich undiplomatisch ausdrücken, etwa dergestalt, dass die wirtschaftliberalen Spinner sich ihre Propagandaartikel getrost sonst wohin stecken dürfen…